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Als DDR-Sport gesamtdeutsch zurechtgestutzt wurde

Die deutsche Einheit vor 30 Jahren bedeutete das Ende einer Weltmacht. Die Folgen besonders im Spitzensport sind bis heute spürbar.

Jürgen Schult (links) war der letzte Olympiasieger der DDR. Er gewann bei den Sommerspielen 1988 in Seoul die Goldmedaille im Diskuswurf. Rolf Danneberg aus der BRD holte Bronze.
Jürgen Schult (links) war der letzte Olympiasieger der DDR. Er gewann bei den Sommerspielen 1988 in Seoul die Goldmedaille im Diskuswurf. Rolf Danneberg aus der BRD holte Bronze. © dpa

Von Andreas Müller

Dresden. Angesprochen auf das Jahr 1990 schüttelt Sven Baumgarten mehrfach den Kopf. Unfassbar erscheint dem 60-jährigen Thüringer im Rückblick das Arbeitspensum, das er als Chef des Referats Leistungssport im Ministerium für Jugend und Sport der letzten DDR-Regierung bewältigte. Und fassungslos blickt er auf die verpassten Chancen, aus den Spitzensportsystemen von Ost und West ein schlagkräftiges Ganzes zu konstruieren.

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Am 21. September stimmte der Bundesrat dem deutsch-deutschen Einigungsvertrag zu. Die Tage für den DDR-Spitzensport, für die bestaunte, gefeierte und immer auch sehr geheimnisumwitterte sportliche Weltmacht waren gezählt.

„Es gab keine Zeit, in Ruhe die Stärken und Schwächen des jeweiligen Sportsystems zu analysieren und daraus Schlüsse zu ziehen“, erinnert sich Baumgarten. Den Absolventen der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig – parteilos, politisch unbelastet, fachlich bestens ausgebildet und gerade noch vor seinem Robotron-Rechner – hat es in den Wendewirren im Frühjahr 1990 praktisch über Nacht bis nach ganz oben gespült.

Als rechte Hand von CDU-Sportministerin Cordula Schubert erlebte der gebürtige Arnstädter das Ende des ostdeutschen Leistungssports aus nächster Nähe – und wie kein Zweiter. In der Hauptsache sei es vor 30 Jahren darum gegangen, „die Leute im DDR-Sport möglichst detailliert auf den bevorstehenden Prozess der Vereinigung vorzubereiten“, sagt Baumgarten.

Auf Veränderungen einstimmen

Er selbst und seine Mitstreiter seien zwischen April und September 1990 pausenlos in Bonn, Frankfurt am Main und anderen westdeutschen Großstädten unterwegs gewesen und hatten Unmengen von Gesprächen mit den Machern des bundesdeutschen Sports geführt – und parallel dazu zwischen Suhl und Rostock mit dem Personal der Sportverbände und Sport-Klubs. Schließlich galt es, die Leute im DDR-Spitzensport auf dramatische Veränderungen einzustimmen.

Athleten, Trainer, Funktionäre – sie alle mussten vorbereitet werden, dass schon bald die Gepflogenheiten, Regeln und Hoheitsrechte des bundesdeutschen Sportsystems für sie gelten würden, dessen Akteure die Diplomaten im Trainingsanzug der DDR bis dato bei großen internationalen Wettkämpfen besonders in olympischen Sportarten regelmäßig besiegt hatten.

Immer wieder und immer dringender hatte Baumgarten den Trainern im Osten empfohlen, schnellstmöglich die im bundesdeutschen Sport übliche A-Lizenz einzuführen. Nur so könne eine Vergleichbarkeit und damit auch Chancengleichheit hergestellt werden. Die Trainer, die vier Jahre studiert und ein DHfK-Diplom in der Tasche hatten, lachten ihn aus. Um eine Lizenz bemühen? Das sollte wohl ein Scherz sein. Es war alles andere als das, wie sich schnell herausstellte. Das renommierte Leipziger Diplom war nicht einmal die A-Lizenz wert, sondern gerade mal eine zweitklassige B-Lizenz. Ein Umtauschkurs, der einer schweren Demütigung gleichkam.

Heike Drechsler gehörte bereits bei Olympia 1988 in Seoul zur DDR-Auswahl.
Heike Drechsler gehörte bereits bei Olympia 1988 in Seoul zur DDR-Auswahl. © Ronald Bonß

Etwa 6.500 Sportlerinnen und Sportler, die ähnlich dem bundesdeutschen System in verschiedene Kader-Kategorien eingruppiert waren, umfasste das DDR-Fördersystem an dessen Ende. Rund 4.000 Trainer standen zudem im Dienst des Leistungssports, dessen tragende Säulen insgesamt 27 Sport-Klubs darstellten. Inklusive seiner 400 Trainings-Zentren (TZ) an der Basis und des Breitensports habe das gesamte Sport-System der DDR zuletzt vermutlich etwa zwei Milliarden Ost-Mark jährlich gekostet, erklärte Bernd Hermann von der Arbeitsgemeinschaft Ökonomie der DHfK in einem Interview Ende 1989. Bei einem Staatshaushalt von insgesamt rund 270 Milliarden Mark habe das Sport-Budget also unter einem Prozent gelegen – so die Hochrechnung. Nach offizieller Lesart sei nur ein Viertel des Gesamtbudgets in den Spitzensport geflossen, drei Viertel seien dem sogenannten Massen-Sport vorbehalten gewesen. Für Sporthistoriker eine schöne Herausforderung, nachträglich Licht in dieses DDR-Dunkel zu bringen.

Als gesichert gilt laut Baumgarten indes die Erkenntnis, dass aus dem ostdeutschen Leistungssport „nur wenige und weniges“ übernommen wurden. Gerade einmal hundert Trainer sollten neue Arbeitsverträge erhalten, so lautete das Ansinnen des Deutschen Sport-Bundes (DSB). Eine Offerte, die in zähen Verhandlungen nachgebessert wurde. Man einigte sich auf 500 vom Bundesinnenministerium finanzierte Trainer. Sie sollten in Abstimmung mit den Sportklubs und Fachverbänden ausgewählt werden. Für die anderen etwa 3.500 Trainer wurde vereinbart, sie über sogenannte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) aufzufangen.

Sonderregel für zwei Jahre

Eine Sonderregelung mit einer Laufzeit von zwei Jahren wurde ausnahmsweise auf den Leistungssport erweitert. „Auch dank juristischer Unterstützung von Experten, die sich bereits um die Kohlekumpels im Ruhrgebiet verdient gemacht hatten“, sagt Baumgarten.

Heftig gerungen wurde auch um das Schicksal der 27 ostdeutschen Sportklubs. Diese wurden nicht, wie zunächst bundesdeutsch gewollt, in zwei Olympia-Stützpunkte, je einen für Sommer- bzw. Winter-Sportarten, eingeschmolzen. Stattdessen strickte man für die neuen Bundesländer ein System mit flächendeckend acht Olympiastützpunkten samt Nebenstellen.

„Hätten sich die ursprünglichen Vorstellungen durchgesetzt, hätte das zu einem schlagartigen Ausbluten zahlreicher Spitzensport-Standorte geführt. Dann wäre noch viel weniger an Leistungssportpotenzial übrig geblieben. Aber auch so war der Aderlass in vielen Sportarten enorm“, betont Baumgarten, der nach dem Ende des Schubert-Ministeriums von der Sport-Abteilung des Bundesministeriums des Innern (BMI) übernommen wurde, danach zur Stiftung Deutsche Sporthilfe wechselte und nach einem Intermezzo beim Olympiastützpunkt Hessen seit 2013 beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) das Ressort Duale Karriere verantwortet.

Auch Ronny Weller zählte schon bei den Sommerspielen 1988 in Seoul zur DDR-Mannschaft.
Auch Ronny Weller zählte schon bei den Sommerspielen 1988 in Seoul zur DDR-Mannschaft. © dpa

Das Wort vom Aderlass galt nicht zuletzt für die ostdeutschen Athleten. Die besten 1.500 von ihnen wurden mit Stichtag 1. Januar 1991 zu Bundeskadern. Was im Umkehrschluss hieß: Rund 5.000 Kader-Athleten, vor allem die bereits geförderten Nachwuchs- und Anschluss-Kader, wurden nicht mehr unterstützt. Sie gingen dem gesamtdeutschen Leistungssport-System gleich am Start verloren.

Für jene 1.500 Sportler, die es über die Hürde schafften und die nach dem Prinzip der Gleichstellung etwa der Gesamtzahl der Bundeskader in den alten Ländern entsprachen, wurden dank einer bis dahin einmaligen Bundesförderung zugunsten der Deutschen Sporthilfe bis 1994 rund 36 Millionen D-Mark an Sonderfinanzmitteln bereitgestellt. In dieser Sache gab es zuvor persönliche Gespräche von Sporthilfe-Chef Josef Neckermann und NOK-Präsident Willi Daume mit Helmut Kohl und der Bitte um „grünes Licht“ aus dem Kanzleramt.

82 Medaillen bei Olympia 1992

Die Besten der Neu-Bundeskader glänzten 1992 bei den Olympischen Sommerspielen in Barcelona mit Edelmetall für die gesamtdeutsche Mannschaft. Wie Gewichtheber Ronny Weller und Ringer Maik Bullmann aus Frankfurt (Oder), die beide ebenso Gold gewannen wie die Brandenburger Kanutin Birgit Fischer. Die Schwimmerin Franziska van Almsick und der Turner Andreas Wecker (beide Berlin) gehörten zum Team, Leichtathletik-Ass Heike Drechsler aus Jena oder Bahnrad-Sprinter Jens Fiedler aus Chemnitz. Allesamt im DDR-Sport groß geworden, steuerten sie im Zeichen des Bundesadlers ihren Teil zu den insgesamt 82 deutschen Medaillen und Platz drei in der Nationen-Wertung bei. War die Sporteinheit also rundum geglückt?

Das sei eine unzulässige Verallgemeinerung, wie Zeitzeuge Baumgarten findet. Die schmerzlichste Erinnerung für ihn ist mit dem Schicksal jener Hochschule verknüpft, an der er selbst studierte und anschießend über ein Thema zum Nachwuchs-Leistungssport promovierte. Die im Oktober 1950 begründete DHfK sei einer der Dreh- und Angelpunkte für den DDR-Sport gewesen, weiß der ausgebildete Schwimmtrainer und ehemalige Spitzensportler im Flossenschwimmen und Orientierungstauchen. Hier erhielten nicht nur Trainer in sämtlichen noch so kleinen und vermeintlich unbedeutenden Sportarten ein vollgültiges Diplom und Berufsabschlüsse. Hier wurden Spezialisten ausgebildet, wie man sie heute im Sport „mit der Lupe suchen“ müsse.

Kein Interesse an der DHfK

Parallel dazu – „was heute kaum einer weiß“ – wurden in Leipzig ebenfalls die Funktionäre für den DDR-Sport herangebildet, um von der kommunalen Ebene über die Bezirke bis hin zur Spitze in einem straff organisierten System „mit einer Sprache zu sprechen“. Und es wurden Studenten aus aller Herren Länder ausgebildet, die später in ihrer Heimat oder im internationalen Sport die Karriereleiter erklommen. „Es gab Zeiten, da hatten fast ein Drittel der Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees ihre Ausbildung an der DHfK absolviert“, sagt Baumgarten.

Weder das Bundesinnenministerium habe sich für die Hochschule starkgemacht, noch habe die sächsische Landesregierung Interesse signalisiert. „Keiner wollte diese Einrichtung fortführen, am Ende war es eine rein politische Entscheidung, die DHfK aufzugeben“, bekräftigt Baumgarten. „Das war ein unverzeihlicher Fehler.“ Mit Folgen bis in die Gegenwart. Das Trainer-Thema sei aktuell im bundesdeutschen Sport „eine Riesenbaustelle“. Schon deshalb bleibe das Kapitel ein trauriges.

Der Sport-Paragraf im Einigungsvertrag

Der deutsch-deutsche Einigungsvertrag, der den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik regelt, wurde am 20. September 1990 von der Volkskammer der DDR und am folgenden Tag vom Bundestag und vom Bundesrat angenommen. Artikel 39 des Vertrages widmet dem Sport nur wenige Sätze:

Absatz 1: Die in Artikel 3 genannten in Umwandlung befindlichen Strukturen des Sports werden auf Selbstverwaltung umgestellt. Die öffentlichen Hände fördern den Sport ideell und materiell nach der Zuständigkeitsverteilung des Grundgesetzes.

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Absatz 2: Der Spitzensport und seine Entwicklung in dem Artikel 3 genannten Gebiet wird, soweit er sich bewährt hat, weiter gefördert. Die Förderung erfolgt im Rahmen der in der Bundesrepublik Deutschland bestehenden Regeln und Grundsätze nach Maßgabe der öffentlichen Haushalte in dem Artikel 3 genannten Gebiet. In diesem Rahmen werden das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig, das vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannte Doping-Kontroll-Labor in Kreischa (bei Dresden) und die Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES) in Berlin (Ost) – in der jeweils angemessenen Rechtsform – als Einrichtungen im vereinten Deutschland in erforderlichem Umfang fortgeführt oder bestehenden Einrichtungen angegliedert.

Absatz 3: Für eine Übergangszeit bis zum 31. Dezember 1992 unterstützt der Bund den Behindertensport.

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