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Warum diese Dresdner Sportlerin ihre Karriere beendet

Leistungssportler sehnen sich nach Olympia, und Paralympics-Siegerin Christiane Reppe hätte in Tokio zu den Top-Favoritinnen gezählt. Jetzt tritt sie zurück.

Christiane Reppe hat künftig viel mehr Zeit, ihre Heimatstadt Dresden mit anderen Augen zu sehen.
Christiane Reppe hat künftig viel mehr Zeit, ihre Heimatstadt Dresden mit anderen Augen zu sehen. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Sie lehnt sich zurück auf ihr cremefarbenes Sofa. Christiane Reppe hat ihr linkes Bein angewinkelt, umfasst es fest mit ihren Händen. Die 33-Jährige ruht in sich. Was in diesen Zeiten durchaus verwundern mag. Eigentlich müsste die Dresdnerin jetzt rastlos in der Welt hin- und herreisen, von Wettkampf zu Wettkampf hetzen, Trainingslager bestreiten. Nach den Olympischen Spielen von Tokio sollen dort im Anschluss auch die Paralympics stattfinden. Christiane Reppe galt als Gold-Favoritin im Para-Triathlon – 750 Meter Schwimmen, 20 Kilometer mit dem Handbike, fünf mit dem Rennrollstuhl.

Doch sie wird dort nicht starten. „Ich werde meine sportliche Karriere beenden, schon vor Tokio – weil ich nicht mehr möchte“, sagt sie. So redet eine, die sich über fast zwei Jahrzehnte über den Leistungssport definiert hat. Schon 2004 holte Reppe bei den Paralympischen Spielen von Athen zwei Bronzemedaillen – als Schwimmerin. Vor fünf Jahren erlebte sie in Rio ihr persönliches Karrierehighlight und krönte sich zur Paralympics-Siegerin mit dem Handbike.

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Zwei Jahre später wechselte sie erneut die Sportart, strebte in Tokio als Triathletin in der dritten Sportart das Podest an. Ein Kunststück, das bislang in Deutschland nur Handicap-Sportlerin Andrea Eskau gelungen ist. Diese Chance will Reppe nun nicht mehr ergreifen. „Ich habe mich in eine andere Richtung entwickelt, denke viel mehr darüber nach, was ich einmal beruflich machen will“, sagt sie. Im Juli will die Sächsin als Trainee in einem Unternehmen einsteigen.

"Ich will einfach nicht mehr"

Damit erklärt eine der schillerndsten Persönlichkeiten des deutschen Handicap-Sports ihren Rücktritt vom Leistungssport. Reppe galt als sehr kommunikativ, versprüht gerne ihre ansteckende Lebensfreude – und ihr passierten in der Tat eine Handvoll sehr skurrile Anekdoten um ihren Sport herum. 2017 hatte der Deutsche Behindertensportverband (DBS) beispielsweise vergessen, die Dresdnerin für die WM im Handbike anzumelden – also die amtierende Paralympics-Siegerin. Sie reiste dennoch als Teambetreuerin mit nach Südafrika und durfte aufgrund einiger Ausnahmeregelungen plötzlich doch antreten – ihr Vater Hans-Jürgen brachte ihr das Renn-Handbike in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Dresden nach Pietermaritzburg. Reppe wurde Doppel-Weltmeisterin.

Und jetzt reizt das alles nicht mehr? „Ich will einfach nicht mehr. Ich bin so was von minus 100 Prozent motiviert, was die Spiele angeht. Ich weiß, dass Olympia wichtig ist, für Verbände und vor allem für das IOC. Aber aus meiner Sicht sollten die Spiele nicht stattfinden“, erklärt Christiane Reppe. Sie trägt freilich auch die Erfahrung von vier Paralympics-Starts mit sich. „Das macht es für mich auch unattraktiv. Dieses Jahr kann es einfach nicht besser werden. Wenn die Spiele stattfinden, dann so: Hinfahren, Wettkampf, zurückfliegen. Es ist immer noch nicht an der Zeit, dass dieses Jahr so ein Event stattfinden sollte.“ Die künstlich geschaffenen vermeintlichen Schutzblasen für Trainer und Athleten vor Ort sind für Reppe nur Scheinargumente. „Die Vorbereitung gehört ja auch dazu. Es müssen sich noch viele Sportler qualifizieren, also überall hinfliegen, Trainingslager machen, Wettkämpfe durchziehen.“

Dass der Sport ein wichtiger Baustein bei der Rückkehr zu einem halbwegs normalen Leben nach oder mit Corona ist, bestreitet auch Christiane Reppe nicht. Im Gegenteil. „Sport ist total wichtig. Ich sehe es als Riesenproblem, dass beispielsweise Kinder jetzt kaum etwas machen können. Ich finde aber nicht, dass wir jetzt schon an dem Punkt sind, an dem solche Spiele stattfinden sollten. Die kleinen Wettkämpfe fallen alle aus, die sogenannten kleinen Sportler sitzen ja gefühlt alle Zuhause“, sagt sie. Das sei aber nicht der Hauptgrund für ihren einschneidenden Schritt. „Ich weiß ja, wie die innere Einstellung sein sollte, wenn man gut sein möchte. Ich trainiere zwar, habe aber null Motivation. Ich hätte das bis Tokio auch durchziehen können – aber mit einem blöden Gefühl“, sagt sie.

Andere Wege, sich ausprobieren

Christiane Reppe aber verrichtet die meisten Dinge in ihren Leben entweder ganz oder gar nicht. Die entsprechenden Verbände und die Bundeswehr als Förderer und weitere Sponsoren hat sie über ihre Entscheidung informiert. „Besser kann es für mich von den Erfolgen her nicht werden. Ich brauche keinen künstlich herbeigeführten Wettkampf“, sagt sie überzeugt und überzeugend.

Die ungewisse, dräuende Situation voller sportlicher und organisatorischer Unwägbarkeiten in den letzten Monaten haben Reppes Entscheidungsprozess massiv beeinflusst. „Wenn die Spiele letztes Jahr stattgefunden hätten, wäre das super geworden“, unterstreicht sie und meint damit: Wenn Corona nicht über die Welt hereingebrochen wäre. „Ich würde auch in diesem Jahr gut abschneiden“, ist sie sich sicher.

Aber in der Zeit, in der die Sportwelt ein Stück weit stillstand, entdeckte die Dresdnerin, dass sie mehr vom Leben will. Andere Wege einschlagen, sich ausprobieren, ihre Talente abseits des Sports herausfiltern. Auch das kann unheimlich interessant sein – findet Reppe. Sie hat schon Vieles parallel zu ihrer Sportkarriere hinbekommen, bereits einen Bachelorabschluss in BWL, machte 2018 eine Ausbildung zum Mentaltrainer. Ihren Master in Wirtschaftspsychologie will sie nun in drei Semestern dranhängen – die Sporthilfe finanziert das Projekt für die Aussteigerin.

„Sport hatte für mich immer Priorität. Das hat sich im letzten Jahr verändert. Da bin ich gar nicht traurig drüber“, sagt sie und knubbelt ihren Fuß. Denn sie hat ihre Heimatstadt, ja, ihre Wohnung während der Zwangspause im Prinzip aus ganz neuen Blickwinkeln gesehen. „Ich hatte meine Freunde überall auf der Welt, hier ein paar, aber die haben alle ihr eigenes Leben. Ich hatte hier keins. Ich hatte hier zwar eine schöne Wohnung, aber ich war hier nur zum Wäsche waschen und um mal bei der Familie vorbeizuschauen“, erinnert sie sich.

Endlich zu Hause fühlen

Hier ein Trainingslager, da ein Wettkampf, eine Ehrung. Reppe war 20 Jahre lang im Leistungssport unterwegs, im wahrsten Sinne des Wortes. Das hat fraglos seine Vorzüge, aber auch Nachteile. „In meiner Wohnung allein zu sein, war für mich neu. Ich bin sonst nicht so, aber ich war irgendwie einsam und hatte auch Angst vor der Situation. Ich musste meinen Platz in der Welt finden“, erklärt sie.

Christiane Reppe wächst an solchen Situationen, stellt sich unbequemen Fragen. Wer ist man eigentlich als Leistungssportler, der keinen Sport ausüben darf? Was kann man, was mag man sonst noch? Mit ihrer Motivationstrainerin Angela Dindas fand Reppe darauf offensichtlich ein paar Antworten.

Sie hat inzwischen Ukulele spielen und Wakeboard fahren gelernt, baute in Dresden ihren Freundeskreis aus und freut sich an den Kleinigkeiten des Alltags. „Mir beispielsweise einen Strauß Blumen zu kaufen, den in die Wohnung zu stellen und beim Blühen zu beobachten, das ist ganz einfach schön.“ Aber früher eben unmöglich. „Ich bin total angekommen in Dresden, möchte mich hier mehr Zuhause fühlen, mehr Freude haben – das ist auch Arbeit“, sagt sie.

Obgleich Reppe bereits seit wenigen Tagen doppelt gegen das Corona-Virus geimpft ist, macht sich bei ihr ein mulmiges Gefühl in der Magengegend breit, wenn sie an Tokio denkt. „Lange war ja überhaupt nicht klar, ob wir Sportler für und vor Tokio eine Impfung bekommen. Ich will tatsächlich nicht durch die Welt reisen, bei irgendwelchen Wettkämpfen teilnehmen - ohne Impfung. Manche sehen das etwas lockerer. Ich für mich will das nicht“, sagt sie. Dass die Japaner den Spielen offenbar immer skeptischer gegenüberstehen, bestärkt die Sport-Aussteigerin in ihrer Meinung.

Der Ironman auf Hawaii reizt immer noch

„Ich verstehe aber auch, dass die Leute sagen: Es muss irgendwie weitergehen. Hinter den Spielen steckt mehr, als wir vordergründig sehen. Wir Sportler sind da aber das kleinste Glied in dieser Kette. Wir sind die, die dort teilnehmen“, stellt Reppe fest und ergänzt: „Es geht aber um die Firmen, um das TV, um die Vermarktung, das ist einfach so. Wir Sportler sind im Grunde ein Instrument. Natürlich gibt es ohne Sportler keine Spiele, vordergründig geht es gerade ums Geld. Ich habe mich entschieden, dass ich da nicht dabei sein möchte.“ Punkt. Dass sie nach Bekanntgabe ihrer Entscheidung beim Verband „über Nacht“, wie Reppe erzählt, aus der Whatsapp-Gruppe vom gesamten deutschen Para-Triathlon-Team entfernt wurde, bestärkte sie nur in ihrer Entscheidung.

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Vom Triathlon wird sie freilich nicht ganz lassen. Der Ironman auf Hawaii reizt sie extrem – aber eben künftig nur als Hobbysportlerin. „Ich mag Triathlon immer noch, da sind tolle Leute dabei, ein toller Sport. Aber“, erklärt sie, „ich stürze mich jetzt in die Arbeit, lerne, tue. Und ich bin glücklich mit dieser Entscheidung.“

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