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Wie Hallensprecher jetzt um Atmosphäre ringen

Auch die Welt von Marcus Schmidt hat sich verändert. Obwohl gar keine Fans da sind, macht er bei den Eislöwen die Ansagen. Diese Routine ist wichtig, nicht nur für ihn.

„Das Getriebe muss weiterlaufen“, meint Marcus Schmidt und füllt seine ehrenamtliche Funktion als Hallensprecher auch mit Maske gern aus.
„Das Getriebe muss weiterlaufen“, meint Marcus Schmidt und füllt seine ehrenamtliche Funktion als Hallensprecher auch mit Maske gern aus. © Matthias Rietschel

Dresden. Es ist eine neue Sachlichkeit eingezogen in Deutschlands Sportstätten. Mit den Zuschauern sind die großen Emotionen verloren gegangen, auch bei den Männern und Frauen am Mikrofon. Doch die Hallen- und Stadionsprecher müssen trotzdem weiter ran, selbst wenn die wichtigsten Adressaten fehlen. Die deutschen Profiligen schreiben ihren Einsatz auch jetzt noch verpflichtend vor – sonst drohen Strafen.

Aber muss sich das nicht skurril anfühlen, in die große Leere zu reden, selbst wenn das Spiel im besten Fall wenigstens noch im Fernsehen oder im Internet-Livestream gezeigt wird? Über die Frage lächelt Marcus Schmidt, also vermutlich. Beim Treff trägt er einen Mund-Nasen-Schutz.

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Der 40-Jährige ist Hallensprecher beim Eishockey-Zweitligisten Dresdner Eislöwen. „Von der Lautstärke her legt man seine Rolle jetzt anders an. Ich muss niemanden mehr übertönen – und auch keine Emotionalität zum Fan transportieren. Das ergibt ja keinen Sinn“, sagt Schmidt, und er erklärt: „Ansonsten ist das jetzt Routine. Das ist gut, man muss irgendwie drinbleiben, das Getriebe muss weiterlaufen."

"Ich würde gar kein Geld haben wollen"

Wenn man so will, arbeitet Marcus Schmidt nun seit sieben Jahren im Getrieberaum der Eislöwen – und das vollkommen ehrenamtlich. „Für mich ist das eine Berufung“, sagt der gebürtige Hallenser. Andere Hallensprecher in der DEL2 moderieren gegen Honorar, doch Schmidt lehnt das ab. „Das Geld soll der Verein lieber investieren. Für mich ist es Leidenschaft und Berufung. Ich würde gar kein Geld haben wollen. Meine Bezahlung ist: Ich habe einen der besten Plätze in der Arena“, sagt er. Schmidt sitzt mitten im Kampfgericht, gegenüber von den Spielerbänken, gewissermaßen direkt überm Eis.

Der frühere Amateur-Eishockeyspieler und Ex-Sprecher der Saale Bulls hofft wie alle Anhänger, dass die Zeit ohne Fans eine sehr begrenzte bleibt. „Schon die Partien mit einer reduzierten Zuschauerzahl waren komisch, da ist die Atmosphäre schon eine andere“, sagt Schmidt. Trotzdem oder gerade deshalb hat man sich bei den Eislöwen entschlossen, rund um die Spiele möglichst alles wie immer zu gestalten.

„Dieses Jetzt-geht’s-los-Gefühl ist für die Profis wichtig. Das Spiel lebt vom Adrenalin, der Begeisterung. Wenn die nicht von den Rängen kommt, musst du halt schauen, dass du wenigstens den Spielern etwas mitgibst“, erklärt Schmidt. Deshalb inszenieren die Dresdner nach wie vor eine Einlaufshow. Die Liga hat das den Vereinen in der Geisterspielzeit freigestellt. Auch Jingles werden abgespielt.

Der Zwang macht auch erfinderisch

Schmidt, der auch die Pressekonferenzen nach den Heimspielen moderiert, gewann in der neuen Realität zudem interessante Einblicke. „Für mich war erstaunlich, wie viel man jetzt hört. Da frage ich mich: Brüllen die immer so?“ Ansonsten ist für den mit einer Waliser Sopranistin verheirateten Eishockeyfan nur wenig von seinem liebsten Hobby so geblieben, wie er es bislang kannte. Dass er zur Vorstellung der Mannschaft vor dem Spielbeginn nicht mehr aufs Eis darf, fehlt ihm jedoch gar nicht. „Für wen sollte ich denn da stehen? Ich bin auch nicht kamerageil, die Mannschaft ist wichtiger“, sagt er.

Eine Einschränkung machte ihm anfangs dafür umso mehr zu schaffen. „Dieser Schnuffi hier“, sagt Schmidt und zupft an seinem Mund-Nasen-Schutz. In der Eishalle ist das Tragen einer Maske auch für ihn Pflicht. „Ein Spiel mit Maske geht. Ich bin aber froh, wenn ich in der Drittelpause mal rausgehen kann“, gesteht er.

Der angeordnete Zwang macht allerdings auch erfinderisch. Vom kabellosen Handmikro hat er sich jedenfalls verabschiedet. „Die dämpfen durch die Maske ungemein“, sagt Schmidt, der sich aus seiner Privatkasse ein fast unscheinbares Kopfmikrofon zulegte. Die kleine Sprechmuschel kann er unter der Maske direkt neben den Mund positionieren. „Das Set habe ich erst mal beschafft. Der Verein hätte dafür kein Rückgaberecht. Wie wir das jetzt regeln, ist eine andere Sache“, sagt er.

Anreise mit dem ÖPNV

Wichtiger ist für Schmidt, der in Dresden als Teamleiter von T-Systems Multimedia Solutions arbeitet, dass er seine eigenen Abläufe beibehalten kann, seine Rituale. Mindestens eine Stunde vor Spielbeginn will er in der Halle sein, und nie mit dem Auto. Schmidt nutzt öffentliche Verkehrsmittel und läuft den restlichen Weg bis zur Arena. „Da kann ich mich mental vorbereiten. Ich höre dann Musik, meistens rockige. Wenn irgendwann die minimale Aufgeregtheit nicht mehr da ist, höre ich als Hallensprecher auf“, sagt Schmidt, der sich selbst als Fan der Eislöwen beschreibt. Den Weg zurück nach Hause nutzt er, um wieder runterzukommen, abzuschalten und auch, um über Fehler nachzudenken.

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Die kommen vor – und haben hin und wieder sogar amüsante Folgen. Den früheren Eislöwen-Torwart Peter Holmgren hätte Schmidt fast mal als Holger angekündigt, die erste Silbe war ihm schon für alle hörbar rausgerutscht. „Einige Fans grüßen mich deshalb noch heute mit Holger“, sagt er lachend. Dennoch bleibt Schmidt seiner Linie treu und schreibt sich nie vorher fertige Texte auf. „Alles, was ich sage, ist so kurz zuvor hier oben gedacht worden“, betont Schmidt und fasst sich an den Kopf. „Das macht es auch authentisch“, findet er, auch oder gerade in dieser seltsamen Zeit.

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