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„Jeder kann sich zu einem Sieger entwickeln“

Das sagt Ronny Schönig. Er hat von asiatischen Kampfkunst-Meistern gelernt und erzählt vom Weg des Siegers jetzt in einem Buch.

Ronny Schönig arbeitete sieben Jahre lang als Bundestrainer im Kick- und Thaiboxen. Der 44-jährige Geschäftsführer eines Fitnessstudios und Mentalcoach verbringt viel Zeit in Japan und China.
Ronny Schönig arbeitete sieben Jahre lang als Bundestrainer im Kick- und Thaiboxen. Der 44-jährige Geschäftsführer eines Fitnessstudios und Mentalcoach verbringt viel Zeit in Japan und China. © kairospress

Dresden. Es ist nicht seine Kernkompetenz, doch der Dresdner Ronny Schönig hat das Corona-Jahr 2020 genutzt, um ein Buch zu schreiben. Ein Buch über den tieferen Sinn seiner Leidenschaft, die asiatischen Kampfkünste, und wie man sie in einer sich immer schneller verändernden Welt nutzen kann. Der 44-Jährige, der auch als Bundestrainer im Kick- und Thaiboxen gearbeitet hat, erzählt in seinem Werk „Der Weg des Siegers“ seine Sicht der Dinge.

Herr Schönig, provokativ gefragt: Warum braucht die Welt Ihr Buch?

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Weil ich denke, dass es viele Leute interessiert. Das habe ich bei den vielen Gesprächen mit meinen Sportlern und auch Managern, die ich betreue, festgestellt. Ich habe das schon seit Ewigkeiten im Kopf, weil ich mich intensiv mit dem Mentalprinzip auseinandergesetzt habe. Diese Philosophie war schon immer meine, ein Hauptgrund, der mich in die Kampfkünste reingezogen hat. Das ist wie eine Leitplanke, an der man gut durch das Leben kommt. Das musste ich mal zu Papier bringen, habe über mehrere Jahre Stoff gesammelt.

Der Buchtitel klingt verheißungsvoll.

Wenn man den Titel nur für sich nimmt, könnte man vielleicht denken, das macht einen Egoisten zu einem Narzissten. Aber es geht um das Gegenteil; um Werte, um Demut und die Erkenntnis, dass alles, was du in deinem Leben bewegen willst, bei dir selbst anfängt. Sich selbst von innen gut ausrichten und auf ein Wertefundament konzentrieren – das ist es, was ich als Botschaft überbringen will.

Sie haben nicht immer so gedacht, verraten Sie in Ihrem Buch.

Ich hatte auch meine wilden Zeiten. Und das ist auch alles gut so, ich möchte nichts davon missen. Irgendwann habe ich aber erkannt, dass der Weg für mich noch viel mehr offenhält, gerade bei den Begegnungen mit meinen beiden Meistern aus Asien ist das in der Tiefe ganz anders gewachsen.

Was führte Sie nach China?

Ich wollte an der Quelle trainieren, das ist wirklich intensiver. Ich bin dankbar für die Begegnungen mit meinem Meister – der führt in der 23. Generation die Drachentorschule. Ich bin ein Teil davon. Aber auch das Sportliche hat mich gereizt, der Kampfsport: Wettkampf, Medaillen gewinnen, eigener Erfolg. Kampfkunst führt viel weiter. In die Tiefe – mit einer anderen Philosophie, die über Teamgeist und Kameradschaft hinausgeht.

Wie kommt man denn in solch eine Kampfkunst-Schule?

Ich war nicht in einer Shaolin-Schule, mein Meister ist ein Thai-Chi-Meister. Seine Familientraditionslinie geht bis ins 11. Jahrhundert zurück und wird immer von Meister zu Meisterschüler weitergegeben. Ein Meister hat bis zu zehn Schüler, mehr gibt es nicht. Der traditionelle Weg, der über das Wude führt, also einen Wertekodex, beinhaltet, dass sich Meister und Schüler gegenseitig eine gewisse Zeit testen. Erst dann entscheidet der Meister: Ich nehme den Schüler an. Man muss nach den Werten leben, sie in sein Leben integrieren.

Sie waren also zum Probetraining?

Nein, er hat mich über viele Jahre trainiert. Ich bin zwei, drei Mal im Jahr für drei, vier Wochen nach China geflogen, habe bei ihm zu Hause gewohnt. In den letzten zehn Jahren eigentlich jedes Jahr bis auf die Corona-Zeit.

Wie und wo leben Sie, wenn Sie bei Ihrem Meister Shen Xijing trainieren?

Mein Meister hat aus verschiedenen Kampfkünsten das Taiji-Dao-System entwickelt. Er entscheidet, wann und was er mir zeigt. Es ist nicht so wie hier: Ich zahle Geld dafür, komm, zeige mir etwas.

Müssen Sie für die Ausbildung zahlen?

Ja, ich bin auch für seine Altersvorsorge zuständig. Das ist ein Deal, der hat es in sich. Wenn es ihm schlecht geht, unterstütze ich ihn. Die Schüler sind dazu verpflichtet. Ich bin wie ein Sohn in seiner Familie.

Stimmt das Klischee aus Filmen: Sie leben völlig isoliert in einer Bambushütte bei Reis und Wasser?

Es ist eine Mischung aus Moderne und Tradition. Die traditionelle Unterrichtsweise bedeutet: Nicht gelobt, ist Lob genug. Da muss man anfangs ganz schön schlucken. Vom Training her ist das eine Mischung: Ich lebe nicht im Hotel, sondern bei der Familie. Wenn mein Meister nachts 0.30 Uhr die Eingebung hat, mit mir Übungen zu vollführen, weckt er mich und trainiert mit mir. Ich habe mit ihm in malerischen Klöstern trainiert. Er hatte aber auch schon die Eingebung, mit mir in einer Einkaufspassage zu trainieren – 300 Chinesen stehen um uns herum, filmen uns mit ihren Handys und er zeigt mir Sachen, die ich noch nicht hinkriege und die ich dort üben muss.

Welche Werte vermitteln Sie Ihren Sportlern?

Eine Art Demut. Im positiven Sinne, dass man mit Sieg und Niederlage gut umzugehen weiß. Jeder Mensch verändert sich durch Erfolg, passt den Charakter an. Demütig zu sein, heißt zu wissen, dass selbst ein Weltmeistertitel nur eine Momentaufnahme ist, abhängig von vielen Faktoren. Vom Tag, der Physis, der Form, glücklichen Umständen, der Gegnerauswahl. Das kann am nächsten Tag schon ganz anders sein. Alles verändert sich permanent. Nur wenn man von sich heraus innerlich stabil ist, kann man damit umgehen. Auch das eigene persönliche Umfeld spielt eine Rolle. Wenn man erfolgreich ist, gesellen sich auf einmal viele angebliche Freunde dazu, viele Leute, die dich cool finden. Das muss man einordnen können.

Steckt in jedem ein Sieger?

Jeder hat das Potenzial, aus seinem Leben das Beste zu machen. Das muss nicht immer sportlich sein, sondern auch beruflich oder ehrenamtlich. Jeder kann sich nach seinen Möglichkeiten zu einem Sieger mit einem gefestigten Charakter entwickeln.

Was macht denn einen Sieger in Ihren Augen aus?

Dass er mit Sieg und Niederlage gleichermaßen umgehen kann, dadurch Gelassenheit erlangt – und von innen nach außen strahlt. Also ein gewisses Charisma entwickelt, andere Menschen mit seiner Art und Weise in den Bann ziehen kann. Er sollte eine positive Anziehungskraft besitzen.

Zu einem Sieger gehört also zwingend die Niederlage?

Richtig – und vor allen Dingen Charakter. Es kommt nicht darauf an, nur die Medaillen zu zeigen, Es gibt genügend tolle Sportler, die wirklich taff, aber irgendwann abgehoben sind, weil sie vergessen haben, den Charakter weiter zu formen. Die fallen nach ihrer Karriere vielleicht mal in ein Riesenloch, wenn die Erfolge nicht mehr so einfach purzeln. Die Frage stelle ich auch vielen Managern: Was bleibt übrig von dir, wenn man dir alles wegnimmt? Deinen Status, dein Geld, also das, was dich von außen betrachtet ausmacht. Dann kommt man auf das Wertefundament, den Charakter. Dieser Frage stellen sich viele gar nicht.

Wann ist der Weg des Siegers zu Ende?

Der beginnt und ist nie zu Ende.

Was steckt genau hinter dem Begriff Wude, den Sie in Ihrem Buch oft erwähnen?

Der Wertekodex ist vor langer Zeit entstanden. Man sagt, er geht auf die früheren Philosophen wie Laotse oder Konfuzius zurück. Dieses Wertefundament ist in jeder asiatischen Kampfkunstrichtung anders. Im Kern geht es um Eigenschaften, die man als Kämpfer entwickeln soll wie Mut, aber auch Demut und gegenseitigen Respekt. Das ist gleichzusetzen mit dem japanischen Bushido – dem Ehrenkodex der Samurai. Grundsätzlich eine coole Idee, diesen Kodex soll jeder Mensch für sich definieren und auch danach leben. Fehler gehören im Leben aber auch dazu.

Schicken Sie auch Leute weg, wenn die Ihrem Weg nicht folgen wollen?

Das kommt vor. In China ist das schon dogmatisch. Der Meister legt den Kodex der Kampfkunstfamilie fest. Entweder bist du so und lebst danach – oder du bist nicht so. Ich habe es in meinem Buch so dargestellt, dass jeder seine eigenen Werte festlegt und sich sein eigenes Fundament baut.

Wird dieser Weg damit nicht beliebig?

Nein, ich orientiere mich da schon an einigen Grundwerten. Wenn jetzt jemand sagt, mein Wertekodex besteht aus Gier, würde das meinem Weg des Siegers nicht entsprechen, so wie ich das interpretiere.

Sie sind außerdem Geschäftsmann, führen das Fitnessstudio Tao Fit – wie definieren Sie da Erfolg?

Ich bin total glücklich, dass wir wieder öffnen konnten. Das war eine große Herausforderung. Wir hatten Mitglieder, die absolute Corona-Test-Gegner sind, die kommen nicht mehr her. Eine andere Gruppe ist sehr penibel, die alle Hygienemaßnahmen perfekt umgesetzt haben wollen. Zu uns darf jeder kommen, wir sind neutral. Aber natürlich schaue ich als Geschäftsmann auf die Zahlen. Die müssen positiv sein. Ich kümmere mich aber auch darum, dass es meinen acht festen Mitarbeitern gut geht. Im Lockdown habe ich das Kurzarbeitergeld aller Mitarbeiter auf hundert Prozent aufgestockt, damit sie keine Existenzängste haben. Ich habe die schon – bis jetzt habe ich keine Überbrückungshilfe III bekommen. Doch ich habe ein Urvertrauen, dass sich alles fügen wird. Da muss man gelassen bleiben.

Das mögen manche für naiv halten. Wie gegen Sie damit um?

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Was ich nicht ändern kann, ist so, wie es ist. Das lebe ich selbst, auch wenn ich mir gern eine andere Situation wünschen würde. Ich weiß aber: Wenn man mir hier alles wegnimmt, könnte ich in einem anderen Raum anfangen – die Leute würden wieder zu mir kommen, es würde irgendwie weitergehen. Ich schaue, was möglich ist – was ist Plan B, was Plan C? Natürlich habe ich meine Ängste. Das Tao Fit stand bis zum ersten Lockdown super da, jetzt sinken monatlich die Mitgliederzahlen. Wir hatten knapp 1.500, jetzt sind es 1.200. Das tut weh und kostet richtig Geld. Ich habe Rücklagen investiert. Ein Teil der Mitglieder haben uns auch aktiv unterstützt.

Das Interview führte Alexander Hiller.

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