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„Manchmal wache ich nachts auf und grüble“

Der Dresdner Alpinist Götz Wiegand hat mehr denn je Fernweh nach Natur und Freunden – und Forderungen an die Politik.

Anstatt auf Tour in Nepal macht Götz Wiegand derzeit Büroarbeit im „Breitengrad“ in Dresden-Laubegast. Hier plant er die nächsten Touren.
Anstatt auf Tour in Nepal macht Götz Wiegand derzeit Büroarbeit im „Breitengrad“ in Dresden-Laubegast. Hier plant er die nächsten Touren. © Gabriele Fleischer

Dresden. Seit über einem Jahr sitzt der Dresdner Bergsteiger, Expeditions- und Wanderleiter auf Abruf. Doch die Hoffnung hat Götz Wiegand nicht verloren, auch wenn immer wieder Reisen verschoben werden müssen. Er will wieder dorthin reisen können, wo er Freunde hat, wo ihn und andere die Natur und fremde Kulturen begeistern. Das sind nicht mehr die ganz hohen Berge, sondern vor allem beeindruckende Landschaften und gastfreundliche Menschen.

Damit das wieder möglich ist, wünscht sich Wiegand von der Politik eine Strategie, die den Menschen Mut macht und mehr ihre Eigenverantwortung fördert. Was ihn bewegt, schildert der 61-Jährige im Gespräch mit sächsische.de.

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Herr Wiegand, vor fast einem Jahr haben Sie im SZ-Interview gesagt, dass Sie 2021 wieder richtig durchstarten wollen. Was sagen Sie nun?

Da war ich – wie viele andere – leider zu optimistisch. Zwei Touren in Nepal, die jetzt stattgefunden hätten, mussten wir erneut verschieben, weil die meisten aus der Gruppe nicht noch 10, 14 Tage in Quarantäne gehen können. So aber sind die Regeln. Ganz ohne Reisen ging es für mich nach den vielen Monaten des Ausharrens dann aber doch nicht. Angesteckt von der Afrika-Begeisterung meiner Frau Sabine war ich mit einer kleinen Gruppe Anfang des Jahres das erste Mal in Tansania.

Und, wie war’s?

Ich bin fasziniert von dem Land, habe im berühmten Ngorongoro-Krater Gazellen, Nashörner und Zebras beobachtet. Ehrlich gesagt, war ich schon neugierig darauf, als ich die Filmdokumentation „Serengeti darf nicht sterben“ von Ende der 1950er-Jahre gesehen hatte. Im Juli planen wir nun eine Reise mit 14 Leuten dahin. Alle haben unterschrieben, dass sie, falls es noch nicht aufgehoben ist, die Quarantäne in Deutschland in Kauf nehmen. In Tansania selbst gibt es das nicht, auch keine Test- und Maskenpflicht. Es wird bei Einreise, Weiterflug und Ankunft im Inland lediglich Fieber gemessen. Für uns war das problemlos.

Hatten Sie keine Sorge, dass Sie das Virus mitbringen?

Nein, wir waren meistens in der Natur mit genügend Abstand, haben uns an allgemeine hygienische Grundregeln gehalten und sind nach der Reise in Quarantäne gegangen. Negativ waren nur die oft voll besetzten Flugzeuge. Das passt nicht in die Hygienekonzepte. Trotz der Einschränkungen waren wir aber froh, das Land mit seiner beeindruckenden Natur und Tierwelt und neue Freunde kennengelernt zu haben. In Tansania, das natürlich auch von Corona-Fällen betroffen ist, tritt die Pandemie mehr in den Hintergrund. Die Menschen dort haben noch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen: Malaria, Typhus, Ebola, um nur einige der grassierenden Krankheiten zu nennen. Zudem hat Tansania wegen der weltweiten Pandemie gerade 95 Prozent weniger Touristen. Viele Menschen leben von den Gästen.

Das ist auch in anderen Ländern so wie beispielsweise in Nepal.

Ja, und deshalb hatte die Sächsische Himalaya-Gesellschaft, zu der ich gehöre, für unseren Reiseführer Mingmar in Kathmandu Geld gesammelt. Die Erholung der Natur durch ausbleibende Touristen ist ja nur die eine Seite, die andere die wegbrechenden Einnahmen. Die meisten unserer Kunden haben die Anzahlungen für ihre gebuchten Reisen stehen lassen. Geld, das unsere Partner in Nepal erhalten haben und ihnen für den Moment hilft. Inzwischen gibt es wieder Gruppen von Aktivreisenden aus anderen Ländern wie aus der Schweiz, die nach Nepal aufbrechen, auch wenn ihnen bei Rückkehr Quarantäne bevorsteht. Durch solche Maßnahmen hoffe ich sehr, dass Mingmar und alle vom Tourismus lebenden Menschen vor allem in Nepal und anderen Entwicklungsländern die Pandemie auch wirtschaftlich überleben. Denn staatliche Unterstützung gibt es dort nicht. Leider hat aber mit Freigabe des Mount Everest auch wieder der Ansturm dorthin begonnen, trotz noch bestehender Einschränkungen und inzwischen verhängter Müllgebühren – mit fatalen Folgen für die Natur und die Menschen, die mit viel Geld, aber unvorbereitet an den Gipfel kommen.

Deshalb sind Ihre Ziele jetzt andere?

Auf jeden Fall nicht mehr der Mount Everest. Für mich und meinen Bergpartner Frank Meutzner ist es viel wichtiger, unseren Reiseteilnehmern unberührte Strecken abseits überlaufener Routen und die Menschen mit ihrer Kultur näher zu bringen. Das natürlich mit der Option, einige Berge zu besteigen, wenn wir auch nicht wie noch vor Jahren den Drang haben, die höchsten Gipfel zu erobern.

Was genau haben Sie vor?

Neben der Tour „Nepal zum Kennenlernen“ im Januar und Februar planen wir jetzt für April und Mai nächsten Jahres auch die zweimal verschobene Reise ins Annapurna-Gebiet, einmal Trekking unter meiner Führung und eine Expedition zum 6.059 Meter hohen Chulu Far East, die Frank Meutzner leitet. Der Berg befindet sich im nördlichen Teil des Marsyangdi-Tals entlang der Annapurna-Umrundung. Ich arbeite für nächstes Jahr an einer Bergsteiger- und Selbstfahrertour nach Argentinien und Chile sowie einer Reise nach Usbekistan. Aber jetzt schauen wir erst mal aufs zweite Halbjahr. Im Juni will ich nach Wales. Einen Monat später führt Frank Meutzner eine Gruppe ins Kackargebirge in der Türkei. Im August geht es auf den Ararat. Im September und Oktober steht der Balkan auf dem Plan.

Dazu gehört gerade jetzt schon viel Optimismus. Woher nehmen Sie den?

Ich hoffe einfach auf Normalität. Denn für meine Freunde und Partner in Ländern wie Nepal und Tansania, aber auch anderswo, ist die Lage existenzbedrohend. Und wenn jeder eigenverantwortlich reist, Hygieneregeln beachtet und sich vorsieht, sollte das möglich sein.

Noch ist es nicht so weit. Wie kommen Sie mit den Beschränkungen klar?

Zum Glück habe ich etwas Überbrückungshilfe und einen 50.000-Euro-SAB-Kredit bekommen, denn auch Vorträge oder Festivals, bei denen wir Speisen und Waren aus verschiedenen Ländern anbieten, fallen seit Monaten aus. Ansonsten komme ich aus, habe aber auf das ständige Hin und Her der Politik keine Lust mehr. Statt klarer Strategien bekommen wir einen Flickenteppich serviert. Dabei wären gerade jetzt Sachlichkeit und Vernunft so wichtig. Zum Glück finde ich Ausgleich.

Welcher ist das?

Neben Touren in die Sächsische Schweiz sind das die Arbeiten an unserem Haus in Döbern bei Bad Muskau, das auch Freunden offensteht. Noch vor Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich mich mal fürs Gärtnern und Handwerkeln so begeistern kann. Da hat die Corona-Zeit nachgeholfen. Dabei fand ich ein eigenes Grundstück immer spießig. Aber es kann so schön sein, noch dazu, wenn man mitten in der Natur andere Menschen trifft. Ausgleich finde ich genauso, wenn ich mit Freunden telefoniere, maile und neue Touren plane. Und ich helfe meinem mongolischen Freund Munkhbold Bold, der mit Partnern in Deutschland eine Firma aufgebaut hat, mit der er Naturprodukte seiner Nomaden-Familie vertreibt.

Haben Sie Sorge, dass Sie mit 61 Jahren und der Zwangspause durch die Pandemie nicht mehr alle Ihre Ziele erreichen können?

Manchmal wache ich tatsächlich nachts auf und grüble. Aber ich habe viel gesehen, habe auf vier 8.000ern gestanden, wollte nach Jahren der Enge in der DDR in den ersten Jahren in Nepal die höchsten Berge besteigen. Später kam die Einsicht, dass die Jagd nach immer neuen Rekorden das falsche Ziel ist. Entscheidend ist doch bei jeder Tour, dass du ein schönes Erlebnis hast und mit dem ganzen Herzen dabei bist. Gerade bei Trekkingtouren, bei Begegnungen unterwegs habe ich auf viele Dinge andere Sichtweisen bekommen. Trotzdem bin ich auch froh, erste Spuren in den Schnee gesetzt und Bergsteigen als Mannschaftssport genossen zu haben. Denn gerade in extremen Höhen und Situationen ist es wichtig, Begleiter zu haben, auf die du dich verlassen kannst.

Sind die Sehnsuchtsziele, die Sie vergangenes Jahr nannten, geblieben?

Ja, wenn wir zur Normalität zurückkehren, stehen Kamtschatka, Grönland und Amazonien wieder auf dem Plan, aber eben auch die anderen Länder, die ich genannt habe. Dafür lohnt es sich, fit zu bleiben.

Was ist gerade Ihr größter Wunsch?

Die Freiheit zu haben aufzubrechen, wann und wohin ich will.

Das Gespräch führte Gabriele Fleischer.

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