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Shorttrackerin Seidel spricht über ihren Horrorsturz

Anna Seidel hat sich kurz vor der WM verletzt. Jetzt spricht die Dresdnerin über den schweren Unfall, die Folgen und ihre professionelle Seelen-Hilfe.

Anna Seidel muss nach ihrem Schien- und Wadenbeinbruch rund drei Monate Pause in Kauf nehmen. „Ich habe schon daran zu knabbern“, sagt sie.
Anna Seidel muss nach ihrem Schien- und Wadenbeinbruch rund drei Monate Pause in Kauf nehmen. „Ich habe schon daran zu knabbern“, sagt sie. © Archiv: Lutz Hentschel

Dresden. Ihre Stimme ist leiser als gewöhnlich, die sonst so ansteckende Fröhlichkeit und Leichtigkeit scheinen dahin zu sein. Wenig verwunderlich: Shorttrackerin Anna Seidel spricht zum ersten Mal öffentlich über ihren schweren Sturz vor einer Woche, der sie nicht nur den WM-Start kostete, sondern die Dresdnerin mit Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking weit zurückwirft.

Seidel hatte sich vergangene Woche im niederländischen Dordrecht bei einem Trainingssturz in unmittelbarer Vorbereitung auf die WM das rechte Schien- und Wadenbein gebrochen. Bereits tags darauf wurde sie in Dresden operiert, diesen Montag nun durfte die 22-Jährige das Krankenhaus verlassen. „Die Schmerzen sind noch da, es geht mir aber besser. Es ist jedoch schon schwierig, für den Kopf ist das nicht einfach – aber an sich geht es mir okay“, sagt Seidel.

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Bei einer Computer-Tomografie hatte sich die ursprüngliche Diagnose bestätigt: „Zum Glück“, meint sie, „sind nicht das Sprunggelenk oder die Bänder betroffen.“ Die Knochen wurden inzwischen mit Platten und Schrauben wieder in der richtigen Lage fixiert, jetzt müssen die Brüche heilen. Sechs Wochen lang muss Seidel einen Spezialschuh tragen und sich auf Krücken fortbewegen. Einmal am Tag geht sie zur Physiotherapie – die Lymphdrainage soll schmerzlindernd wirken und die Skelettmuskulatur entspannen. „Danach kommt es einfach darauf an, wie die Physiotherapie läuft, wann und in welchem Umfang ich wieder trainieren kann“, sagt Seidel.

Olympia 2022 ist nicht in Gefahr

Allerspätestens nach zwölf – also Mitte Juni – soll Deutschlands mit Abstand beste Shorttrackerin wieder voll ins Training einsteigen können. „Vielleicht aber auch ein bisschen eher“, hofft Seidel.

Ihr Olympia-Start im Februar 2022 ist also noch nicht ernsthaft in Gefahr. „Das muss man wirklich sehen. Eigentlich haben mir auch alle Trainer zugesprochen, dass Olympia nicht gefährdet ist und wir genug Zeit haben. Die Qualis sind im Oktober und November relativ früh, aber danach ist noch ein langer Trainingsblock. Es wäre viel, viel schlimmer gewesen, wenn mir im Sommer so etwas ähnliches passiert wäre“, tröstet sich Seidel.

Der Sturz hat der Athletin des Eislauf-Vereins Dresden dennoch vermutlich das beste WM-Ergebnis ihrer Karriere gekostet. Denn Seidel war in der Form ihres Lebens, hatte kurz zuvor bei der Europameisterschaft mit zwei Silber- und einer Bronzemedaille so erfolgreich abgeschnitten wie noch keine deutsche Starterin vor ihr. Bundestrainer Stuart Horsepool und auch der Verband sahen in der Dresdnerin eine potenzielle WM-Medaillenhoffnung.

Dann kam der folgenschwere Trainingssturz. Den schmerzhaften wie plötzlichen Rückschlag zu verkraften, ist für die ambitionierte Leistungssportlerin nicht einfach. Seidel ist immer noch jung, obwohl sie schon lange im Geschäft ist. 2014 in Sotschi war sie die zweitjüngste Athletin im gesamten deutschen Olympiateam.

„Eigentlich hätte es viel schlimmer kommen können“

„Ich habe schon daran zu knabbern. Im Krankenhaus ging das noch, da ist man abgelenkt. Aber wenn man dann zu Hause ist, ein bisschen runterkommt und alles sacken lässt, ist das nicht so einfach“, sagt Seidel und lässt tief in ihr Seelenleben blicken. Sie nimmt bei der mentalen Aufarbeitung professionelle Hilfe in Anspruch. „Ich gehe nächste Woche zum Sportpsychologen des Olympiastützpunktes, um alles ein bisschen aufzuarbeiten und besser damit umgehen zu können“, erzählt sie.

Möglich, dass sie mit dem Psychologen noch einmal den Unfallhergang seziert. „Es ist bei einem Steigerungslauf passiert, wir waren also relativ schnell unterwegs, ich habe noch zwei schnelle Schritte in die Kurve reingemacht und bin dann mit der Kufe im Eis eingespickt. Dabei hat es mir den Fuß verdreht“, schildert Seidel.

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Das Tempo – die Besten erreichen auf dem engen Eisoval Spitzengeschwindigkeiten bis zu 50 Kilometer pro Stunde – und die brachiale Richtungsänderung des Fußes lösten die Brüche aus, denn in die ausgepolsterte Bande ist Seidel mit der Schulter zuerst reingerauscht. Dabei ist nichts passiert. „Eigentlich“, sagt sie deshalb abschließend mit einem vorsichtigen Lächeln, „hätte alles noch schlimmer kommen können.“

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