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Akute Nachwuchssorgen im deutschen Biathlon

Bundestrainer Mark Kirchner fürchtet, dass Top-10-Plätze künftig nur noch die Ausnahme sein werden. Warum der Druck aus der zweiten Reihe fehlt.

Auf der Suche nach der nachrückenden Biathlon-Generation: Bundestrainer Mark Kirchner.
Auf der Suche nach der nachrückenden Biathlon-Generation: Bundestrainer Mark Kirchner. © Archiv: dpa/Hendrik Schmidt

Von Marco Krummel

Oberhof. Einfach die Waffe in die Ecke stellen und gemütlich das ungewohnte Kaiserwetter am Grenzadler genießen, das konnte und wollte Denise Herrmann nach ihren enttäuschenden Auftritten am ersten Oberhofer Weltcup-Wochenende nicht.

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Stattdessen arbeitete die 32-Jährige akribisch mit Trainer Engelbert Sklorz und modernster Lasertechnik an ihrer Schießschwäche. Das ist auch zwingend notwendig, denn die deutsche Auswahl braucht ihre Vorzeigeathletin dringend in Bestform – genauso wie die anderen Arrivierten.

Die schwachen Ergebnisse in Oberhof deckten die Probleme im deutschen Biathlon gnadenlos auf. Schwächeln die Arrivierten, ist keiner da, der in die Bresche springt. Zweite Reihe? Läuft hinterher. Nachwuchs? Fehlanzeige!

Die Spitzenathleten alle jenseits der 30

„Natürlich würde man sich freuen, wenn man mal so einen Jungen hat, der gleich durchstarten kann. Aber den haben wir nicht“, sagte Bundestrainer Mark Kirchner ernüchtert.

Drei Saisonsieger sind erst 23: die Norweger Sturla Holm Lägreid und Johannes Dale sowie der Schwede Sebastian Samuelsson. Im deutschen Weltcupteam sind Athleten in diesem Alter nicht zu finden. „Früher war das definitiv anders“, monierte Simon Schempp. „Wir würden schon Anfang 20-Jährige starten lassen, wenn die gut genug wären“, sagte Arnd Peiffer.

Bei den Frauen sind Janina Hettich und Anna Weidel mit jeweils 24 Jahren die Jüngsten im Weltcupteam – und beide läuferisch weit von der Weltspitze entfernt. Die „Küken“ in der Männerriege sind Philipp Horn und Lucas Fratzscher mit 26. Die Spitzenathleten wie Peiffer, Benedikt Doll oder Erik Lesser sind alle jenseits der 30.

Neuer Nachwuchschef da, Perspektivkader verjüngt

„Es ist definitiv so, dass wir etwas lange brauchen, um die Junioren dann bei den Senioren in die Weltspitze zu entwickeln“, sagte der sportliche Leiter Bernd Eisenbichler. Man müsse sich viele Gedanken machen, forderte deshalb Doll, denn Fortschritte seien zwingend notwendig.

Angesichts des deutlich kleineren Talentepools im Vergleich zu Nationen wie Norwegen „müssen wir die Athleten, die wir haben, richtig gut, sauber und systematisch entwickeln“, so Eisenbichler. Auf dem Weg nach oben dürfe kein Talent leichtfertig verloren gehen. Er sei sicher, dass der Deutsche Skiverband „die richtigen Schritte“ bereits eingeleitet habe, doch „die greifen natürlich nicht innerhalb eines Jahres“.

Mit Zibi Szlufcik wurde ein neuer Nachwuchschef geholt. Sklorz ist als Schießtrainer der A-Mannschaft auch bei jedem Nachwuchslehrgang dabei. Dazu wurde der Perspektivkader verjüngt. Im zweitklassigen IBU-Cup sollen künftig vermehrt 20- bis 24-Jährige eingesetzt werden, um sie frühzeitig an die internationale Konkurrenzfähigkeit heranzuführen.

Bundestrainer mahnt Investitionen an

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Doch Kirchner fürchtet, dass das langfristig alles nichts bringen könnte, wenn die Rahmenbedingungen weiter schlechter werden. „Man muss grundsätzlich die Frage stellen, ob wir mit aller Konsequenz Leistungssport und Medaillen zählen wollen“, sagte der Bundestrainer: „Dafür ist es notwendig, in allen Bereichen – egal, ob finanziell, personell oder materiell – auch zu investieren.“ Doch diesbezüglich sehe es „sehr dünn“ aus.

Sollte das nicht besser werden, sagte der Bundestrainer knallhart, müsse sich Biathlon-Deutschland langfristig von Top-10-Plätzen verabschieden – „das ist der Fakt“. (sid)

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