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Sport

Der Glaube spielt mit

Fans feiern Spieler als Fußballgötter. Dass die Religion in manchen Mannschaften tatsächlich eine Rolle spielt, ist aber kaum bekannt.

Von Timotheus Eimert
 6 Min.
David Alaba zeigte dem Champions-League-Sieg 2013 mit dem FC Bayern ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Meine Kraft liegt in Jesus“.
David Alaba zeigte dem Champions-League-Sieg 2013 mit dem FC Bayern ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Meine Kraft liegt in Jesus“. © dpa

Dresden. Stadionsprecher Peter Hauskeller ruft in das Mikrofon: „Mooouuusssaaa.“ Die Dresdner Anhänger feiern den Dynamo-Stürmer und antworten: „Kooonnnééé. Fußballgott.“ Solche religiösen Ausdrücke gehören zum Standard-Repertoire unter den Anhängern. Da wird vom heiligen Rasen gesprochen, gute Kicker als Messias gefeiert. Und wenn Viertligist Rödinghausen den Zweitligisten Dynamo Dresden aus dem Pokal wirft, wird die Geschichte von David und Goliath aus dem Alten Testament bemüht.

Dreht sich ein Spiel unerwartet wie 2011 zwischen Dynamo und Bayer Leverkusen, als die Dresdner einen 0:3-Rückstand noch in ein 4:3 umwandeln konnten, dann ist vom nicht geglaubten Wunder die Rede. Spieltage sind für viele Fans heilig und Profis die Angebeteten – und dann gibt es noch den Fußballgott.

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Fußball und Glaube haben aber mehr miteinander zu tun als nur die Sprache, meint zumindest Buchautor und Mentaltrainer David Kadel. „Ich glaube, dass sich Gott sehr wohl mit Fußball beschäftigt, mehr als wir denken. Aus dem einfachen Grund, weil er uns Menschen liebt und sich für uns interessiert, was uns glücklich macht“, sagt der Christ.

Glaube führt Klopp durchs Leben

Kadel begleitet seit vielen Jahren Spitzensportler und Trainer aus Fußball und Leichtathletik. Unter anderem arbeitet er mit Jürgen Klopp, David Alaba, Thilo Kehrer, Davie Selke und Heiko Herrlich sowie der Leichtathletik-Nationalmannschaft zusammen. Bei seiner Arbeit kommt eine Frage immer wieder auf: „Was macht uns stark?“

Von vielen bekommt er als Antwort: „Der Glaube an Gott.“ Dies sagt zum Beispiel Klopp in Kadels Buch. „Er führt mich durchs Leben, ist meine absolute Reißleine und meine Leitlinie“, erzählt der Trainer des FC Liverpool.

Auch für Bayern-Verteidiger David Alaba ist dies eine wichtige Säule. „Ich denke, dass Gott natürlich einen Plan für jeden Einzelnen hat und in Krisenzeiten gern hilft. Er belohnt die, die ihm vertrauen. Deswegen bin ich auch immer für die Täler in meinem Leben dankbar, weil sie mich noch enger zu seiner Liebe bringen.“

Alaba holte 2013 mit dem FC Bayern das Triple – und zeigte nach dem Gewinn der Champions League mit einem Aufdruck auf seinem Shirt, wem er das auch zu verdanken hat: „Meine Kraft liegt in Jesus“.

Heiko Herrlich benutzt Bibel als Motivationsbuch

Klopp und Alaba sprechen offen über ihren Glauben. Das mag verwundern, sie sind aber nicht die Einzigen. Während die Kirchen in Deutschland Mitglieder verlieren, gewinnt Religion im Fußball und in der Bundesliga an Bedeutung.

„Als Spieler habe ich das Gefühl gehabt, die Leute denken, ich wäre ein bisschen dicht. Weil ich kein Ausländer war und als Deutscher trotzdem einen sehr tiefen Glauben hatte“, sagt Heiko Herrlich. „Und die Leute haben sich damals über mich lustig gemacht. Das war so schlimm, dass ich mich oft für meinen Glauben geschämt habe. Heute ist es genau andersherum. Die Spieler öffnen sich immer mehr dem Glauben gegenüber.“

Der Trainer von Bayer Leverkusen nutzt die Bibel als Motivationsbuch für seine Mannschaft. „Ich habe als Fußballlehrer auch einen pädagogischen Auftrag, jungen Menschen zu helfen, sich zu besseren Menschen zu entwickeln. Gerade da spielt der Glaube eine Rolle.“

Für Jürgen Klopp steht fest: Gott liebt auch den Fußball, aber fürs Toreschießen sind trotzdem die Spieler verantwortlich. Foto: dpa/Mike Egerton
Für Jürgen Klopp steht fest: Gott liebt auch den Fußball, aber fürs Toreschießen sind trotzdem die Spieler verantwortlich. Foto: dpa/Mike Egerton © dpa

Ex-Dynamo-Kapitän René Müller kam erst Mitte der 1990er-Jahre zum christlichen Glauben. Die Begegnung mit dem brasilianischen Weltmeister Jorginho, der damals bei Bayer Leverkusen kickte, brachte den Torwart ins Grübeln: Er überreichte jedem Kapitän der Bundesliga vor dem Anpfiff eine Bibel. „Das Geschenk habe ich in einer Phase bekommen, in der ich viel nachgedacht habe. In der Wendezeit merkte ich, dass das System des Ostens nicht funktioniert hat, und das System des Westens tat es auch nicht wirklich. Da muss es doch einfach noch mehr geben.“

Dieses „Mehr“ fand Müller im christlichen Glauben. Als Kind des Ostens gab es für den DDR-Nationaltorwart nur wenige Berührungspunkte mit diesem Thema. „Glaube hat eine untergeordnete Rolle gespielt. Mit Jesus bin ich nur am Rande in Kontakt gekommen. Ich habe mal in der ARD einen Film über ihn gesehen.“

Heute sagt er: „Ich bin froh, dass Jesus mich doch noch gefunden hat und ich ihn in mein Leben gelassen habe. Ich wollte mit Fußball alle Lebensfragen beantworten, aber Fußball ist nicht das Leben. Jesus hat dann die Dinge neu geordnet. Er hat mir den Druck genommen, ohne dass ich meine Leistungsfähigkeit als Profi eingebüßt habe.“

Einen Fußballgott, der über Sieg und Niederlage entscheidet, gibt es für ihn nicht. Klopp sagt: „Ich glaube, dass es Gott ist, der uns Menschen genau so liebt, wie wir sind, mit all unseren Macken, und er deswegen auch den Fußball liebt. Nur: Die Kiste müssen wir schon selber treffen.“

Torhüter René Müller spielte von 1991 bis 1994 für Dynamo Dresden. In dieser Zeit fand der gebürtige Leipziger zu seinem Glauben. Foto: Frank Krucynski
Torhüter René Müller spielte von 1991 bis 1994 für Dynamo Dresden. In dieser Zeit fand der gebürtige Leipziger zu seinem Glauben. Foto: Frank Krucynski © dpa

Dies sieht auch Ex-Torwart und Fernsehexperte Oliver Kahn so. Auf die Frage, ob Fußballer die wahren Götter seien, antwortete er: „Ich selbst habe auch von einem Fußballgott gesprochen und mich hinterher geärgert: ‚Wie kannst du nur so einen Blödsinn von dir geben?‘ Es gibt nur einen einzigen Gott. Er gibt uns die Kraft, mit allem, was wir positiv wie negativ erleben, umzugehen. Es ist der Gott der Christen, dem ich am nächsten stehe.“

Der Glaube, da sind sie sich einig, sei wichtiger als der Fußball. Er hilft ihnen, mit schwierigen Situationen und mit dem Druck besser umzugehen. „Im Fußball ist es oft so, dass du an dem einen Tag der Held bist und am anderen Tag wirst du von den eigenen Anhängern ausgepfiffen, wenn die Leistung nicht stimmt. Bei Gott ist es so, dass du immer wertvoll bist“, sagt Kadel. „Diejenigen, die das für sich erkannt haben, können den ganzen Druck bei ihm abladen. Für diese Sportler ist das so etwas wie legales Doping. Sie haben bei Gott das Gefühl: Hier kann ich ich sein.“

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Dies hat auch Dynamo-Stürmer Koné für sich erkannt. Als er im März 2018 beim 3:2-Sieg gegen Heidenheim zum ersten Mal als Fußballgott gefeiert wurde, weil er alle drei Tore geschossen hatte, sagte der Moslem: „Ich bin den Dynamo-Fans sehr dankbar, dass sie mich so aufgenommen haben. Aber es gibt für mich nur einen Gott – und an den glaube ich.“

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