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Entscheidung über Berufung im "Fall Frehse" ist gefallen

Das Arbeitsgericht Chemnitz hatte die Kündigung der Turn-Trainerin Gabriele Frehse für unwirksam erklärt. Wie der Olympiastützpunkt Sachsen jetzt reagiert.

Von Sven Geisler
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Die Turn-Trainerin Gabriele Frehse (r.) hat mit ihrem Anwalt Ludger Olbrich den Prozess am Arbeitsgericht in Chemnitz gewonnen.
Die Turn-Trainerin Gabriele Frehse (r.) hat mit ihrem Anwalt Ludger Olbrich den Prozess am Arbeitsgericht in Chemnitz gewonnen. © dpa-Zentralbild

Chemnitz. Das Arbeitsgericht Chemnitz hat die Kündigung von Gabriele Frehse durch den Olympiastützpunkt (OSP) Sachsen vor zwei Wochen für unwirksam erklärt. Demnach muss die 61-Jährige als Trainerin für die Turnerinnen am Bundesstützpunkt in Chemnitz weiter beschäftigt werden, inzwischen liegt die schriftliche Begründung vor. Deshalb traf sich der Vorstand des OSP am Donnerstag auch mit Frehse, um über die Vorgehensweise zu beraten. Über die konkreten Inhalte wurde Stillschweigen vereinbart.

Auf Nachfrage von Sächsische.de erklärt Thomas Weise, Leiter des OSP, aber zumindest: "Es wird keine Berufung geben. Wir setzen den Beschluss des Gerichtes um." Alles andere wäre für den Stützpunkt ein zu hohes finanzielles Risiko, denn er trägt allein die Kosten des Verfahrens - den Streitwert hatte der Richter auf 16.000 Euro festgesetzt. Der OSP muss Frehse ab sofort wieder ihr Gehalt überweisen und die seit dem 1. Mai aufgelaufene Summe nachzahlen.

Mit seiner Entscheidung widersetzt sich der Olympiastützpunkt dem Deutschen Turner-Bund (DTB), der unmittelbar nach der Urteilsverkündung gebeten hatte, "gegen dieses erstinstanzliche Urteil Berufung einzulegen und die bestehenden juristischen Mittel auszuschöpfen", wie es in einem Statement des Verbandes hieß.

Untersuchung: Richter sieht "schwerwiegenden Mangel"

Die Trainerin war nach Vorwürfen ehemaliger Turnerinnen im Magazin Der Spiegel, die Frehse unter anderem im Interview mit Sächsische.de zurückgewiesen hatte, am Jahresende 2020 freigestellt und zum 30. April durch den OSP als Arbeitgeber außerordentlich gekündigt worden. Das war jedoch auf Grundlage der vorhandenen Tatsachen nicht rechtens, hatte der Richter festgestellt und außerdem die mangelhafte Aufklärung der Anschuldigungen durch den OSP kritisiert. Bisher gibt es lediglich einen vom DTB bereits im Januar präsentierten Sachstandsbericht, der nach Auffassung der untersuchenden Anwaltskanzlei in Frankfurt am Main "in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin" beinhaltet.

Dieser 800 Seiten starke Bericht, für den nach Angaben der Kanzlei 32 Interviews geführt worden sind, lag dem Arbeitsgericht nur in einer Fassung vor, in der weite Teile geschwärzt waren, sodass der Richter feststellte, der Inhalt lasse sich nicht bewerten. Außerdem stellte er Versäumnisse bei der Untersuchung fest, zum Beispiel, dass keine aussagenpsychologische Betreuung stattgefunden habe. Das sei "ein schwerwiegender Mangel". Zu den konkreten Tatvorwürfen könne das Arbeitsgericht jedoch keine Stellung beziehen.

Theoretisch dürfte Frehse ihre Arbeit jetzt wieder aufnehmen, nachdem auch die Stadt Chemnitz ein im Mai verhängtes Hallenverbot bereits zum vergangenen Montag aufgehoben hatte. Das wird jedoch nicht passieren. Sie gehe erst einmal in den Urlaub, sagt Weise - und verweist auf die Haltung des DTB. Dieser lehnt eine weitere Zusammenarbeit mit der einst erfolgreichen Trainerin kategorisch ab.

"Wir sind als Olympiastützpunkt nur für die Finanzierung und den Arbeitsvertrag zuständig, aber die Fachaufsicht für die Trainer haben die Verbände und sie legen fest, mit wem sie arbeiten", erklärt Weise. Das heißt, gegen den Willen des DTB darf Frehse keine Athletinnen am Bundesstützpunkt betreuen. Darum gehe es aber auch ihr selbst nicht mehr, meint der OSP-Leiter: "Das Tischtuch ist zerschnitten, das kann man so sagen."

Gespräch für eine einvernehmliche Lösung

Deshalb setzt er auf eine einvernehmliche Lösung, die bereits vor der Verhandlung am Arbeitsgericht gefunden zu sein schien. Für die Trennung waren acht Punkte ausgehandelt worden, darunter die Abfindung. Die Vereinbarung scheiterte jedoch laut Frehes Anwalt Ludger Olbrich an zwei Punkten: Die Hallenzeiten, in denen Frehse hätte die Turnerinnen trainieren können, die sich weiterhin von ihrer betreuen lassen wollen, wurden dem Verein TuS Chemnitz-Altendorf gestrichen und dem Bundesstützpunkt zugeschrieben. Außerdem sollte sie zwar eine Ehrenerklärung erhalten, diese aber nicht öffentlich verwenden dürfen.

Das sei am Donnerstag kein Thema gewesen, sagt Weise. Die Lösung soll nun in einem Gespräch gefunden werden, an dem außer den direkten Beteiligten auch das Bundesinnenministerium als Geldgeber sowie der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als Dachverband vertreten sind. Dabei könnte es darum gehen, eine Möglichkeit zu finden, wie Frehse auf einer anderen Ebene weiter im sächsischen Turnen arbeiten könnte. "Das gilt es jetzt zu klären, damit man wieder Ruhe reinbringt", meint Weise.

Es sei kein genauer Termin festgelegt worden, "das sollte aber in den nächsten drei, vier Wochen über die Bühne gehen". Theoretisch könnte es in dieser Zeit auch noch eine erneute Wendung geben, denn die Berufung muss erst vier Wochen nach Eingang der schriftlichen Urteilsbegründung eingehen, das wäre am 7. November.