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„Dafür müssen Schweiß und Tränen fließen“

Marlene Bindig war Dresdens erfolgreichste Turnerin nach 1990. Sie hat auch die Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse erlebt – wie sie über die Turnaffäre denkt.

Marlene Bindig hat als erste Dresdner Turnerin nach 1990 einen deutschen Meistertitel gewonnen.
Marlene Bindig hat als erste Dresdner Turnerin nach 1990 einen deutschen Meistertitel gewonnen. © Matthias Rietschel

Dresden. Es ist möglich, dass die frühere Turnerin Marlene Bindig etwas voreingenommen ist. Die heute 24-Jährige hat seit 2015 eine enge Bindung mit der Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse, die in jenem Jahr gewissermaßen Wegbereiterin für den größten Erfolg der jungen Dresdner Athletin war. Eigentlich hatte sich Bindig damals als Achte wegen eines Sturzes hauchdünn nicht für das Finale der besten sechs Bodenturnerinnen qualifiziert. Zwei besser platzierte Athletinnen sagten jedoch wegen Knieproblemen ab – darunter Frehses Schützling Sophie Scheder.

„Ich habe mich am Abend in den Schlaf geweint, Gabi hat mich am Finaltag von der Tribüne runtergerufen und gesagt: Marlene, du darfst heute im Finale teilnehmen. Dann bin ich deutsche Meisterin geworden“, erinnert sich Bindig – eine herzliche Umarmung von Frehse folgte.

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Nun steht just jene Trainerin am Pranger. Die 60-jährige soll nach Berichten des Magazins Der Spiegel einige Schützlinge psychisch unter Druck gesetzt und im Einzelfall Medikamente verabreicht haben. Angeführt wird die Riege der Anklägerinnen von Pauline Schäfer, Weltmeisterin von 2017. Frehse hat die Vorwürfe als haltlos und unwahr bezeichnet.

Ein vom Deutschen Turner-Bund (DTB) in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht einer Frankfurter Anwaltskanzlei kommt auf 800 Seiten Protokoll zu dem Schluss, dass „in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin“ vorliegen. Was das konkret bedeutet, ist bis heute unklar.

"Beim Turnen werden kleine Persönlichkeiten herangezogen“

Marlene Bindig möchte sich in diese Diskussion eigentlich nicht einschalten. „Ich sehe mich überhaupt nicht in der Position, irgendjemand in ein schlechtes Licht zu rücken“, sagt die erfolgreichste Dresdner Turnerin des letzten Jahrzehnts. Bei Frehse hat sie selbst nie trainiert. Allerdings vertritt sie eine starke Meinung zu dem Fall.

„Ich kenne Gabi, seit ich bei den Minis war. Sie war immer eine Trainerin, die einen strengen, bestimmten Ton an den Tag gelegt hat. Die aber eben für ganz viele Mädchen, mit denen ich auch engen Kontakt hatte, fast schon eine Mutterrolle eingenommen hat“, erklärt Bindig. Frehse habe eben nicht nur in der Turnhalle den Ton angegeben, sondern auch alles drumherum koordiniert – von Schulaufgaben bis zu regelmäßiger Physiotherapie.

Für Bindig ist es kaum vorstellbar, dass Gabriele Frehse bewusst über Grenzen hinausgegangen ist. Vielmehr macht sich die Sportevent- und Tourismus-Managerin, die seit April bei Google in Dublin arbeitet, ihren eigenen Reim auf die festgefahrene Situation. „Ich denke prinzipiell, beim Turnen werden kleine Persönlichkeiten herangezogen“, sagt die Dresdnerin und veranschaulicht das an einem Beispiel: „Es wird erwartet, dass sich die Mädchen vom jüngsten Alter an auf so eine große Bodenmatte oder auf einen zehn Zentimeter breiten Balken stellen, drumherum sitzen ein paar Hundert Zuschauer – dann sollst du performen und Persönlichkeit rüberbringen“, sagt Marlene Bindig – und berichtet aus ihrer eigenen Erfahrung: „Das crasht manchmal, wenn diese Persönlichkeiten im Training zu 100 Prozent gehorsam sein, Aufgaben erfüllen und über ihre Grenzen hinaus gehen sollen.“

Bindigs Ruf: Hin und wieder zickig, nicht leicht zu führen

Zu diesen Turnerinnen mit eigenem Kopf zählt auch Bindig. Das brachte ihr den Ruf ein, hin und wieder zickig, nicht leicht zu führen zu sein. „Ich stecke ja in meinem Körper, und ich weiß, ob ich die Übung noch machen sollte oder ob ich nicht mehr kann. Das war immer meine Einstellung. Ich bin mit meinen Trainern immer mal aneinandergeraten“, berichtet sie.

Ihr wurde daraufhin vorgeworfen, sie könne viel, viel weiter sein, wenn sie mal so trainieren würde, wie sie im Wettkampf drauf ist. „Dafür war ich aber nie groß verletzt, weil ich meine Grenzen kannte und gesagt habe: Nein, ich mache den Versuch nicht mehr. Es gab und gibt immer Mädchen, bei denen die Reibungspunkte mit Trainern größer und kleiner sind.“

Erfolgreicher Leistungssport ohne Schinderei ist für Bindig nicht vorstellbar: „Es kommt am Ende auf diese wenigen Momente an, in denen man im glitzernden Anzug vor 5.000 Menschen auf der Bodenmatte steht. Dafür müssen Schweiß und Tränen fließen.“

Letztlich sei der Weg dorthin geprägt von Befindlichkeiten, persönlichen Wahrnehmungen. „Gabi ist eine sehr emotionale Person. Ich glaube, dass schon mal der Ton nicht ganz richtig sein kann – aber diese Emotionalität hat auch zum Erfolg geführt“, meint sie und erklärt: „Der Trainer steht nur draußen, sieht die Fehler und Problemchen und kann zu dem, was er sieht, etwas sagen. Dass dabei nicht jeder mit jedem gleich gut umgehen kann, fängt ja schon in der Familie an.“

Trainer müssen Eigenverantwortung fördern

Auch Bindig sei beispielsweise in puncto Körpergewicht angesprochen worden. „Mein Trainer Olaf Große hat immer gesagt: Mir ist egal, wie viel du wiegst, du musst dich selbst rumtragen. Ich habe erlebt, dass ich mich in der Pubertät körperlich schnell entwickelt habe, und dass dann eben gesagt wurde: Marlene, du musst aufpassen.“ Als verletzend hat sie das selbst nie empfunden. „Es war auf jeden Fall notwendig, dass ich das auch mal gehört habe.“

Eine konkrete Grenze im Verhältnis zwischen Trainer und Athlet gebe es auch beim Turnen nicht. Im Gegenteil: Die ist immer individuell verhandelbar. „Der Trainer ist eine Vertrauensperson, man verbringt die meiste Zeit des Tages mit ihm oder ihr – und seinen Teamkolleginnen. Es ist eine gewisse Eigenverantwortung der Athletin gefordert, der Trainer kann nicht in dich reinschauen, sondern ist dafür da, dass du Spitzenleistung erbringst“, sagt Bindig.

Es sei auch eine Aufgabe des Trainers, die Eigenverantwortung ihrer Schützlinge zu fördern. Als Konsequenz könnte sich die ehemalige Leistungssportlerin vorstellen, dass Sportler und Trainer sich regelmäßig austauschen, wie sie ihre Zusammenarbeit wahrnehmen. Warum sollte das nicht einmal pro Quartal möglich sein?

Eltern geben große Verantwortung ab

Auch wegen der engen Verbindung glaubt die Dresdnerin nicht, dass Gabriele Frehse einer ihrer Schutzbefohlenen Medikamente ohne ärztliche Verordnung aufgezwungen habe – so lautet ein Vorwurf an die Chemnitzer Turntrainerin. „Prinzipiell geben die Eltern eine große Verantwortung an die Trainer ab, über all das, was in der Turnhalle passiert. Auch mein Trainer hat mir mal verschreibungspflichtige Ibuprofen-Tabletten gegeben, weil ich Schmerzen hatte. Das geht aber nicht vom Trainer aus, der dann sagt: Du nimmst das jetzt“, stellt Bindig klar – und erklärt: „Die Turnerinnen wollen unbedingt: Für einen selbst geht die Welt unter, wenn man nicht mehr turnen kann, deine ganze Identität ist darum gesponnen. Ich weiß, wie man verzweifelt in der Ecke steht, Schmerzen hat, man will unbedingt – und das sieht der Trainer. Das ist nichts, wozu irgendjemand gezwungen oder getrieben wird.“

Nein sagen oder die Medikamente vorher mit dem Arzt abklären, könne man immer noch. „Wir Turnerinnen sind nicht auf den Kopf gefallen. Man muss schon selbst bereit sein, über diese Schwelle hinwegzugehen, die Schmerzen zu unterbinden. Natürlich ist das ein heikles Thema.“

Bindig ärgert sich vehement darüber, dass die von ihr geliebte Sportart nun unter eine Art Generalverdacht geraten ist. „Wenn man die Kommentare auf den Social-Media-Seiten liest, meist von Leuten, die kaum Berührungspunkte mit dem Leistungssport haben, verfestigt sich doch der Eindruck: Im Turnen sind nur Monster unterwegs“, erklärt die Dresdnerin und befürchtet, dass nun in dieser Phase jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. „Nun ist die Plattform da, um zu sagen: Ey, der Trainer hat mich falsch aufgefangen.“ Dabei kann das, um Unfälle zu vermeiden, tatsächlich immer mal vorkommen. Bindig hat ihr FSJ-Jahr als Trainern einer Jüngsten-Gruppe in der DSC-Turnabteilung abgeleistet und kennt mithin auch die andere Seite.

Keine Positionierung für eine Seite

Auch deshalb gibt sie nun ihrerseits freimütig Versäumnisse im Umgang mit ihren früheren Trainern zu. „Wenn ich jetzt zurückdenke, würde ich mir wünschen, ich hätte das eine oder andere etwas diplomatischer oder partnerschaftlicher mit meinem Trainer geklärt.“

Es gab Zeiten, da waren die Überwerfungen und Meinungsverschiedenheiten so groß, „dass ich eine Woche lang nicht mit meinem Trainer geredet habe – und umgekehrt“, erzählt die Ex-Turnerin, die für den DSC den ersten deutschen Einzeltitel nach der Wiedervereinigung errungen hatte.

Im Zwist zwischen der Gruppe um Pauline Schäfer und deren früherer Trainerin mag sich Marlene Bindig nicht klar für eine Seite positionieren. Dafür bringt die Dresdnerin eine persönliche Spekulation ins Spiel. Sie fragt sich, wer Interesse an der Schwächung des Stützpunktes in Chemnitz habe?

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„Wenn an einem Stützpunkt plötzlich drei angestellte Trainer fehlen, könnte man das eine oder andere dahinter vermuten“, sagt Bindig und meint: „Das tut mir so weh für die Mädchen, die jetzt in Chemnitz trainieren.“ Und die weiter hinter Gabriele Frehse stehen.

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