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Die vergessene Kraft der Fitnessstudios

Sie haben Konzepte entwickelt, Briefe geschrieben, mit dem Ministerpräsidenten gesprochen. Geändert hat sich nichts für eine Branche, die gerade jetzt wichtig wäre.

Alleingelassen im Fitnessstudio: Falk Noack (links) und Lars Weber, die Geschäftsführer des Thomas Sport Center in Dresden.
Alleingelassen im Fitnessstudio: Falk Noack (links) und Lars Weber, die Geschäftsführer des Thomas Sport Center in Dresden. © ronaldbonss.com

Dresden. Ob Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer den Artikel vom „Ausverkauf in der Muckibude“ gelesen hat, ist nicht bekannt. Die Geschichte von einem traditionsreichen Fitnessstudio in Limbach-Oberfrohna, das nach 20 Jahren am Markt nun coronabedingt pleite ist, ging am vergangenen Wochenende durch die Medien. Dass Kretschmer die Sorgen und Nöte der Branche kennt, das aber ist verbürgt – was die Lage überhaupt nicht besser macht.

Darauf gehofft hatten auch Lars Weber und Falk Noack, spätestens seit dem 25. Februar. An jenem Donnerstag bot sich den Geschäftsführern des Thomas Sport Centers (TSC), das in Dresden an fünf Standorten präsent ist, die unverhoffte Möglichkeit, „dem Ministerpräsidenten in einer Videokonferenz unsere Lage und Probleme zu schildern“, wie sie sagen.

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Kretschmer hatte sich nach vielen Briefen, die Weber und Noack an Verantwortliche in Landesregierung und Landtag geschrieben hatten, plötzlich bei ihnen gemeldet. Es war ein offener, ehrlicher, konstruktiver Austausch. Ein Gespräch, das Hoffnung machte. „Natürlich kann auch ein Ministerpräsident das Virus nicht verjagen. Dennoch hat es gutgetan“, meint Weber, „dass auch endlich mal nach der Fitness- und Gesundheitssportbranche gefragt wurde.“

Seit Anfang November geschlossen

Nur geändert hat sich nichts. Die Lockdown-Lockerungen vergangener Wochen gingen komplett an der Branche vorbei. Auf Seite 7 der mittlerweile 26 Din-A4-Blätter umfassenden Sächsischen Corona-Schutzverordnung ist festgelegt, dass die Öffnung von „Fitnessstudios und ähnlichen Anlagen“ weiterhin untersagt ist. Inzidenzabhängige Ausnahmen? Die Möglichkeit von Schnelltests? Eine Perspektive für die nächsten Monate? Fehlanzeige, und das inzwischen fast sechs Monate lang.

Seit 2. November sind die abzüglich des Studios in Limbach-Oberfrohna nun 360 Fitnessanlagen in Sachsen geschlossen. „Und ehrlich gesagt“, meint TSC-Geschäftsführer Noack, der auf der Suche nach irgendeinem Öffnungsszenario die Corona-Schutzverordnung inzwischen in- und auswendig kennt, „haben auch wir so langsam die Nase voll. Dieses nicht endende Abwarten ist absolut unbefriedigend, zudem ärgern uns die vielen Widersprüche. Warum dürfen Geschäfte bei Vorlage eines negativen Schnelltests öffnen, wir aber nicht? Und damit meine ich nicht nur uns, sondern auch Tanzschulen und andere Freizeiteinrichtungen.“

Die Bilder von Einkaufsstraßen, in denen sich schon wieder größere Menschenmengen versammeln, steigert den Frust. „In manchen Geschäften sind jetzt gleichzeitig 15, 20 Leute, das ist kein Vergleich mit unserem normalen Studioalltag. Da sind wochentags zur gleichen Tageszeit oft nicht mehr als fünf bis zehn Leute da. Darüber hinaus haben wir ein detailliertes, zusammen mit einem staatlich geprüften Desinfektor entwickeltes Hygienekonzept. Viel sicherer geht es nicht. Das haben wir auch dem Ministerpräsidenten gesagt“, betont Weber.

Es fehlen die Fürsprecher

Dennoch muss er immer wieder aufs Neue feststellen, dass den Fitnessstudios wie überhaupt dem Sport in den Bund-Länder-Konferenzen jegliche Fürsprecher fehlen und Fachkenntnisse der Beteiligten außerdem. „Die Bedeutung von Sport und Bewegung als Heil- und Präventionsmittel ist entweder nicht bekannt oder wird kapital unterschätzt“, sagt Weber.

Wie ausweglos die Situation ist, zeigt nicht zuletzt das Beispiel von Katarina Witt. Die überaus populäre Eiskunstlauf-Olympiasiegerin der 1980er-Jahre betreibt ein eigenes Studio in Potsdam und macht ihren Ärger jetzt regelmäßig via Facebook öffentlich. Das hat ihr viel Aufmerksamkeit gebracht und Zustimmung, zudem ein Interview mit Kretschmer, nur ihr „Kurvenstar“ in Potsdam ist ebenso weiterhin geschlossen wie das TSC in Dresden und alle anderen knapp 10.000 Studios mit insgesamt rund 210.000 Mitarbeitern in ganz Deutschland.

Die Hoffnung ist mittlerweile auf dem Nullpunkt angekommen, Unverständnis bis hin zur Resignation spüren die TSC-Verantwortlichen nicht nur bei vielen ihrer rund 8.000 Mitglieder. „Es wäre so viel möglich, aber wir werden immer wieder vertröstet. Das ist nicht mehr normal“, ärgert sich Noack.

Zum Ärger kommt auch noch Wut

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel zudem noch sagt, man könne in Sachen Sporttreiben ja in die Hände klatschen oder auch mal kleine Kniebeugen machen, wie sie es frierenden Kindern beim Lüften des Klassenzimmers empfohlen hatte, kommt angesichts offenkundiger Unkenntnis aufseiten der Politik jetzt zunehmend auch noch Wut hinzu.

Die Konsequenzen jedenfalls, stellen die TSC-Geschäftsführer fest, sind gravierend, zum einen finanziell. Die versprochenen November-Hilfen haben bis weit ins neue Jahr auf sich warten lassen, die Kurzarbeit für die Mitarbeiter dauert an und natürlich laufen auch Fixkosten wie Miete und Lizenzgebühren weiter.

Im ersten Lockdown von Mitte März bis Mitte Mai 2020 ist das trotz Schließung ein Betrag im unteren sechsstelligen Bereich gewesen. Nach der Wiederöffnung hat es dann vier Wochen gebraucht, bis im TSC der normale Zulauf erreicht war. Was seitdem und immer noch fehlt: die eigentlich üblichen 50 bis 100 Neuanmeldungen pro Monat.

„Die Politik verwehrt ein Leben mit Covid"

„Aktuell hoffen wir auf die beantragte Überbrückungshilfe 3, die den betroffenen Unternehmen bei der Deckung ihrer Fixkosten helfen soll“, erklärt Weber. Denn jetzt, nach knapp sechs Monaten im zweiten Lockdown, spitzt sich die Lage dramatisch zu, auch weil ein Ende immer noch nicht abzusehen ist.

Vor allem aber geht dieser Lockdown auf Kosten der Gesundheit. Noack hat beobachtet, wie die Menschenschlange vor der Physiotherapie neben seiner Filiale immer länger wird. „Ich habe mit Mitgliedern gesprochen, die mir von Schmerzen erzählen, die sie bislang nicht kannten. Der Rücken tut weh, viele haben zugenommen. Über die Krankheiten, die entstehen, weil wir geschlossen haben, redet keiner“, sagt der Studioleiter und stellt fest: „Die Politik verwehrt ein Leben mit Covid. Doch wir müssen einen Weg finden, mit dem Virus klarzukommen. Kultur und Sport – das gehört dazu, auch das brauchen die Menschen zum Leben.“

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Aufgeben ist jedoch keine Alternative. Weber und Noack werden weiter Briefe und Mails an die Verantwortlichen schreiben und über die Situation der Fitnessbranche aufklären, sie werden darum kämpfen, sich zum Beispiel als Modellprojekt in einem Öffnungsszenario wiederzufinden. Trainieren mit negativem Test, meinen sie, das muss doch möglich sein.

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