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Fünf Gründe für die Eislöwen-Krise

Der Eishockey-Zweitligist wurde hoch gehandelt, ist aber trotz des Trainerwechsels wieder Tabellenletzter – eine Analyse.

In den vergangenen Jahren ein gewohntes Bild, in dieser Saison aber noch verstärkter aufgetreten: Enttäuschte Eislöwen-Profis nach der Schlusssirene.
In den vergangenen Jahren ein gewohntes Bild, in dieser Saison aber noch verstärkter aufgetreten: Enttäuschte Eislöwen-Profis nach der Schlusssirene. © Thomas Heide

Dresden. Die Situation ist bescheiden, der Blick auf die Tabelle frustrierend. Die Dresdner Eislöwen sind Schlusslicht in der zweiten Eishockey-Liga, das Spiel am Freitag gegen Heilbronn ist ein Kellerduell. Tiefer geht es nicht, daran lässt sich schwerlich etwas beschönigen.

Auch der Trainerwechsel zum Jahresende – Andreas Brockmann für den glücklosen Rico Rossi – brachte nicht die erhoffte Trendwende. Dabei müsste die Mannschaft das Potenzial haben, oben mitzuspielen, wie es der erklärte Anspruch ist.

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Bedenklich ist das vor allem deshalb, weil es sich bereits in der dritten Saison in Folge wiederholt. Warum passiert das an einem Standort, den Experten als erstklassig einstufen, immer wieder? Die SZ analysiert die Gründe für die brisante Lage.

Grund 1: Die Zusammensetzung des Teams

Der Kader hat eine beachtliche Qualität, nominell stimmt auch die Mischung: gestandene Routiniers und hoffnungsvolle Talente, bewährte und neue Spieler. Allerdings ergibt die Summe der Einzelnen kein funktionierendes Gefüge. „Wir müssen eine Mannschaft bilden, davon sind wir leider weit entfernt“, räumt Marco Stichnoth, sportlicher Berater der Eislöwen, ein.

Marco Stichnoth ist seit Dezember 2019 sportlicher Berater der Eislöwen. Er hat die Mannschaft zusammengestellt und bezieht nun Stellung in der Krise.
Marco Stichnoth ist seit Dezember 2019 sportlicher Berater der Eislöwen. Er hat die Mannschaft zusammengestellt und bezieht nun Stellung in der Krise. © Christian Juppe

Am Willen fehle es den Profis nicht, ist er überzeugt. Aber irgendwie hat in der Krise der Mannschaft jeder seine eigenen Probleme, die sich mit jedem weiteren Rückschlag verfestigen.

Der neue Chefcoach hat auch deshalb in dieser Woche einen Teamabend angesetzt – unter Corona-Auflagen, also wohl in der Kabine. Immerhin könnten dabei mal die Fetzen fliegen, eine Art reinigendes Gewitter. Auf dem Eis muss jeder für jeden kämpfen, den Fehler des anderen ausbügeln wollen. Ein solches Wir-Gefühl ist derzeit nicht zu erkennen.

Grund 2: Die Spieler sind zu satt

Viele Konkurrenten beneiden die Eislöwen wegen ihrer Rahmenbedingungen: die Halle, die Trainingsbedingungen, die Fans – und offenbar auch der finanzielle Hintergrund. Aus diesen Möglichkeiten machen die Dresdner jedoch seit Jahren viel zu wenig, erst recht, wenn man es mit den sächsischen Rivalen aus Weißwasser und Crimmitschau vergleicht, die ihre Möglichkeiten besser ausschöpfen.

In Dresden gelingt das nicht, was auch an der Mentalität der Profis liegen könnte. Die Eislöwen als Komfortzone? In den vergangenen fünf Jahren gelang zweimal der Einzug ins Halbfinale (2016 und 2019) der DEL 2, was auch heißt: Das von den Spielern propagierte Ziel, die Meisterschaft zu gewinnen, haben sie nie erreicht. „In Dresden gibt es dieses Denken und die Ansprüche: Wir sind besser, wir haben gute Spieler, einige aus der DEL geholt, alles wunderbar. Das reicht aber nicht“, sagt Stichnoth.

Der Großteil der Mannschaft ist bereits seit ein paar Jahren so zusammen, allerdings verweist Stichnoth jetzt darauf, dass „bis auf ein, zwei Verträge“ alle auslaufen. Das ist eine Art Signal, dass jeder Profi jetzt auch um seine Zukunft in Dresden spielt. Obwohl es bis März möglich wäre, soll es keine weiteren Neuzugänge geben.

Grund 3: Hohe Ansprüche ohne klares Ziel

Ausgerechnet in der ersten Saison, in der ein sportlicher Aufstieg in die bis dahin geschlossene DEL wieder möglich ist, verzichteten die Eislöwen auf das Hinterlegen der dafür nötigen Bürgschaft in Höhe von 816.000 Euro. Der kaufmännische Geschäftsführer Maik Walsdorf begründete das mit der angesichts der Corona-Krise unklaren wirtschaftlichen Situation, stellte jedoch klar: „Wir halten an unserem Ziel, in die DEL aufzusteigen, weiter fest.“

Der vorübergehende Verzicht könnte von den Profis als Ziellosigkeit des Vereins interpretiert worden sein, jetzt stellt sich vielmehr die Frage, ob diese Mannschaft im Abstiegskampf bestehen kann. „Der große Fehler ist, jetzt zu denken, dass wir da schon wieder rauskommen – wie die letzten Jahre auch“, sagt Stichnoth – und er fordert: „Die Spieler müssen ihr Grunddenken verändern: Weg von spielerischen Lösungen, hin zu kämpferischen Lösungen.“

Grund 4: Der Trainer besitzt zu wenig Macht

Stichnoth wurde von den Eislöwen im Dezember 2019 als sportlicher Berater verpflichtet, als nach dem Fehlstart erst Trainer Brad Gratton entlassen worden war und anschließend Sportdirektor Thomas Barth zurückgetreten ist. Brockmann ist bereits der sechste Trainer in den vergangenen fünf Jahren seit der Entlassung von Thomas Popiesch im Dezember 2015. Er hatte zuvor in fünfeinhalb Jahren sichtbare Spuren von Kontinuität, einer Spielstruktur und -idee hinterlassen.

Mit der Fluktuation auf dieser entscheidenden Position wird auch der Einfluss des Trainers begrenzt. Auch jetzt fehlt Brockmann die Zeit, um einen Stil, einen Charakter in der Mannschaft zu etablieren. Der 53-jährige Bayer muss Ergebnisse liefern.

Grund 5: Geringer finanzieller Anreiz

Die Eislöwen verpatzen in unschöner Regelmäßigkeit den Saisonstart. Das kann einerseits trainingsmethodische Gründe haben. Es mag Trainer geben, die dem Auftakt für die 52 Partien der Hauptrunde weniger Bedeutung beimessen und ihr Programm bereits auf die entscheidende Phase ausrichten, wenn es erst um die Play-off-Plätze und schließlich um die Meisterschaft geht.

Andererseits könnte es auch damit zusammenhängen, dass die Profis ein relativ hohes Grundgehalt kassieren und in der Hauptrunde nicht mit Prämien am Erfolg beteiligt sind. Ex-Kapitän Thomas Pielmeier, der nach seiner Suspendierung mit den Eislöwen einen Kampf vor dem Arbeitsgericht führt, hat zu diesem Thema mal verraten: „Wir kriegen keine Prämien, haben unser festes Gehalt. Play-off-Prämien gibt es allerdings – je weiter wir kommen, umso höher fällt das Extra-Geld aus.“

Pielmeier, das ergab der Prozess, erhält 3.250 Euro netto als Gehalt, plus Wohnung und Auto. Der Bayer gehört damit sicher zu den am besten bezahlten Profis im Team, eine leistungsorientiertere Vergütung dürfte dennoch eine Option sein, um einen zusätzlichen Anreiz zu schaffen.

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