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Wo heute die Grenzen im Leistungssport liegen

Was ist noch erlaubt, was nicht mehr? Die Chemnitzer Turnaffäre um Trainerin Gabi Frehse löst eine neue Grundsatzdiskussion aus. Der MDR leistet einen Beitrag.

Rebekka Haase trainiert in Chemnitz und ist nicht überrascht. Foto: Fotostand
Rebekka Haase trainiert in Chemnitz und ist nicht überrascht. Foto: Fotostand © Fotostand

Dresden. Es ist ein schwieriges Thema, das am Montagabend in der Sendung „Fakt ist!“ im MDR diskutiert wird. „Schweiß, Schmerz und Tränen – wo ist die Grenze im Leistungssport?“ Aufhänger sollen Vorfälle in Chemnitz sein: Mehrere Turnerinnen beschuldigen ihre ehemalige Trainerin Gabriele Frehse, sie psychisch unter Druck gesetzt und mental erniedrigt zu haben, zudem wird ihr vorgeworfen, Medikamente ohne ärztliches Attest an mindestens eine Sportlerin weitergegeben zu haben. Dazu läuft ein Ermittlungsverfahren. Frehse hat die Vorwürfe mehrmals zurückgewiesen, sich aber entschuldigt, falls sich Athletinnen von ihr beleidigt gefühlt haben.

In der Runde kann das nicht konkret angesprochen werden, weil keiner der Beteiligten und auch niemand mit Erfahrung aus dem Turnen dabei ist. Moderator Andreas F. Rook weist eingangs darauf hin, dass mehrere mögliche Gesprächspartner sich nicht live im Fernsehen äußern wollten. So sind der frühere Skispringer Sven Hannawald, Diskuswurf-Olympiasieger Robert Harting, Sprinterin Rebekka Haase sowie der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Lehmann, zweimal Olympiasieger mit dem Bahnrad-Vierer, die Kronzeugen. Zudem bringt die freie Journalistin Andrea Schültke ihre Recherchen unter anderem zu sexualisierter Gewalt im Sport ein.

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Leichtathletin von "Fall Chemnitz" nicht überrascht

Auf den „Fall Chemnitz“ kann lediglich Haase, die am Olympiastützpunkt Sachsen trainiert, direkt eingehen. Sie sei nicht überrascht von den Vorwürfen, sagt die 28-Jährige. „Ich habe schon mit 16 in Chemnitz mit einer Turnerin in einem Zimmer gewohnt, die bei der Trainerin trainiert hat, habe das mehr oder weniger hautnah mitbekommen“, berichtet Haase. Es sei schön, dass es „endlich in die Öffentlichkeit getragen wird, weil: Hinter verschlossenen Türen finden Sachen statt, die gehen nicht, auch nicht im Leistungssport.“

Was sie konkret meint, bleibt offen und eine Nachfrage aus. Die Debatte kommt an der Stelle nicht in die Tiefe, zumal sich alle darin einig sind, dass im Leistungssport nur die Leistung zählt. „Wer hoch hinaus möchte, das kommt nicht vom auf dem Sofa sitzen und Chips essen“, sagt Hannawald, der 2002 auf allen vier Schanzen der Tournee gewann, als erster Skispringer überhaupt. Nach seiner Karriere erlebte er ein Burn-out. „Als ich mein Ziel erreicht hatte, habe ich gespürt, was ich meinem Körper zugemutet hatte“, sagt er, aber: „Das kam nicht von Trainern, sondern von meinem Ehrgeiz und Perfektionismus.“

Harting meint, es gebe den Moment, in dem man sich entscheidet, für den Erfolg im Sport auf andere Dinge zu verzichten. „In dem Alter kann man das schon“, sagt er, wobei vage bleibt, wann dafür der richtige Zeitpunkt ist. Im Turnen, das wird unterschwellig unterstellt, beginne der Leistungssport jedenfalls zu früh. Auf Chemnitz und die Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer lässt sich das jedoch kaum als ein Argument dafür verwenden, warum sie ihre mutmaßlichen Erfahrungen erst nach ihren großen Erfolgen – und gut zwei Jahre, nachdem sich Frehse von ihr getrennt hat, – dem Magazin Der Siegel offenbart. Sie kam mit 15 Jahren nach Chemnitz, hatte sich vorher in Saarbrücken von einem Trainer getrennt und war kurzzeitig zum Stabhochsprung gewechselt.

Olympiasieger Harting: Fruchtbare Hassliebe zum Trainer

Möglicherweise trifft es die Einschätzung der Journalistin besser. „Diese Grenze für sich zu definieren, wenn man in dem System steckt, ist ganz schwer“, erklärt Schültke. „Das macht man erst, wenn man rauskommt, neben sich steht und auf die Karriere zurückblickt.“

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Diese Selbsterkenntnis ist individuell. So bezeichnet Harting sein Verhältnis zum Trainer als „Hassliebe, die total fruchtbar“ gewesen sei. Allerdings stößt er eine Debatte an, die inhaltlich wie zeitlich den Rahmen der Sendung sprengt. Das Trainingsmodell, ständig an und über die Grenze zu gehen, sei in Zukunft nicht mehr praktikabel. „Die Kinder verstehen nicht, warum sie so eine Leidensfähigkeit entwickeln müssen, um gut zu werden“, sagt Harting. Es brauche eine neue, moderne Trainingsmethodik. Und das gilt eben nicht nur für Chemnitz oder allein im Turnen.

Die Sendung "Fakt ist - Schweiß, Schmerz und Tränen – wo ist die Grenze im Leistungssport?“ in der ARD-Mediathek.

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