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Wie dieser Eislöwe den Kampf gegen den Krebs gewann

Arturs Kruminsch bringt viel Eishockey- und Lebenserfahrung beim Dresdner Zweitligisten ein. Warum er wieder in die Landeshauptstadt zurückkehrte.

„Ich habe die Krankheit überstanden“, sagt Arturs Kruminsch und fragt: „Was soll mich jetzt noch erschüttern?“
„Ich habe die Krankheit überstanden“, sagt Arturs Kruminsch und fragt: „Was soll mich jetzt noch erschüttern?“ © dpa/Robert Michael

Dresden. Eines steht schon mal fest: Als lautstarker, parolen-erprobter Anführer ist Arturs Kruminsch vom Eishockey-Zweitligisten Dresdner Eislöwen nicht zurückgeholt worden. Der Deutsch-Lette gilt als kommunikativ zurückhaltend, nachdenklich, introvertiert. Auf dem Eis ist das egal, denn anderes viel wichtiger. Dort bringt Kruminsch Erfahrungen wie kaum ein Zweiter ein. 653 Zweitligapartien hat der Stürmer schon bestritten, dazu 41 Spiele in der DEL. Nur fünf aktuelle Profis der DEL2 können mehr Spiele in der zweiten Liga vorweisen.

Viel mehr Erfahrung geht nicht. Und die wird in Dresden dringend gebraucht. Der Kader ist so jung und neu wie noch nie in den vergangenen zehn Jahren. Einer wie Kruminsch mit seinen 32 Jahren kann die Richtung vorgeben, Vorbild sein, Motivator in schwierigen Phasen. Auch unter dieser Maxime haben die Eislöwen den Routinier, der bereits zwischen 2013 und 2017 für Dresden auflief, erneut verpflichtet.

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Mit Zuschauern in die neue Saison
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Der Dresdner SC wird am 21. September mit einem Testspiel gegen Schwarz-Weiß Erfurt das Team für die neue Saison präsentieren.

„Ich habe an Dresden nur gute Erinnerungen, wir waren hier immer auch erfolgreich. Aber das ist sehr, sehr lange her“, sagt Kruminsch, der allerdings nun hofft, „dass es genauso gut wird.“ Von 2009 bis 2011 stand er bei den Lausitzer Füchsen unter Vertrag. Beide Teams treffen zum Start der neuen DEL2-Saison am 1. Oktober gleich direkt aufeinander.

Von den Eislöwen-Anhängern wurde er herzlich empfangen. „Das berührt mich sehr. Ich weiß, dass ich eine gewisse Verantwortung habe, auch Druck. Aber Druck hat man immer, schon durch die Anforderungen an sich selbst. Man möchte immer noch eine Schippe drauflegen“, sagt er.

„Ich werde überall helfen“

Den gebürtigen Letten könnte man gut und gern als Vorzeigeprofi bezeichnen. Der Stürmer ist diszipliniert, hart zu sich selbst, kritisch, bescheiden, unglaublich geerdet. Einer, der für seinen Sport brennt. Als Vorbild würde er sich aber selbst nie bezeichnen. Doch er weiß, dass genau das auch jetzt zu seiner Rolle gehört, die er in Dresden spielen soll. „Jeder will erfolgreich sein, das ist auch immer mein Ziel. Die Mannschaft ist sehr fit, da kann man schon etwas machen“, erklärt er und bittet dennoch um Zeit: „Man muss auch etwas geduldig sein, sich etappenweise Ziele setzen. Hier sind die Bedingungen top, um erfolgreich zu spielen und sich auf den Sport zu konzentrieren.“

Kruminsch weiß, mit welchen Inhalten er seine Rolle ausfüllen wird. „Ein Routinier war ich ja jetzt schon länger auch in anderen Teams“, sagt er schmunzelnd, „hier aber habe ich einen ganz anderen Bezug. Ich kann und werde überall helfen. Das ist nicht immer nur das Gespräch untereinander, vielleicht gucken sich die jungen Profis auch etwas ab“, hofft er und erklärt, was für ihn einen guten Eishockey-Profi ausmacht: „Da kommt die Qualität erst raus, wenn es mal nicht so läuft. Denn wenn es läuft, werden alle mitgezogen. Die Frage ist, wer bleibt in den harten Situationen auf dem Eis cool. Da zeigt sich der Charakter. Sagt man: Die anderen sind schuld, oder sucht man auch bei sich nach Fehlern?“

In solchen Phasen komme es auf die mentale Stärke an. „Über die Jahre weiß man ganz genau: Bleibe ruhig, erfülle deine Sachen. Ich habe das alles schon erlebt, den Impuls will ich auch in die Mannschaft geben“, sagt er.

Der in Riga geborene Profi empfindet sich selbst als mental sehr gut aufgestellt. Was auch mit seiner jüngeren Vergangenheit zu tun hat. Als er 2019 bei den Krefeld Pinguins unter Vertrag stand, erkrankte er an Lymphdrüsenkrebs. Weil er ständig über Rückenschmerzen klagte, wurde das Geschwür noch rechtzeitig entdeckt. Die Heilungschancen liegen dann bei 70 bis 90 Prozent.

Kruminsch hat diese Chance ergriffen, mit all seiner stoischen Kraft. „Das ist wie ein Riesenklotz, der auf einen zukommt“, blickt er auf die Diagnose zurück. „Sonst ist man ja nur mit Eishockey beschäftigt. Wie fühlst du dich, wo spielt man, wie ist der Verein“, sagt er und lässt noch tiefer in seine Seele blicken. „Man versteht die Welt nicht mehr, sagt sich: Ich bin doch jung, bin doch fit, ich achte doch auf mich.“ Aufgehalten hat das die Krankheit nicht, dafür dann aber eine Operation an der Uniklinik in Essen. „Die waren echt super, den Leuten bin ich unheimlich dankbar“, sagt er.

Einen Monat wurde Kruminsch stationär behandelt, unter anderem mit Chemotherapien. „Es folgten unheimlich viele Analysen, aller drei Monate sogenannte Check-ups“, erklärt er und klopft dreimal auf den Holztisch. „Die waren bis jetzt alle gut“, sagt er lächelnd.

Jeden Tag auf dem Eis genießen

Ausgezehrt tastete er sich anschließend vorsichtig zurück auf das Eis. Nach einem Training brauchte er zwei Tage Erholung. Dann die nächste Wiederholung, kürzere Pausen. „Man kommt wieder Schritt für Schritt auf sein Niveau. Und irgendwann“, sagt Kruminsch unmerklich lächelnd, „kommt das Gefühl, das erste Erfolgserlebnis, das nächste. Man kommt wieder in seinen Flow.“

Die Abstände zwischen den medizinischen Tests werden länger, derzeit muss sich Kruminsch aller sechs Monate beim Arzt vorstellen. Erst nach fünf Jahren gilt er als geheilt. Den Mann kann nichts mehr erschüttern – zumindest vermittelt Kruminsch diesen Eindruck.

Die Erkrankung und der Umgang mit ihr führten zudem zu neuen Herangehens- und Sichtweisen. „Ich trinke seit drei Jahren keinen Alkohol, gehe früher schlafen, so gegen 22 Uhr“, erzählt der Sohn eines Eishockeyprofis und einer Eiskunstlauftrainerin. Juris und Lilita Kruminsch verließen 1992 nach dem Zerfall der Sowjetunion mit ihren beiden Söhnen Maris und Arturs die Heimatstadt Riga. Erinnerungen daran hat Arturs kaum mehr, dafür fährt er fast jeden Sommer zu engen Verwandten.

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Dresden betrachtet er inzwischen als seine zweite Heimat – nach Dortmund, dem Lebensmittelpunkt seiner Eltern. Vielleicht war es auch die Sehnsucht, die ihn an die Elbe zurücktrieb. „Ich möchte die Zeit auf dem Eis wertschätzen, genießen. Auch da“, schränkt er ein, „ist nicht jeder Tag super, aber mein Blick darauf hat sich geändert. Ich brauche Wohlgefühl, und das kann ich hier noch mehr genießen.“

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