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Die Frau, die den Eislöwen auf den Zahn fühlt

Katharina Lotze kommt zufällig als Fan zum Eishockey. Dann hat die Zahnärztin eine Idee – und es wird mehr daraus.

In der Zahnarztpraxis, in der Katharina Lotze arbeitet, sehen die Patienten, für wen das Herz der Ärztin schlägt: für die Eislöwen, besonders für Angreifer Jordan Knackstedt.
In der Zahnarztpraxis, in der Katharina Lotze arbeitet, sehen die Patienten, für wen das Herz der Ärztin schlägt: für die Eislöwen, besonders für Angreifer Jordan Knackstedt. © Jürgen Lösel

Dresden. Das Gebiss ist eine Hochrisikozone im Eishockey. Die Spieler tragen zwar einen Mundschutz, aber wenn sie von einem Puck oder Schläger im Gesicht getroffen werden, ist das nicht nur schmerzhaft, sondern kann auch sichtbare Folgen haben. Manchem Profi wurden so bereits mehrere Zähne abgebrochen oder sogar ausgeschlagen. Deshalb erscheint es nur logisch, dass eine Mannschaft von einem Zahnarzt betreut wird – oder einer Zahnärztin wie bei den Dresdner Eislöwen.

Allerdings hatte man diese Notwendigkeit im Verein nicht erkannt, bis sich Katharina Lotze vorstellte. Sie wollte mit ihrem Beruf auch den Sport unterstützen, für den sie sich seit einigen Jahren begeistert. Dabei hatte sie noch eine weitere Gefahrenquelle im Blick. „Man sieht ja öfter mal, dass sich die Spieler auf dem Eis prügeln“, meint die 35-Jährige. Also dachte sie sich, weil dabei die Zähne in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, würden sie ihre Hilfe vielleicht gut gebrauchen.

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Bei den Eislöwen traf ihre Idee, die Mannschaft als Zahnärztin zu betreuen, auf viel Gegenliebe. Seit Sommer 2019 ist Lotze offizielles Mitglied im Stab des Profiteams. In diesem Jahr schaffte sie es sogar aufs Mannschaftsfoto – ein paar Jahre zuvor undenkbar. Denn bevor sie ihre Begeisterung für das Eishockey entdeckte, war Lotze eine ambitionierte Schwimmerin. „Mit sechs Jahren bin ich zu einem Verein gegangen, habe dreimal pro Woche trainiert und an Wettkämpfen teilgenommen.“ Mit 17 Jahren begann Lotze, bereits als Trainerin zu arbeiten. Inzwischen ist sie beim SWV TuR Dresden Abteilungsleiterin und organisiert unter anderem Trainingslager und Weihnachtsfeiern.

Plötzlich bei jedem Heimspiel in der Arena

Zum Eishockey fand sie durch Schulfreunde, die sie beim Jahrgangstreffen vor etwa fünf Jahren zum Besuch eines Eislöwen-Spiels überredeten. „Und plötzlich war ich bei jedem Heimspiel in der Arena“, sagt Lotze lachend. Dabei gab es nicht den einen entscheidenden Moment: „Es war die Faszination an sich – dieses schnelle Spiel, so kurzweilig – und auch noch die Freunde sehen. Jetzt ist es so, dass mir schon etwas fehlen würde, wenn es kein Eishockey mehr gäbe.“

Auch beim Porträtshooting des offiziellen Fototermins dabei: Katharina Lotze.
Auch beim Porträtshooting des offiziellen Fototermins dabei: Katharina Lotze. © Matthias Rietschel

Dafür hat sie eigentlich immer Zeit. Denn während sie wegen des Schichtbetriebs in der Praxis nur noch selten als Trainerin am Beckenrand steht, sind die regelmäßigen Besuche der Eishalle kein Problem: „Die Spiele sind zum Glück meistens am Wochenende. Das kollidiert nicht mit der regulären Arbeit.“ Und falls sie doch einmal in der Eishalle ausfällt, springt jemand aus dem Kollegenkreis ein. „Das ist in 95 Prozent der Fälle aber nicht nötig“, sagt Lotze und muss grinsen.

Die Arbeit an den Zähnen der Eislöwen verrichtet sie hauptsächlich in einer Praxis in Ottendorf-Okrilla. Bei den Spielen ist ihr Einsatz bisher überraschend selten gefragt gewesen. „In der vergangenen Saison hat man mich an den Spieltagen fast nicht gebraucht“, erzählt Lotze. Dagegen war ihr Fachwissen jetzt gleich im ersten Vorbereitungsspiel vonnöten. Steve Hanusch hatte im Halbfinale des So-geht-sächsisch-Cups gegen den SC Riessersee den Puck ins Gesicht bekommen und über Kieferschmerzen geklagt.

Die schwersten Unfälle passierten bislang im Training. Ohne Namen zu nennen – das verbietet das Arztgeheimnis – erzählt sie von einem Fall, bei dem ein Zahn quasi rausgeschlagen war: „Der stand schief, und es stellte sich heraus, dass der Knochen mit gebrochen war. Der Spieler war von einem Schläger im Gesicht getroffen worden.“Ihr Platz bei den Heimspielen ist weiter auf der Tribüne unter den Fans, sofern sie denn zugelassen sein werden – am Freitagabend waren es 578 Zuschauer. 

Equipment für schnelle Eingriffe immer dabei

„Ich stehe nicht mit an der Bande“, sagt Lotze, die im Notfall über ihr Handy angerufen wird. „Dann gehe ich in die Kabine und gucke mir an, was los ist. Für kleinere Verletzungen, wie eine abgeplatzte Zahnecke, habe ich mein Equipment dabei und kann erste Reparaturen gleich vor Ort vornehmen.“ Stellt sich die Verletzung aber als schwerwiegender heraus – zum Beispiel als ein gebrochener Knochen oder eine gebrochene Wurzel – überweist die Zahnärztin ihre Patienten sofort an die Uniklinik zum Röntgen. In der Woche behandelt sie die Spieler in ihrer Praxis.

Premiere auf dem Mannschaftsfoto: In der hinteren Reihe ganz links steht Zahnärztin Katharina Lotze, neben ihr Nick Huard, der kongeniale Sturmpartner von Jordan Knackstedt (erste Reihe, 4v.r.), für den Lotzes Praxis eine Trikotpatenschaft übernommen hat.
Premiere auf dem Mannschaftsfoto: In der hinteren Reihe ganz links steht Zahnärztin Katharina Lotze, neben ihr Nick Huard, der kongeniale Sturmpartner von Jordan Knackstedt (erste Reihe, 4v.r.), für den Lotzes Praxis eine Trikotpatenschaft übernommen hat. © Matthias Rietschel

Auch Trainer und Mitarbeiter der Geschäftsstelle nehmen die Dienste von Lotze in Anspruch. Sie versucht, die Termine einzutakten. „Im Zweifel fange ich meinen Dienst dann früher an oder arbeite auch mal etwas länger.“ Die professionelle Nähe zur Mannschaft hat ihrer Leidenschaft als Fan keinen Abbruch getan. „Einen Lieblingsspieler hat man schon“, sagt Lotze lächelnd und gibt ihn leicht verlegen preis: Jordan Knackstedt. Den unterstützt die Praxis mit einer Trikotpatenschaft, was auch in den Räumen auf der Dresdner Straße nicht zu übersehen ist. In der Eislöwen-Ecke steht eine große Puppe mit dem Spiel-Outfit des 32-jährigen Kanadiers samt Mannschaftsfoto und Eishockey-Schläger.

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In ihrem USA-Urlaub kurz vor dem Corona-Lockdown hat die Zahnexpertin auch im Stadion einige Spiele der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL gesehen. Seitdem weiß Lotze, dass in Deutschland bei hartem Spiel ziemlich rigide durchgegriffen wird. „In Amerika wird viel mehr laufen gelassen. Würde man das hier auch so handhaben, hätte ich sicher mehr zu tun“, sagt sie. Für ihre Patienten aus der Energieverbund-Arena ist es besser so, wie es ist. „Die Eislöwen sind alle gut bezahnt“, findet Lotze.

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