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Was Dresdens beste Boxerin nach dem Olympia-Aus plant

„Es gibt nicht nur das Boxen“, sagt Ex-Weltmeisterin Ornella Wahner - und denkt nach der verpassten Tokio-Teilnahme über ihre Karriere nach.

Weltmeisterin 2018, doch bei Olympia drei Jahre später nicht dabei: die Dresdner Boxerin Ornella Wahner.
Weltmeisterin 2018, doch bei Olympia drei Jahre später nicht dabei: die Dresdner Boxerin Ornella Wahner. © Felix Hofmann

Dresden. Der Frust sitzt immer noch tief. Wenn die Sportwelt ihre Besten in ein paar Tagen in Tokio in ein großes Schaufenster stellt, guckt Ornella Wahner zu. Dabei hat die Dresdnerin in ihrer Sportart einen Sonderstatus inne. Die 28-Jährige gewann 2018 als erste und bislang nach wie vor einzige deutsche Amateurboxerin den Weltmeistertitel.

Drei Jahre später verpasste sie die Qualifikation fürs Olympia-Turnier in ihrer Gewichtsklasse, dem Federgewicht bis 57 Kilogramm. „Im ersten Moment war ich sehr traurig. Alles andere wäre auch komisch. Mittlerweile dreht sich das Leben weiter“, sagt sie im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. Beim Qualifikationsturnier in Paris war Wahner bereits im ersten Kampf mit 0:5 Punkten an der Rumänin Maria Nechta gescheitert. Um ihren Olympia-Traum zu erfüllen, hätte die Ex-Weltmeisterin zwei Kämpfe gewinnen und ins Halbfinale einziehen müssen.

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Gemeinsam mit ihrem Schweriner Coach Michael Timm, der zugleich Frauen-Bundestrainer ist, suchte sie nach den Hintergründen für ihr Scheitern. „Klar haben wir eine Fehleranalyse gemacht, auch wenn die Fehler bei uns nicht immer so offensichtlich sind. Es war ein knapper Kampf – auch, wenn er nicht so bewertet wurde“, sagt Wahner und erklärt die regelmäßige Tücke ihrer Sportart: „Boxen ist generell eine sehr subjektive Sportart. Dem einen Kampfrichter gefällt dieser Boxstil mehr, dem anderen jener.“

"Alles im Leben hat einen Sinn"

Dennoch hat sich das Team Wahner/Timm in Vorbereitung auf die Gegnerin wohl etwas verspekuliert. „Sportlich war ich auf den Punkt vorbereitet, aber wir hätten wahrscheinlich eine andere Taktik wählen sollen“, sagt sie. So ganz abgehakt scheint der verpasste Olympia-Start nicht zu sein.

Wer möge es ihr verdenken? Im Dezember 2020 hatte Wahner in der SZ noch erklärt: „Olympia ist ein sehr, sehr großer und bedeutender Punkt für mich.“ Doch was folgt für die deutsche Top-Boxerin nun aus dem sportlichen Dilemma? „Mein Leitspruch, nach dem ich lebe, lautet: Alles im Leben hat einen Sinn, auch wenn man das im ersten Moment nicht erkennen kann. Vielleicht sollte dieses Olympia für mich nicht sein“, sagt sie und meint auch die außergewöhnlichen Rahmenbedingungen.

Nach dem Aus für Tokio räumt Ornella Wahner selbstkritisch ein: "Wir hätten wahrscheinlich eine andere Taktik wählen sollen."
Nach dem Aus für Tokio räumt Ornella Wahner selbstkritisch ein: "Wir hätten wahrscheinlich eine andere Taktik wählen sollen." © Felix Hofmann

Offenbar denkt Wahner zudem derzeit über mehrere Optionen nach. Ab Montag startet sie zunächst mit der Vorbereitung auf die WM im Oktober. „Es gibt nicht nur das Boxen. Ich habe mein Studium, ein Privatleben“, sagt Wahner, die Sportwissenschaft in Berlin studiert. Außer dem neuen Angriff mit Ziel Olympia 2024 in Paris ist ein Wechsel zu den Profis ebenfalls eine Option. Oder sogar ein Karriereende? Sie denkt lange nach und meint: „Selbst das ist denkbar. Ich muss erst das eine verarbeiten, um dann zu gucken, was daraus folgt.“

Nächster Karriereschritt steht bevor

Dass mit Profi-Weltmeisterin Christina Hammer, die sich für das Ziel Tokio extra reamateurisieren ließ, eine weitere prominente deutsche Faustkämpferin die Corona-Spiele in Japan verpasst, hilft Wahner in ihrem Bewältigungsprozess nur bedingt weiter. „Jeder hat diesen Traum von Olympia. Ich kann mit Christina Hammer mitfühlen. Klar tröstet man sich da – oder baut sich wieder auf“, sagt Wahner.

Einen positiven Effekt, wenn man so will, hat die Sache doch. Die Athletin, die beim Post SV Dresden in der Leichtathletik begann, konnte die Semesterprüfungen in der dafür vorgesehenen Phase absolvieren. Wäre sie in Tokio, hätte sich nachschreiben müssen. „Ehrlich gesagt, hatte ich so fest mit Tokio gerechnet, dass ich mich nicht ausreichend mit den Modulen beschäftigt habe“, erklärt sie lachend. Den Lernstoff hat sie in der unfreiwillig freien Zeit nun nachgeholt, sozusagen Tag und Nacht.

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Der nächste Schritt für die Karriere nach der Karriere steht unmittelbar bevor. Im August beginnt Wahner ihr Praxissemester – in der Abteilung Leistungsdiagnostik des Olympiastützpunktes in Köln. „Wie mein Alltag dann dort aussieht, weiß ich noch nicht. Ich finde die Aufgabe aber jetzt schon enorm spannend, die ganzen Jahre habe ich ja auf der anderen Seite gestanden. Jetzt kann ich mir das genauer anschauen“, sagt sie.

Und vielleicht helfen die Erkenntnisse auf dem Weg nach Paris.

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