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„Peanuts-Wettkampf“ macht Dresdnerin unsterblich

Christa Kay hat den Eiswurm-Pokal erfunden. Nun erhält die 83-Jährige den Bundesverdienstorden - und sagt, wovor sie noch immer "panische Angst" hat.

Seit 61 Jahren verheiratet: Christa Kay und ihr Mann Ewald.
Seit 61 Jahren verheiratet: Christa Kay und ihr Mann Ewald. © Ronald Bonß

Dresden. Im Moment muss sich Christa Kay noch ein bisschen in Geduld üben. Die Knochen – oder besser die Gelenke. Vor drei Monaten hat sich die 83-Jährige ein künstliches Kniegelenk einsetzen lassen. Eine lange, dünne Narbe zeugt davon. Die empfohlenen Gehhilfen hat sie noch in der Reha beiseite gelegt.

Kay ist fast wieder so sportlich wie eh und je. Das Leben der Rentnerin ist seit fast 80 Jahren vom Sport geprägt. Und sie hat den SV Felsenkeller Dresden maßgeblich mitgestaltet. Aus der Betriebssportgemeinschaft der einstmals größten Brauerei Europas hat sie den größten der kleinen Mehrspartenvereine Dresdens gemacht. So anerkennend spricht man in der Szene über den Klub. Dessen Gesicht ist seit mehr als 30 Jahren die Frau mit den nun silbergrauen Haaren.

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Obwohl es beim Termin fürs Mannschaftsfoto diesmal eher unspektakulär zuging, wollen die Schwarz-Gelben Liga 2 mit mutigem Spiel rocken.

Für ihr nimmermüdes Engagement wurde Kay vor wenigen Wochen mit weiteren sieben Personen aus Kultur, Wissenschaft, Sozialdienst und Politik mit dem Bundesverdienstorden geehrt. Dabei hat sie sich vor knapp zwei Jahren als Vorsitzende aus dem Verein zurückgezogen – und das Amt an Christian Heintze weitergegeben.

Namensrechte am Verein gesichert

Am 28. Dezember 1990 hatte sich Kay vom damaligen Betriebsleiter der Felsenkellerbrauerei Dresden, Hans-Joachim Timme, schriftlich bestätigen lassen, dass der Name Felsenkeller weiter im Klubnamen geführt werden kann. Wenige Jahre später blitzten die Firmen-Nachfolger bei ihr mit dem Ansinnen, den Markenschutz ins Spiel zu bringen, ab.

Über ihre jüngste Auszeichnung staunt Kay ein bisschen. „Wenn die niemanden finden, sagen die sich wahrscheinlich: Wir könnten wieder mal der Kay’n was geben“, kokettiert sie. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die dazugehörige Urkunde eigenhändig mit Füller unterzeichnet. Der Stadtsportbund Dresden hatte sie für diese Ehrung vorgeschlagen. 2014 wurde Kay schon zur Dresdnerin des Jahres gekürt. Irgendwas muss sie also schon besonders können.

Wahrscheinlich ist es ihre Ruhe und Gelassenheit, ihr Mut für kreative Ideen – und ihre ansteckende Begeisterung für den Nachwuchs. Den Eiswurmpokal, ein Turn-Wettkampf für die jüngsten Talente, hat bereits seine 35. Auflage hinter sich – und eine interessante Entstehungsgeschichte.

Neues Kniegelenk kein Hindernis

„Alle bekamen bei den Wettkämpfen, die es damals gab, etwas ab, nur die Kleinen standen immer ohne Medaillen und Pokale da. Da habe ich mir gesagt: Ich muss was für die Kleinen machen“, erzählt sie. „Das ist wahrscheinlich mein Mutterinstinkt gewesen.“ Aus dem Versuch ist eine mittlerweile fest verankerte Tradition im sächsischen Turnkalender geworden.

Und der Eiswurmpokal wird auch in der Auszeichnungsrede von Ministerpräsident Michael Kretschmer erwähnt. „Ausgerechnet mein Peanuts-Wettkampf, der kleinste von den kleinen“, sagt Kay – ohne, dass es despektierlich wirkt. Die Tochter einer Fleischerfamilie misst ihrer langen, ehrenamtlichen Arbeit nicht mehr Bedeutung bei als notwendig.

Dennoch: Ohne diese Frau ging in den letzten Jahren kaum etwas beim SV Felsenkeller. Und auch mit neuem Kniegelenk ist die Rentnerin nur schwer von einem Besuch in der Turnhalle abzuhalten.

Ihr Mann Ewald (88) und sie leiten seit fast 40 Jahren eine Ehepaargruppe. Donnerstags ab 16.30 Uhr trifft man sich für anderthalb Stunden in der Halle zur gemeinsamen Bewegung. Immer noch. „Die meisten von uns sind über 80 Jahre alt. Wir hängen eben zusammen wie die Kletten“, sagt Kay.

Bombenangriff auf Dresden überlebt

Allerdings ist das Sportangebot in der Gruppe etwas verbreitert worden. „Bei Männern kann man nicht die ganze Zeit nur Gymnastik machen, da drehen die durch. Deshalb haben wir uns für ein paar Spiele entschieden. Prellball kommt richtig an“, sagt sie.

Die Geehrte hat ein intensives Leben hinter sich, als Achtjährige den Weltkrieg und den Bombenangriff auf Dresden überlebt. Auch aufgrund dieser Erfahrung hat Kay auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise dafür gesorgt, dass sich ihr Verein für die Neuankömmlinge öffnet.

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„Die Menschen können ja auch nichts dafür. Das wird sich alles wieder geben. Ich will bloß eins nicht: Krieg. Ich habe heute noch panische Angst davor“, sagt sie und fügt zufrieden lächelnd an. „Ich hätte nie gedacht, dass sich für mich mal alles so fügt. Ich habe viel Freude gehabt. Unter Kindern zu sein – das ist meine Welt“, sagt sie.

Das betrachtet sie als ihr Vermächtnis. Offenbar eines, das auch noch jung hält.

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