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Depression: Das große Tabu im Leistungssport

Der Suizid des Ruderers Corinth schockierte 2016 die Szene. Weil Depressionen kein Einzelfall sind, engagieren sich nun Kollegen und Trainer.

Lange Zeit war Yannic Corinth (Zweiter von rechts) einer von ihnen: Ein erfolgreicher Ruderer, bis er mit dem Leistungsdruck und seinen Ängsten nicht mehr zurechtkam.
Lange Zeit war Yannic Corinth (Zweiter von rechts) einer von ihnen: Ein erfolgreicher Ruderer, bis er mit dem Leistungsdruck und seinen Ängsten nicht mehr zurechtkam. © privat

Zwei Tage nach dem 50. Geburtstag seiner Mutter nimmt sich der damals 26-jährige Yannic Corinth das Leben. Ruder-Talent, Sohn, bester Freund und schwer depressiv. Er entscheidet sich, seinem Leben ein Ende zu setzen und nicht mehr gegen die eigenen Gedanken und Ängste zu kämpfen. Vier Jahre ist das jetzt her. Eine Nachricht, die schockierte – verbunden mit einer Frage, die seine Freunde nach wie vor umtreibt: Hätten sie etwas merken müssen?

Es gibt Vereine, die inzwischen präventiv gegen das Stigma von Depressionen arbeiten und da ansetzen, wo viele Sportler straucheln. Einer davon ist der Verein „Wir für Yannic“ im nordfriesischen Friedrichstadt, in dessen Vorstand Yannics Mutter, die erste Vorsitzende, und ausschließlich Menschen sitzen, die ihm nahestanden wie Philipp Birkner.

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Birkner, Facharzt für Orthopädie, verlor mit dem Suizid von Yannic überraschend den besten Freund, Mitbewohner und ehemaligen Ruderkollegen. Es dauert ein wenig, bis er das Gespräch mit der Sächsischen Zeitung bei Facetime annimmt. Für einen Moment ist nichts zu hören, außer das Prasseln des Regens an der Fensterscheibe. Sekunden vergehen, bevor Birkner antwortet. Erst zögerlich, doch dann beginnt er zu erzählen. „Manchmal ist das alles schon ganz weit weg und dann wieder, als wäre es erst gestern gewesen“, erzählt er. Seit Yannics Tod wiederholen sich unfreiwillig Erinnerungen und Momente, sowohl die schönen als auch die, die er eigentlich lieber vergessen würde.

Wie jeden in der Sportwelt hatte 2009 auch ihn der Suizid von Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke erschüttert. Beim Gedanken an Leistungssportler tauchen Bilder von jubelnden Athleten in den Köpfen auf, vor Kraft strotzende Körper, erarbeitet mit Disziplin, Ehrgeiz und Kampfgeist. Sie verschleiern oft, dass sich ein Problem von Sportlern hinter der Stirn befindet.

Wird eine Depression frühzeitig erkannt, ist sie in der Regel gut behandelbar. Aber genau hier liegt die Krux: Das Erkennen einer Depression ist aufgrund unspezifischer und sehr individueller Symptome oft unmöglich. Hier versucht der Verein „Wir für Yannic“ anzusetzen. Seit mittlerweile drei Jahren verfolgt er das Ziel, gegen das Stigma dieser psychischen Krankheit zu arbeiten und aufzuklären.

Auch Yannics enger Freund und damaliger Bootspartner, der Berliner Lars Wichert, hatte bis zu diesem tragischen Ereignis keinerlei Berührungspunkte mit Depressionen. Ihn erwischte die Nachricht von Yannics Tod eiskalt. Hatten sie doch Tage zuvor noch telefoniert und Pläne für das nächste Jahr besprochen. Ein Radrennen sollte es werden, das „Absa Cape Epic“ in Südafrika. Die Betroffenen tun alles dafür, dass ihr innerer Kampf möglichst unentdeckt bleibt und niemand etwas erfährt.

Eine Depression ist kaum sichtbar

Wie Yannics engste Freunde sah auch Ruder-Bundestrainer Dirk Brockmann in dem jungen Sportler niemanden, bei dem man eine Depression vermuten würde. „Mister Zuverlässig“ nennt er ihn. Fleißig, unkompliziert, ein akribischer Arbeiter, immer fokussiert und konstant in seiner Leistung.

Auch das Attribut „typisch norddeutsch“ fällt, wenn Yannics Charakter von seinen Wegbegleitern beschrieben wird. Was Yannic nicht war? Schwach, sentimental, aufbrausend oder trübsinnig. Er hat gemacht, was auf dem Trainingsplan stand, und war dabei sehr hart zu sich selbst. „Eigentlich hatte man mit ihm nie Sorgen oder Probleme“, erinnert sich der Trainer.

Anders als bei einer physischen Verletzung wie etwa einem Kreuzbandriss ist eine Depression kaum sichtbar. Dinge, die sich im Kopf der Athleten abspielen, bleiben für die Außenwelt verborgen. „Ich frage mich manchmal, ob ich mit meinem jetzigen Wissen bei Yannic etwas erkannt hätte“, erzählt Birkner ein wenig leiser. Eine Frage, die ewig unbeantwortet bleibt.

Anders als oft vermutet, sind Sportler nicht nur während ihrer aktiven Zeit gefährdet, psychisch zu erkranken. Gerade nach dem Ende der sportlichen Karriere laufen einige von ihnen Gefahr, in ein Loch zu fallen. Viele müssen sich das erste Mal die Frage stellen, wer man neben dem Leistungssport eigentlich noch ist. Optimalerweise kennt man dann eine Antwort. „Man wird super betreut, wenn es darum geht, sich von fünf auf 20 Trainingseinheiten zu steigern", sagt Birkner, aber: „Wie man nachher wieder von 20 auf fünf Einheiten kommt und einfach nur Spaß am Sport hat, da ist man irgendwie verloren.“

Phelps-Film zeigt Schattenseiten

Depressionen sind bis heute mit vielen Vorurteilen gegenüber den Erkrankten behaftet. In der Öffentlichkeit wird über diese Themen zwar zunehmend, aber insgesamt noch zu wenig gesprochen. Der Leistungssport ist keine Ausnahme, eher ein Abbild der Allgemeinheit, weiß auch Ruder-Bundestrainer Brockmann. „Mit einer Depression wird man gleich als psychologisches Wrack abgestempelt“, beklagt er – und setzt nach: „Das ist natürlich etwas, das man gerade im Leistungssport, aber auch in der Gesellschaft nicht haben möchte.“

Denn vieles im täglichen Leben dreht sich in allererster Linie um Leistung. Und alles, was die Leistung schmälert, ist nichts, was nach außen getragen wird. Damit kommen einige Athleten gut zurecht – und andere gar nicht. In der von Erfolgsdruck geprägten Blase ist es für die Betroffenen mit einem erheblichen Gefühl von Scham verbunden, sich zuerst selbst eine psychische Erkrankung einzugestehen und dann nach außen zu kommunizieren. Das Gefühl, versagt zu haben, hemmt, sich mit dieser Art Problem frühzeitig an die richtige Stelle zu wenden.

Lars Wichert ist sicher, Sportler hätten Angst davor, nach einem Outing nicht mehr Teil des Teams sein zu können. Neben den objektiven Leistungsparametern obliegt die Entscheidung schließlich den Trainern, wer im Boot sitzt und wer vom Rand aus zuschauen wird. Zwar leben die Sportler in einem gut strukturierten Netz aus Trainern, Betreuern und Sportmedizinern, aber die Ziele der im Verband tätigen Sportpsychologen lägen weniger in der Prävention, als in der Leistungsoptimierung der Athleten, erklärt Philipp Birkner.

Schwimmstar Michael Phelps war laut eigener Aussage dem Tod näher als dem Leben.
Schwimmstar Michael Phelps war laut eigener Aussage dem Tod näher als dem Leben. © atrick B. Kraemer / EPA / dpa

Eines müsse endlich in die Köpfe: Depressionen sind eine ernsthafte, aber behandelbare Krankheit, für die sich keiner schämen muss. Auch Helden dürfen straucheln. Als Beispiel nennt Birkner den Schwimmer und bisher erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten: Michael Phelps, „die größte Maschine, die die Sportwelt je gesehen hat“. Nicht mal der sei dagegen immun.

 Anders als viele Athleten entschied sich Phelps 2014, seine Krankheit öffentlich zu machen. Er sprach von Phasen seiner Vergangenheit, in denen er in Gedanken dem Tod näher war, als dem Leben. Der von Phelps mitproduzierte Dokumentarfilm „The Weight of Gold“ („Das Gewicht von Gold“) zeigt die Schattenseiten speziell des amerikanischen Sports.

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Was sich seit Yannic Corinths Tod verändert hat? „Ein Grundvertrauen, das immer alles gut wird, ist mit seinem Tod verschwunden. Aber es ist auch schön zu sehen, welche Aufmerksamkeit wir nach Yannics Tod schon erreichen konnten“, sagt Birkner mit einem milden Lächeln im Gesicht. Seine größte Motivation, den Verein und die Bekanntheit seiner Botschaft „Let's beat depression“ wachsen zu lassen, hängt direkt an der Eingangstür. Es ist das Foto von seinem besten Freund Yannic.

Am Mittwoch lesen Sie auf sächsische.de: Macht Leistungssport die Seele krank? Die renommierte Sportpsychologin Anett Szigeti im Interview.

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