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Karin Enke wird 60 - und hat noch viel vor

Karin Enke lief zu drei Eisschnelllauf-Olympiasiegen und meisterte ihre größte Herausforderung erst jenseits der 40. Nun steht die Dresdnerin wieder an der Spitze.

Karin Enke ist in Dresden zu Hause. Sie mag die Stadt. Ihren 60. Geburtstag aber feiert sie in Wien. :
Karin Enke ist in Dresden zu Hause. Sie mag die Stadt. Ihren 60. Geburtstag aber feiert sie in Wien. : © dpa/Sebastian Kahnert

Dresden. Olympiasiege sind für die Ewigkeit. Das macht die Titel so wertvoll. Karin Enke gewann gleich drei goldene Olympiamedaillen. Und doch gefällt es der einst weltbesten Eisschnellläuferin nicht, wenn sie auf ihre glänzende Sport-Karriere reduziert wird. Das passiert nun gerade wieder, denn am Sonntag feiert die Dresdnerin ihren 60. Geburtstag.

Das MDR-Fernsehen porträtierte jüngst 60-Jährige, die eine Hälfte in der DDR, die zweite im geeinten Deutschland lebten. Karin Enke war dabei. „Mein Leben lässt sich sogar noch mal teilen – in vier Viertel“, sagt sie im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. Das erste Viertel war sie Eiskunstläuferin, wurde immerhin EM-Neunte.

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Doch als 16-Jährige wechselte sie die Sportart. Die Eisschnelllauf-Karriere endete dann mit 27 – sowie acht Olympia-Medaillen, elf WM-Titeln und einigen Weltrekorden. Ihre 1.500-Meter-Fabelzeit hielt zwölf Jahre und wurde erst mit den neu erfundenen Klappschlittschuhen unterboten.

Trotz aller Triumphe hätte diese Karriere noch goldiger sein können. Bei den Winterspielen 1988 in Calgary schienen drei weitere Olympiasiege möglich. „Es fühlt sich heute größenwahnsinnig an, dass ich damals wirklich glaubte, die gewinnen zu können“, erzählt Karin Enke. Doch das 3.000-Meter-Rennen machte alle Pläne zunichte.

"Es war eigene Blödheit, zu großer Ehrgeiz"

Jahrzehntelang ignorierte sie die TV-Bilder und schaute sich erst vor einigen Jahren das Video allein an. „Es zeigt nicht, wie schlimm es mir ging. Ich schämte mich, stehend k.o. zu sein. Auf den letzten zwei Runden wusste ich nicht, wie ich meine Beine setzen soll, die ließen sich nicht mehr steuern. Es war eigene Blödheit, zu großer Ehrgeiz“, sagt sie im Rückblick.

Die Auslosung wollte, dass Karin Enke gegen Trainingspartnerin Andrea Ehrig lief. Trainer Rainer Mund nutzte diese Konstellation auch im Alltag. So trieben sich beide Frauen „auf dem Eis spinnefeind“, wie Karin Enke sagt, zur Weltspitze. Doch in Calgary war es ein Zuviel an Konkurrenz. Nach drei Runden lagen sie vier Sekunden unter Weltrekord.

„Ich hatte mich völlig übernommen. Am schlimmsten war, dass nur mein Trainer und der Masseur danach kamen, um zu trösten. Ich fühlte mich extrem alleine“, sagt Karin Enke. Dann schien über 1.000 Meter das Gold greifbar. Sie lief Weltrekord – bis die Dresdner Klubkollegin Christa Luding über sich hinauswuchs und fünf Hundertstel schneller war.

Beim Heimat-Empfang hielt Karin Enke ihren Sohn Sascha im Arm. Es waren berührende Momente, sie hatte ihn lange nicht gesehen. „Ich verdanke dem DDR-Sportsystem viel“, sagt die erfolgreichste olympische DDR-Wintersportlerin. „Aber familienfreundlich war es nie. Ich beneide heutige Sportler-Eltern, die ihre Kinder in Trainingslager mitnehmen. Das war bei uns undenkbar.“

Als Paar zum Sozialpädagogik-Studium

Spekulationen um ein Comeback 1992 beendete eine Schwangerschaft. So wuchs Karin Enke in ihre Hausfrauen-Rolle als „Managerin eines kleinen Familienunternehmens“, wie die dreifache Mutter damals sagte. „Das verschaffte mir eine gewisse Zeit Freude und Erfüllung.“

Sie nahm die kleine, heile Welt an, spürte aber auch Grenzen. Es soll nicht vorwurfsvoll klingen, wenn sie sagt: „Ich lebte wieder in einem Versorgungssystem, nachdem uns im Leistungssport viel abgenommen worden war.“ Nun hatte sie wieder dieses Gefühl, und sie spürte, dass sie die überschaubaren Aufgaben gar nicht weiterbrachten als Persönlichkeit. „Ich habe viel gemacht, funktioniert, mir ging es gut“, beschreibt sie heute ihre Lage und stellt fest: „Andererseits war ich eingerostet, verwöhnt, in vielen Dingen blauäugig.“

Rund ein Viertel ihres Lebens war Karin Enke Hausfrau. Als ihr bewusst wurde, dass sich daran nichts ändert, wenn sie nicht selbst aktiv wird, katapultierte sie sich aus den sicheren Verhältnissen. Da waren ihre Kinder schon größer. Die Konsequenzen bereiteten Schmerzen. Karin Enke steht dazu, wie zu all ihren Neuanfängen. Jetzt ist sie seit 17 Jahren mit dem Österreicher Peter Mayer verheiratet, der nun einen Doppelnamen trägt. Karin Enke kehrte zum Geburtsnamen zurück. Ihr vierter Ehemann bestärkte sie, selbstständig und unabhängig zu werden. So begann ihr viertes, sehr aufregendes Lebensviertel.

Das Paar wagte zusammen ein Sozialpädagogik-Studium. Dabei hatte sich Karin Enke nach der Sportkarriere gefreut, „nie wieder müssen zu müssen“. Plötzlich saß sie als Über-40-Jährige wieder in Prüfungen und zwischen Studenten, deren Mutter sie hätte sein können. Zudem musste sie anfangs jeden Abend viele neue Begriffe nachschlagen.

Euphorisch, als wäre der Abschluss noch frisch

Sie wuchs daran, selbst wenn Ansagen nervten wie diese: „Wenn nicht du als Olympiasiegerin, wer soll es sonst schaffen?“ Sie fragte sich, was Eisschnelllauf mit dem Studium zu tun hat. „Die Erwartungen und der ewige Vergleich mit dem Sport machten es nicht einfacher. Aber ich wuchs in den Himmel, als das Studium mit Diplom-Note Eins endete. Das war für mich viel bedeutungsvoller als die Olympiasiege“, sagt Karin Enke und klingt so euphorisch, als hätte sie das Studium gerade erst so erfolgreich geschafft. Dabei ist es schon wieder mehr als zehn Jahre her.

Mit 48 Jahren hatte Karin Enke schließlich ihren späten Berufseinstieg bei der Gesop gGmbH in Dresden, der gemeinnützigen Gesellschaft für gemeindenahe sozialpsychiatrische Versorgung. Als Sozialpädagogin übernahm sie ambulante Betreuungen und das Projekt Betreutes Wohnen in Familie. Dabei war sie als Sportlerin immer Einzelkämpferin, hatte in der Sportschule auch überwiegend Einzelunterricht.

„Je erfolgreicher, desto einsamer wurde es an der Spitze“, nennt sie den Preis der Siege. „Ich hatte auch nie eine beste Freundin. Deshalb gefielen mir im Studium Seminargruppen und später der Teamgeist auf Arbeit.“ Als sie eingearbeitet war, sagten ihr die Kollegen, es sei schön, dass sie da ist. Das hatte zuvor noch keiner zu ihr gesagt.

Nach fünf Jahren Basisarbeit wechselte Karin Enke die Seiten, sie wurde Gesop-Geschäftsführerin. Die neuen Aufgaben forderten. Aber wie mit denen umgehen, die nicht so leistungsfähig, zielstrebig und ehrgeizig sind wie Olympioniken? „Das ist immer und auch heute noch eine Herausforderung für mich.“

Joggen geht nicht mehr, dafür aber Yoga

Sie wollte Teamplayer sein und ist nun doch wieder Frontfrau für rund 70 Mitarbeitende. Ihre Erklärung ist simpel: „Ich bin so“, sagt Karin Enke. „Etwas zu orchestrieren ist genau mein Ding. Das gelingt nur mit einem tollen Leitungsteam, das habe ich.“ Und positive Rückmeldung erhält sie auch, was Kritik nicht ausschließt, wie sie betont: „Nur wenn ich weiß, was ich falsch mache, kann ich reagieren.“

Jenseits der 40 fand Karin Enke neues Glück, neuen Lebensinhalt. Bereuen musste sie wenig im Leben. Sie weiß, dass sie auch Entscheidungen getroffen hat „mit wenig Bedacht, unerfahren, unwissend, naiv. Doch es waren meine Entscheidungen, konsequente.“ Nur die Mutterrolle als Leistungssportlerin liegt auf der Seele. Ihre Erfolge im Sport waren möglich mit Fleiß, ihren Voraussetzungen – und dem Umfeld. „Andere neben mir haben auch geackert und waren nicht so erfolgreich. Ich habe dafür aber meinen Zoll bezahlt.“

Vor ihrem 60. Geburtstag dachte Karin Enke, die Zahl würde ihr nichts ausmachen. „Aber der Körper meldete sich. Energie ist nicht unendlich, abends bin ich platt. Doch kein Mensch verlangt von mir, dass ich wie eine 30-Jährige funktioniere. Und der Körper gibt Signale, wenn es zu viel wird“, sagt Karin Enke. Die Knie verhindern inzwischen das Joggen, aber sie findet Wege, um fit zu bleiben, macht gemäßigt Yoga und fährt Rad. Sport ist nun „reine Körperpflege. Wenn ich mich nicht bewege, schmerzen Gelenke noch mehr“.

Für den Lebensabend nach Österreich?

Zum Leistungssport hat sie – außer vorm Fernseher – keinen Bezug mehr: „Selbst Eisschnelllauf ist raus aus meinem Leben. Deshalb halte ich mich mit Kritik zurück.“ Die Geburtstagsfeier im Familienkreis wird am Sonntag in Wien sein, dort leben und arbeiten die Töchter Sarah und Laura.

Im Nachbarland könnte sich Karin Enke auch vorstellen, alt zu werden. Aber bis sie in Rente geht, vergehen noch fast sieben Jahre. Sie wird „bis zum Schluss arbeiten“. Das war ihr klar, als sie die zu erwartende Rentensumme sah. Die ist der Preis für ihren späten Berufseinstieg.

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