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„Ich habe noch den Biss in mir“

Nach zwei Olympiasiegen erlebt Weltklasse-Ruderer Karl Schulze in Tokio seine größte sportliche Enttäuschung. Der Dresdner überlegt nun, wie es weitergeht.

Zurück nach Dresden, zurück auf die Elbe: Karl Schulze hat klare Pläne.
Zurück nach Dresden, zurück auf die Elbe: Karl Schulze hat klare Pläne. © Archiv: Jürgen Lösel

Dresden. Der blonde Hüne ist 33 und muss auf das enttäuschendste Sportereignis seines Lebens zurückblicken. Bei den Olympischen Spielen in Tokio verpasste Karl Schulze, der Ruder-Olympiasieger von 2012 und 2016, mit dem deutschen Doppelvierer nicht nur die erhoffte dritte Medaille, von Gold ganz zu schweigen. Das Boot fuhr lediglich im sogenannten B-Finale auf den zweiten Rang. Macht Gesamtplatz acht – und ist für den erfolgsverwöhnten Dresdner viel zu wenig.

Wahrscheinlich hätte Schulze niemand verübelt, wenn er sich jetzt still und leise vom Leistungssport verabschiedet hätte. Doch das Gegenteil ist der Fall. „Ich habe mich sehr gut erholt und den Urlaub in der Türkei mit meiner Familie sehr genossen. Doch leider ist das ja schon wieder vorbei“, sagt er. So spricht einer, der noch nicht genug hat.

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Seit vergangener Woche drückt Bundespolizist Schulze die Schulbank bei einer gerafften Weiterbildung über sechs Monate. Vier Monate Theorie, zwei Monate Praktikum – danach ist der Weltklasse-Ruderer auch Bundespolizeikommissar. „Um den Theorieteil ist Training möglich, tendenziell nachmittags“, erklärt Schulze. Die Karriere auf dem Wasser geht also weiter.

Obwohl er niemandem mehr etwas beweisen muss nach zweimal Olympia-Gold, einem WM-Titel und dazu noch zwei bei den Junioren, hat sich Schulze für die Fortsetzung seiner Karriere entschieden. „Ich habe einfach Spaß am Sport, das ist zu meinem Leben geworden. Das ist mein Beruf, an dem habe ich nach wie vor viel Freude“, sagt er und stellt fest: „Für mich stand nie zur Debatte, dass ich nach Tokio aufhöre. Ich habe immer noch den Biss in mir, das Maximale aus mir herauszuholen.“

Die Familie steht ganz vorn

Seit 2015 startet Schulze für den Berliner RC, lebt aber seit einem Jahr wieder in seiner Heimatstadt Dresden. „Für mich ist die eigentliche Frage, wie sehr kann ich alles unter einen Hut bekommen“, verdeutlicht er und meint seinen Sport, seine berufliche Weiterbildung und die Familie. Schulze möchte so viel Zeit wie möglich mit seiner Lebensgefährtin Marie-Christin Jonekeit und den gemeinsamen Töchtern Lea (1) und Leni (3) verbringen.

Auch die Flexibilität und Beweglichkeit des Deutschen Ruderverbandes spielt deshalb eine gewichtige Rolle. „Da ist wie immer nach Olympia abzuwarten, welche neuen Strukturen, welche Regeln aufgesetzt werden. Was verändert sich, wo muss etwas angepasst werden“, sagt Schulze.

Dass sich im Verband etwas ändern muss, steht nach dem dürftigen Abschneiden – zwei Silbermedaillen gab es in Tokio – außer Frage. Das System der Zentralisierung an Stützpunkten hat nicht so gegriffen, wie erhofft, milde formuliert. Schulze musste dafür mit seiner Familie nach Hamburg ziehen – und kehrte nach der Olympiaverschiebung mehr oder weniger entnervt wieder nach Dresden zurück.

„Wenn die Kriterien mal stehen, werde ich sie überprüfen und erst dann wirklich meine Richtung festlegen können.“ Soll heißen, wenn Schulze noch einmal ernsthaft Anlauf nehmen will, müssen die Rahmenbedingungen passen. „Ich habe Familie, kann nicht zentral in Hamburg sein. Wir müssen schauen, was es für Lösungen und Optionen gibt. Die Bedingungen müssen so geschaffen sein, dass es funktionieren kann. Die Familie steht für mich ganz vorn“, betont er.

Der Dresdner sieht akuten Gesprächsbedarf und hat auch schon konkrete Ideen. „Ich kann mir vorstellen, auch wieder hauptsächlich auf der Elbe zu trainieren.“ so Schulze. Sein einstiger Heimtrainer Egbert Scheibe geht zwar Ende des Jahres in Rente, „hat aber signalisiert, dass er da ein paar Minuten finden würde, um mit mir zu arbeiten“, erklärt Schulze grinsend.

Unangenehmes Andenken die Londoner Goldfahrt

Zum Neuanfang gehört natürlich auch die Aufarbeitung des Dilemmas von Tokio. Für den erfolgreichsten Ruderer aus dem Quartett mit Tim Ole Naske, Hans Gruhne und Max Appel steht fest: „Wir waren individuell vier sehr, sehr gute Ruderer mit Top-Qualität. Aber wir haben es nicht geschafft, bis auf das letzte Prozent einheitlich im Boot miteinander zu arbeiten.“

Der Doppelvierer war auf der Achterbahn durch die Saison unterwegs. Zwischen Höhenflügen und Tiefschlägen, nie konstant. „Dafür konnten wir nie wirklich die Ursache herausarbeiten. Jeder hatte ein bisschen eine andere Vorstellung, und wir konnten uns nicht so anpassen, dass wir am Ende des Tages vom Selben sprechen. Da hilft auch kein Mehraufwand im Training“, sagt Schulze. Der Doppelvierer wird also offenbar umbesetzt. Schulze ist für alle Pläne offen und auch nicht festgelegt auf eine Bootsklasse.

Der erfahrene Dresdner hat ohnehin noch andere Probleme. Seit der Goldfahrt vor fünf Jahren von Rio plagen ihn hin und wieder Schulterprobleme, die auch vor Tokio eine Rolle spielten. „Im Wettkampf war ich schmerzfrei, aber im Training war ich eingeschränkt“, sagt er. Die Ärzte gehen von einer normalen Überbelastung aus. Der auf Hochleistung getrimmte Körper reagiert mit Entzündungen. „Das sind für mein Sportleralter normale Verschleißerscheinungen. Für mich werden Regenerationszeiten zunehmend wichtiger. Bei mir sind andere Schwerpunkte wichtig als bei einem jungen Athleten.“

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Auch das spricht für einen individuellen Weg für die weitere Karriere. Ob die nun tatsächlich bis Olympia 2024 in Paris weiterläuft, vermag er noch nicht zu beantworten. „Es sind einfach zu viele Faktoren ungeklärt“, sagt Schulze. Doch der 33-Jährige ist bereit. Immer noch.

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