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Biathlon: Hygienekonzept für WM kommt aus Deutschland

Ein früherer Staffel-Weltmeister sorgt dafür, dass es möglichst keine Corona-Fälle gibt. Für jeden Teilnehmer erstellt er einen individuellen Plan für die Stäbchenprobe.

Der Abstand ist ausbaufähig, die Masken sitzen dafür korrekt. Pokljuka ist bereit für die Weltmeisterschaft.
Der Abstand ist ausbaufähig, die Masken sitzen dafür korrekt. Pokljuka ist bereit für die Weltmeisterschaft. © Sven Hoppe/dpa

Von Andreas Morbach

Es gibt sie noch, die Momente, in denen sich Arnd Peiffer und Daniel Böhm unter freiem Himmel im Schnee begegnen. „Viel seltener als eigentlich schön wäre“, meint der 34-jährige Böhm, und sein neun Monate jüngerer Kumpel Peiffer erzählt: „An Trainingstagen sehe ich ihn manchmal auf der Loipe, weil er zwischendurch schon mal eine Stunde Ski läuft, um den Kopf frei zu kriegen. Aber sonst ist er meistens am Rechner, am Handy – und hat, glaube ich, sehr viel mehr Stress als ich.“

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Für Peiffer geht der sportliche Stress ab diesem Mittwoch wieder los, wenn im slowenischen Pokljuka die Biathlon-WM mit der Mixed-Staffel beginnt. Der Ex-Biathlet Böhm dagegen, seit gut einem Jahr beim Weltverband IBU angestellt, kümmert sich währenddessen um das Drumherum. Mit klarem Arbeitsschwerpunkt, zu dem er, wie er sagt, „ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde“ kam: die Umsetzung des Hygienekonzepts der IBU, das der Staffelweltmeister von 2015 mit entwickelt hat – und das derzeit rund 90 Prozent seiner Arbeitszeit verschlingt.

Zwei zentrale Entschlüsse

Beim Fußball, der nach dem ersten Lockdown im vergangenen Mai als erste Sportart wieder startete, studierten die Skijäger nach der „generellen Schockstarre“ (Böhm) die vorliegenden Corona-Maßnahmen, sahen sich zudem bei anderen Wintersportarten um. Ehe sie dann eigene, auf die speziellen Gegebenheiten im Biathlon ausgerichtete Pläne entwickelten.

Zwei zentrale Entschlüsse dabei waren: Die vielen Reisen durch Doppel-Weltcups zu beschränken sowie den gesamten Skijäger-Tross bei Ankunft am jeweiligen Austragungsort in ein Bubble-Prinzip einzugliedern. Mit dem Wort „Blase“ tut sich Böhm allerdings schwer. „Weil es faktisch keine geschlossene Blase ist, wir niemanden im Hotel einsperren“, erklärt er, betont aber auch: „Wir versuchen natürlich schon, die Kontakte zur Außenwelt auf ein Minimum zu reduzieren.“

Wirklich eingesperrt fühlt sich Peiffer, der eng mit Böhm befreundet ist, tatsächlich nicht. Auch wenn er es beim Saisonstart in Kontiolahti vorübergehend war: Wegen eines indifferenten Testergebnisses beim Teamkollegen Philipp Horn mussten die DSV-Skijäger rund 30 Stunden in ihren Zimmern bleiben, bekamen die Mahlzeiten dorthin gebracht und wurden an den Türen der Hotelzimmer getestet.

Abendessen in der Videoschalte

„Wir hatten ja unsere Waffen, konnten Trockentraining oder Gymnastik machen“, erinnert sich der Sprint-Olympiasieger und erzählt grinsend eine Anekdote: „Mit Erik Lesser habe ich mal per Videokonferenz Abendbrot gegessen. Wir saßen zwar nur fünf Zimmer auseinander, haben uns dann aber eben den Rechner hingestellt und Konferenz gemacht.“

Knapp 9.000 Corona-Tests hat die IBU in diesem Weltcup-Winter bislang vorgenommen – mit insgesamt 42 positiven Fällen. Bei der WM-Generalprobe in Antholz gab es keinen einzigen positiven Befund mehr, ebenso wie beim letzten Dezember-Weltcup in Hochfilzen. „Das spricht für unser Konzept“, schlussfolgert Böhm. Er weiß jedoch auch, dass beim Oberhof-Weltcup im Januar ein Betreuer des deutschen Teams wegen wiederholter Verstöße gegen die Corona-Richtlinien eine empfindliche Geldstrafe verpasst bekam.

Ganze Teams in Quarantäne

Zudem mussten diesen Winter schon ganze Mannschaften in Quarantäne gehen. In Kontiolahti war etwa das Team aus Moldawien betroffen, in Oberhof die bulgarische Mannschaft. Die IBU wertet das aber nicht als Rückschläge, sondern eher als Beleg für die Wirksamkeit der eigenen Maßnahmen. In die Blase kommt nur, wer einen negativen Test vorlegt. Vor Ort wird dann weiter kontrolliert, jeder Athlet, Betreuer und Journalist bekommt per Mail einen individuellen von Böhm ausgearbeiteten Plan, wann er sich wo zur Stäbchenprobe einzufinden hat. Das klappt reibungslos und dank mobiler Labors oder engen Kooperationen mit bestehenden liegen die Ergebnisse schnell vor.

„Ich habe mich bisher schon sicher gefühlt. Aber klar ist: Wenn man ein paar hundert Leute hat, sind wahrscheinlich immer einige wenige dabei, die die eine oder andere Maßnahme übertrieben finden. Das ist im Rest der Bevölkerung ja nicht anders“, sagt Peiffer. „Dadurch, dass ich nur im Team oder auf der Strecke unterwegs bin, hält sich das Risiko bei mir in Grenzen. Deshalb fühle ich mich hier nicht unsicherer als zu Hause – wo ich ja auch mal in den Supermarkt gehen müsste.“

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Nachdem viele Athleten in den vergangenen Wochen in der Heimat bei ihren Familien waren, steht nun der Saisonhöhepunkt in Pokljuka an. Böhm ist gespannt. „Ich hoffe, dass die Teams ihre Lehren gezogen und die internen Konzepte angepasst haben. Nicht, dass wir jetzt wieder von vorne anfangen müssen.“ (mit SZ/dk)

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