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Warum Dresdner Kletterer bei minus 25 Grad Probeschlafen

Der Kälte-Test ist ein Vorgeschmack auf die Pamir-Expedition. Das Team ist bereits gerüstet – auch durch Erfahrungen anderer.

Ein Nachtlager auf mehr als 4.600 Metern Höhe: Elias Betka beim Probeschlafen für die Pamir-Expedition auf der Dafourspitze in den Walliser Alpen.
Ein Nachtlager auf mehr als 4.600 Metern Höhe: Elias Betka beim Probeschlafen für die Pamir-Expedition auf der Dafourspitze in den Walliser Alpen. © privat

Dresden. Neun blaue Expeditions-Tonnen hoben vergangenen Freitag in Dresden-Klotzsche ab. Die rund 320 Kilogramm schwere Sendung besteht aus Zelten und Fertignahrung, schweren Bergschuhen und Steigeisen, Alpin- und Kochausrüstung. Zielort der unverwüstlichen Plastefässer ist Bischkek, die Hauptstadt Kirgisistans, die mal Frunse hieß, als es die Sowjetrepubliken noch gab. Die Luftfracht bildet die Grundlage und Vorhut für PMX 21. So nennt sich die sächsische Expedition zu drei Siebentausendern im Pamir und Tien Shan. Vier Männer und eine Frau starten an diesem Donnerstag am Dresdner Hauptbahnhof. Per Zug geht es nach Berlin, dann fliegen sie über Istanbul nach Bischkek.

Vor gut sechs Jahren keimte die Idee, zu den einst höchsten Gipfeln aufzubrechen, die es für DDR-Bürger in der ehemaligen UdSSR gab. Der Dresdner Elias Betka fand mit dem Rheinländer Matthias Nolden beim Innenarchitektur-Studium in Halle/Saale einen Gleichgesinnten für Abenteuer in den Bergen. Inzwischen arbeiten beide zusammen in Dresden.

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Vor zwei Jahren begannen sie, die Expedition in Zentralasien ernsthaft zu planen, inzwischen kündigten sie für ihren großen Abenteuer-Traum den Job und nehmen eine viermonatige Auszeit. Ihr Plan: Besteigung des Pik Lenin (7.134 m), Pik Khan Tengri (7.010 m) und Pik Pobeda (7.439 m).Die aktuellen Corona-Einschränkungen sind nach wie vor die größte Ungewissheit für das Projekt. Bisher brauchte das Team jedoch nicht zu „Plan B“ für die Extremtour zu greifen.

Unterwegs in dünn besiedelten Landschaften

„Wir müssen negativ getestet sein, dann ist eine Einreise in Kirgisistan möglich“, erklärt Betka die gegenwärtigen Gesundheits-Bestimmungen. „Dort soll es keine dramatischen Ausbrüche oder Hotspots im Lande geben. Wir werden in Bischkek vorsichtig sein, dann bewegen wir uns in sehr dünn besiedelten Landstrichen“, meint er. Das Team hat sich zudem mit Masken eingedeckt für die Tage in Städten oder Ortschaften.

Es ist ein Aufbruch in neue Höhen. Trotz aller Corona-Einschränkungen waren sie in den vergangenen Monaten rund um Dresden aktiv unterwegs, haben sich die nötige Kondition bei Berg- und Treppenläufen sowie mit Rennrad-Kilometern geholt. Sie wissen: Alle sind fit. Was sie allerdings noch nicht aus eigenem Erleben kennen: Was passiert mit ihnen in der Höhenluft jenseits der 5.500 Meter?

Aber Betka und seine Mitstreiter haben sich auch darauf vorbereitet, so gut das eben ging. „Wir wollen die Erkenntnisse von anderen nutzen und haben das Internet durchforstet nach Erfahrungsberichten“, erzählt er. In Bergsteiger-Biografien fanden sie einige Tipps.

So gab es in einem Buch von Gerlinde Kaltenbrunner, die als erste Frau der Welt auf allen 14 Achttausendern ohne Hilfe von künstlichem Sauerstoff stand, gute Ratschläge. „Manchmal fanden wir die sogar in Nebensätzen. So erhielten wir Insider-Tipps, was in der Höhe wichtig sein kann. Und wir suchten in alten Berichten der sächsischen Achttausender-Expeditionen nach der Wende, was sie damals für Erfahrungen gemacht hatten“, sagt Betka.

Diese Skizze zeigt, wie der Pik Lenin erobert werden soll.
Diese Skizze zeigt, wie der Pik Lenin erobert werden soll. © Elias Betka

Sie trafen sich auch mit Frank Meutzner, einer der damaligen erfolgreichen Achttausender-Alpinisten, der inzwischen das Dresdner Bergsichten-Filmfestival organisiert. „Er hat sich einen ganzen Abend für uns Zeit genommen. Und wir haben ihn Löcher in den Bauch gefragt. Da gab es viele Details zu klären, wir bekamen viele Ratschläge. Meutz war super geduldig. Und uns wurde dabei auch wieder mal bewusst, dass die Ausrüstung heute schon wieder viel besser ist als vor über 20 Jahren“, meint Betka.

Nach der Theorie und dem Wissen anderer wollen sie nun selbst ihre Erfahrungen sammeln. Immerhin gab es im Winter einen Kältetest im Walis und Berner Oberland. „Wir haben bei minus 25 Grad im Freien geschlafen, Schlafsäcke getestet“, berichtet Betka, und er stellt fest: „Da wird einem schnell klar, wie mühsam es ist, sich warm zu halten oder ein Zelt alleine aufzubauen. Da sind Hände und Füße ganz schnell taub. Es war eine eigentümliche Erfahrung, da es im Pamir in der Höhe noch stürmischer, noch widriger sein kann.“

Voller Respekt vor den kommenden Abenteuern sagt Matthias Nolden: „Ein, zwei eisige Tage in den Alpen lassen sich natürlich nicht mit den Pamir-Bergen vergleichen, wo wir uns vier, fünf Wochen in der Höhe aufhalten werden. In den Alpen sind wir relativ schnell wieder im Tal oder in einer Hütte. Am Pik Pobeda könnten wir bis zu neun Tagen in extremer Höhe unterwegs sein.“ Die Schwierigkeiten dort werden sogar mit einer Achttausender-Besteigung verglichen.

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„PMX21“ lautet der Name der sächsischen Pamir-Expedition, die im Mai starten soll. Das Projekt hat seinen Preis – Auftakt der Serie „Wenn Abenteuer auf Corona trifft“.

Der Rückflug ist für den 20. September gebucht. Auf Überraschungen sind sie eingerichtet. „Rein rechnerisch können wir für jeden Berg drei Anläufe planen“, sagt Betka. „Die Feinplanung erfolgt erst vor Ort und ist auch abhängig vom Wetter.“ Sie wollen zudem den Kontakt zur Heimat halten und den aktuellen Expeditions-Verlauf so zeitnah wie möglich in ihrem Blog auf ihrer Homepage dokumentieren. Dort besteht im Netz auch die Möglichkeit, Grußpostkarten zu bestellen. Die gehören zu den Bausteinen für die Refinanzierung ihres ehrgeizigen Projektes.

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