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Der Kalte Krieg auf der Skisprungschanze

Claus Tuchscherer nutzte Olympia 1976 zur Flucht aus der DDR und galt seitdem als „Sportverräter“. Bei der WM zwei Jahre später löste sich dann seine Skibindung.

Claus Tuchscherer verliert bei der WM 1978 im finnischen Lahti während des ersten Wettkampfsprunges einen Ski.
Claus Tuchscherer verliert bei der WM 1978 im finnischen Lahti während des ersten Wettkampfsprunges einen Ski. © imago

Von Thomas Purschke

Es gibt unvergessliche Momente im Sport, in denen Zuschauer den Atem angehalten haben. Die Szene gehört dazu: Ein Skispringer im knallroten Anzug spreizt seine Arme wie ein Adler. Er kämpft mit aller Macht um die Balance in der Luft, im Hintergrund der blaue Himmel. Er trägt nur einen Ski. Der andere schwebt zwischen seinen Beinen. Es sieht aus wie ein Zirkusstück. Doch es war sehr ernst, was dem damals 23-jährigen Claus Tuchscherer bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft im Februar 1978 im finnischen Lahti auf der Schanze passierte. Beim Absprung hatte sich die Bindung an seinem Ski gelöst.

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Knapp 60 Meter weit kam er. Nach der Landung folgte zwangsläufig ein Sturz. Ein Medaillenplatz war dahin. Doch der Mitfavorit hatte noch Glück. Er kam mit einer Wirbelsäulenverkrümmung und einigen blauen Flecken davon. Dass Tuchscherer den Ski verlor, ist für ihn weder Zufall noch Unfall. Bis heute hält er es für möglich, dass damals jemand aus seiner alten Heimat die Bindung an seinem rechten Ski manipulierte. Es war die Zeit des Kalten Krieges.

Tuchscherer stammte aus der DDR, wo er beim Sportclub Dynamo Klingenthal trainierte. Er war einer der besten Kombinierer der Welt. Bei Olympia 1976 in Innsbruck, wo der damals 21-Jährige Fünfter wurde, setzte er sich nach Österreich ab. Fortan galt Tuchscherer im Osten als „Sportverräter“. Die Flucht eines Spitzensportlers war für die DDR-Oberen immer auch eine große politische Niederlage.

DDR-Sportchef Manfred Ewald wollte Claus Tuchscherer unter Zusicherung von Straffreiheit zur Rückkehr bewegen.
DDR-Sportchef Manfred Ewald wollte Claus Tuchscherer unter Zusicherung von Straffreiheit zur Rückkehr bewegen. © dpa/Horst Ossinger

Bei ihm lief sie so: Monate vor den Winterspielen verliebte er sich im Trainingslager auf dem Dachsteingletscher in die Österreicherin Anna. Mit dem Taxi, das sie organisierte, ging es im Februar 1976 heimlich vom DDR-Olympia-Quartier in Mösern nach Bischofshofen und von dort im Zug in die Steiermark, Annas Heimat. Danach, das geht aus vielen Akten hervor, wurde Tuchscherer massiv von der Stasi überwacht. In seiner Akte ist vermerkt, dass „durch Hinweise von Inoffiziellen Mitarbeitern gezielte Informationen über das Verhalten und Auftreten Tuchscherers bei Auslandseinsätzen erarbeitet werden konnten“.

Die DDR-Funktionäre versuchten unter anderem mit aller Macht, seinen Start bei der Vierschanzentournee 1976/1977 zu verhindern. Doch Tuchscherer gelang es vielmehr, ein Zeichen zu setzen. Er schaffte es, sich binnen zehn Monaten vom DDR-Kombinierer zum Spezialspringer für Österreichs Vierschanzentournee-Team zu qualifizieren. „Ich wollte in Freiheit meinen Sport machen und zeigen, dass man auch ohne den politisch brutal instrumentalisierten DDR-Leistungssport samt Doping gut springen kann“, sagt der gebürtige Rodewischer. Trotz der Störattacken belegte er bei der Vierschanzentournee in der Gesamtwertung den 18. Platz und schaffte es beim Abschlussspringen in Bischofshofen erstmals unter die besten zehn.

Der DDR-Sportchef Manfred Ewald wollte ihn indes unter Zusicherung von Straffreiheit zur Rückkehr bewegen. Auch Tuchscherers Vater wurde bedrängt, er solle auf seinen Sohn per Telefon einwirken. „Mein Vater ist mehrfach nervlich zusammengebrochen“, sagt Tuchscherer. Das veranlasste ihn zu einer riskanten Reise. Mit seiner Freundin kam er unter „vorheriger Zusage für freies Geleit“ in die DDR zurück. „Im schlimmsten Fall wäre ich im Stasi-Knast gelandet. Aber ich wollte meinen Eltern die Gründe für die Flucht darlegen und ihnen ihre Schwiegertochter vorstellen“, sagt Tuchscherer.

Er lehnt Doping ab und traut der Stasi alles zu

Drei Wochen räumten die DDR-Behörden dem jungen Liebespaar ein, um sich für eine Zukunft im Arbeiter- und Bauernstaat zu entscheiden. Für ihn war das keine Option. „Die ständige Bevormundung und Gängelung als Spitzensportler konnte ich nicht mehr ertragen“, sagt er. Sein Entschluss, die Heimat zu verlassen, stand. Offizielles Motiv: Liebe, nicht die politischen Umstände. „Als wir dem zuständigen Funktionär mitteilten, dass wir nach Österreich zurückkehren wollten, knallte er zwei Flugtickets von Berlin-Schönefeld nach Wien auf den Tisch – verbunden mit der Forderung: Morgen sind Sie beide weg.“

Bei der WM 1978 in Finnland war Tuchscherer schließlich endgültig ein ernstzunehmender Konkurrent. Beim ersten Wettkampfsprung geschah die Sache mit dem Ski. Bis heute sei es ihm völlig rätselhaft, wie das passieren konnte. Oben auf dem Anlaufturm, da ist er sich ganz sicher, hatte Tuchscherer die Bindung noch kontrolliert. Hatte jemand, womöglich die Stasi, die Bindung manipuliert? Die Räume, in denen die Skier standen, waren nicht abgeschlossen, der Zugang leicht und unkompliziert. „Natürlich kann ich es nicht beweisen“, sagt Tuchscherer. „Aber vielleicht hatte die Stasi doch etwas damit zu tun. Nach allem, was man heute weiß, traue ich es ihr auf alle Fälle zu.“ Damit spielt er auf den Fall Lutz Eigendorf an. Der Ostberliner Fußballer, der in den Westen geflüchtet war, starb 1983 bei einem Autounfall. Einiges spricht dafür, dass die Stasi daran beteiligt war.

Das Unfallauto von Lutz Eigendorf: Er starb am 5. März 1983 an seinen Verletzungen.
Das Unfallauto von Lutz Eigendorf: Er starb am 5. März 1983 an seinen Verletzungen. © dpa/Wolfgang Weihs

Für den zweiten Sprung in Lahti reparierte Tuchscherer die Skibindung notdürftig und trat trotz Schmerzen an. Die Zuschauer feierten ihn. Doch ein Trost war das nicht. „Die Chance auf den größten Erfolg meiner Karriere war dahin. Für die DDR wäre das doch ein nationaler Trauertag gewesen, wenn ich für Österreich eine Medaille gewonnen hätte“, sagt er. Doch das Foto von seiner Stuntman-Einlage ging um die Welt und wurde in der BRD als Sportfoto des Jahres 1978 prämiert. Seine Skier ließ Tuchscherer bei späteren Wettkämpfen nie mehr aus den Augen. In der Saison 1978/1979 kam er bei der Vierschanzentournee auf den siebenten Platz, sein größter Erfolg. 1982 beendete Tuchscherer seine Karriere. Mit Anna gründete er eine Familie mit zwei Kindern. Mehr als drei Jahrzehnte arbeitete Tuchscherer bis zur Pensionierung 2019 als Angestellter in der Stadtverwaltung Innsbruck. Skispringen verfolgt er nur noch im Fernsehen. Doch ein Naturmensch ist Tuchscherer geblieben, geht häufig in die Berge, fährt Rad. Im Winter betreibt er gern Langlauf. Kontakte zu einstigen Sportkameraden in Sachsen und Thüringen pflegt Tuchscherer bis heute. In seiner erzgebirgischen Heimat in Schönheide bei Aue ist er eh oft – auch, um seine 93-jährige Mutter zu besuchen.

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Die Rechtfertigung, man habe damals bei der Stasi mitmachen müssen, lässt Tuchscherer immer noch nicht gelten. „Man hätte Nein sagen können. Zumindest hätten diese Leute ihre Stasitätigkeit nach dem Mauerfall nicht noch jahrelang verschweigen sollen“, sagt er. Entschuldigt habe sich bei ihm keiner der Stasi-Zuträger. Stattdessen werde Tuchscherer bis heute im Osten Deutschlands öfters mit der Meinung konfrontiert, er habe „damals die DDR verraten“. Seine Flucht habe er nie bereut, betont Tuchscherer: „Die Freiheit im Westen konnten Medaillen und eine Sportkarriere in der DDR nicht aufwiegen.“

Am Sonntag zeigt die ARD-Sportschau ab ca. 14.20 Uhr die preisgekrönte Dokumentation „Flucht und Verrat – Die Stasi-Akte Tuchscherer“.

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