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„Manchmal liegt mir ein Stein auf der Brust“

Die besten Kanuten trainieren derzeit in der Türkei, auch Steffi Kriegerstein. Nach ihrer Corona-Erkrankung fühlt es sich für die Dresdnerin anders an.

Gemeinsam nach Tokio? Für Steffi Kriegerstein ist das nicht realistisch, ihr Klubkollege Tom Liebscher liegt im Plan.
Gemeinsam nach Tokio? Für Steffi Kriegerstein ist das nicht realistisch, ihr Klubkollege Tom Liebscher liegt im Plan. © Matthias Rietschel

Belek/Dresden. Die Rahmenbedingungen klingen verlockend nach Urlaub: Sonnenschein, um die 22 Grad, das Mittelmeer vor der Nase. Deutschlands beste Kanuten haben aber nicht aus Erholungsgründen im Gloria Golf Hotel der türkischen Hafenstadt Belek eingecheckt. Eher das Gegenteil trifft zu. Es ist das zweite von vielen Trainingslagern, in denen die Grundlagen für Erfolge bei den Olympischen Spielen gelegt werden sollen.

Eigentlich wären die Top-Kanuten jetzt ganz gern und wie immer in Florida, aber dieser Plan wurde aufgrund der Corona-Lage schnell verworfen. Stattdessen ging es also nach Belek – wie schon im November. Seit Ende Januar und noch bis nächste Woche Mittwoch sind die Deutschen dort – sowohl Einreise als auch Aufenthalt verbunden mit strengen Auflagen, ein negativer PCR-Test inklusive.

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„Der gehört unabhängig davon, ob das für die Türkei-Einreise Pflicht gewesen wäre, zum Hygienekonzept des Verbandes“, betont die Dresdnerin Steffi Kriegerstein. Die Olympia-Zweite von 2016 gehört neben ihrem Klubkollegen Tom Liebscher vom KC Dresden zum erweiterten Olympia-Kader.

Begegnungen werden radikal minimiert

„Das Hotel ist im Sommer ein klassisches All-you-can-eat-Ressort, ein sehr, sehr großes Objekt mit drei Häusern. In dem Flügel eines Hauses haben wir als deutsches Team eine Etage für uns. Touristen sehen wir höchstens beim Essen. Doch wir haben einen eigenen Essenssaal und frühstücken ohnehin ziemlich zeitig, spätestens 7.15 Uhr“, sagt Kriegerstein. Von wegen Urlaub ...

Anderen Sportlern begegne man nur von Weitem auf dem Wasser oder im Kraftraum. „Aber selbst der ist so riesig, dass man sich dort bequem aus dem Weg gehen kann“, hat die 28-Jährige festgestellt.

Überall stehen Desinfektionssprays und liegen Handtücher, regelmäßige Schnelltests gehören ebenfalls zum Tagesprogramm. Zudem haben sich die Kanuten selbst dazu verpflichtet, im Hotel immer Masken zu tragen. „Außer beim Essen und im eigenen Zimmer. Und es gibt für uns ein Verbot, mit anderen Hotelgästen zu sprechen und Kontakt zu anderen Sportlern aufzunehmen“, sagt Kriegerstein.

Die Dresdnerin hat eigene Regeln

Trainiert wird auf einem windgeschützten, 24 Kilometer langen Fluss. Es geht momentan vor allem um die Grundlagenausdauer, darum, die Kraft auf das Wasser zu bringen. Dafür ist ein warmes Klima wie in Belek ideal. „Wir müssen zwei bis drei Stunden pro Tag auf dem Wasser verbringen. Wenn man das bei null bis minus fünf Grad tut, kann man sich vorstellen, dass der Körper auch mal Nein schreit“, erklärt Kriegerstein.

Die Weltklasse-Kanutin betont: „Davon mal abgesehen, wäre die Erkältungsgefahr deutlich höher, der Körper wäre angreifbarer. Und bei Temperaturen um null Grad kann man auch nicht so paddeln wie bei 15 Grad. Mit unserer Bewegung im Freiwasser sind wir auf Wärme angewiesen, der Körper kann sich geschmeidiger bewegen und auch die Motivation ist ein sehr großer Faktor.“

Für Kriegerstein gelten in Belek ohnehin ein paar andere Regeln. Die Studentin für Medienmanagement hat sich kurz vor Weihnachten mit dem Corona-Virus infiziert. Und obwohl sie an vergleichsweise leichten Symptomen wie Glieder- und Hautschmerzen sowie Reizhusten litt, spürt Kriegerstein die Nachwirkungen immer noch. „Mein Job ist es, wieder fit zu werden“, sagt sie. Auch deshalb sollte die Weltmeisterin unbedingt mit nach Belek.

Vorausgegangen ist dem ein umfassender Gesundheitscheck. „Urin-Test, Ruhe und Belastungs-EKG, Herz-Ultraschall, Kardio-MRT“, zählt sie auf. Und weil ein paar Auffälligkeiten gemessen wurden, musste Kriegerstein das Prozedere noch einmal durchlaufen. „Mein Herz hat sich schon wieder erholt, aber ich muss noch regelmäßig zur Nachkontrolle. Man beobachtet mich schon sehr genau“, sagt Kriegerstein, die nun ausschließlich mit einer Pulsuhr trainiert.

Der Weg zu Olympia? Voller Steine

Aufgrund der erhobenen Daten wurde beispielsweise das Krafttraining zurückgeschraubt. „Ich bekomme im Moment noch sehr schnell Herz-Kreislauf-Probleme. Wenn ich einatme, fühlt sich das an, als würde ich wie gegen einen Widerstand atmen. Manchmal denke ich, mir liegt ein Stein auf der Brust. Aber das ist alles deutlich weniger als noch vor ein paar Wochen“, beschreibt die Dresdnerin. Die Symptome seien nicht untypisch bei an Corona erkrankten Sportlern. „Ich werde das wohl noch eine Weile mit mir rumschleppen“, vermutet sie.

Ihre Hoffnungen auf die Olympia-Teilnahme dämpft das gehörig. Seit der Silbermedaille 2016 arbeitet sie im Prinzip auf dieses Ziel – und stellt fest: „Ich bin davon jetzt so weit weg, wie schon lange nicht mehr. Für mich steht im Fokus, dass ich in zwei, drei Monaten wieder bedenkenlos Sport machen kann – und wenn es nur normaler Sport ist“, erklärt sie.

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Das, was sie in Belek macht, umschreibt sie ironisch als „Rehasport“. Der Gedanke an Olympia aber bleibt: „Ich will mit dem Thema nicht abschließen, es ist mein Beruf. Aber es ist ein Weg, auf dem derzeit viele Steine liegen.“ Selbst im warmen Wasser von Belek.

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