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Warum sich die Profis weniger prügeln

Keine Zuschauer, weniger Strafen: Diesen Trend kann man derzeit im Eishockey erkennen – aber ist die Formel so einfach?

Zu solchen Szenen wie hier zwischen dem Frankfurter Magnus Eisenmenger (vorn/M.) und Dresdens Arne Uplegger(r.) kommt es in der DEL2 nur noch sehr selten. Weil die Emotionen von den Rängen fehlen?
Zu solchen Szenen wie hier zwischen dem Frankfurter Magnus Eisenmenger (vorn/M.) und Dresdens Arne Uplegger(r.) kommt es in der DEL2 nur noch sehr selten. Weil die Emotionen von den Rängen fehlen? © Jan Huebner

Dresden. Plötzlich geht alles viel schneller. Dabei gilt Eishockey ohnehin als die Mannschaftssportart mit dem höchsten Spieltempo. Doch nun geht es noch flotter zu und man könnte tatsächlich die Corona-Pandemie dafür verantwortlich machen. Der Fakt: Die Brutto-Spielzeit der Partien in der DEL2 mit dem sächsischen Trio aus Weißwasser, Dresden und Crimmitschau ist deutlich zurückgegangen. Die These: Seit keine Zuschauer in die Eisarenen der Republik dürfen, gibt es weniger Spielunterbrechungen, wildes Gerangel oder hektische Diskussionen. Ein Sieg fürs Fairplay?

Der Trend lässt sich jedenfalls mithilfe einer ganzen Reihe von Statistiken für die erste Hälfte der Saison faktisch belegen. In 159 Partien wurden demnach insgesamt 3.177 Strafminuten ausgesprochen. Im Durchschnitt bedeutet das pro Spiel 19,98 Strafminuten. Bei einer gleichmäßigen Verteilung wären dies knapp zehn Minuten pro Team.

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Klingt viel? Ist es nicht. Vielmehr sind die Eishockey-Profis in der zweithöchsten deutschen Spielklasse derzeit so brav wie noch nie. Der bisher niedrigste Wert pro Partie mit 24,45 Minuten wurde in der Saison 2017/2018 aufgestellt.

Tendenz zu längeren Strafen

Selbst die sonst hitzig geführten Derbys entsprechen dem Trend. Beim 1:0-Sieg der Eislöwen am Freitag kassierten sowohl die Dresdner als auch die Lausitzer Füchse aus Weißwasser nur zehn Strafminuten. Zum Vergleich: In den 52 Spielen der Hauptrunde in der Vorsaison waren es bei den Eislöwen durchschnittlich 14,7 und bei den Füchsen 13,5 Strafminuten. Derzeit sind die Dresdner mit 8,9 noch braver als die Lausitzer (12,1).

„In der aktuellen Spielzeit wird ein deutlicher Rückgang vor allem von Zwei-Minuten- sowie Zehn-Minuten-Strafen festgestellt“, heißt es in einer Zusammenfassung auf der Homepage der Liga. Leicht zugenommen haben die 20-Minuten-Strafen. Dies ist jedoch laut DEL2 auch auf die Corona-Schutz-Maßnahme zurückzuführen. Die besagt, dass die Spieler ihre Handschuhe nicht ausziehen dürfen – aus Sicherheitsgründen. Wer sich dennoch mit bloßen Händen prügelt, wird für den Rest des Spiels ausgeschlossen.

„In der ersten Saisonhälfte konnten wir einen recht deutlichen Rückgang der Strafen verzeichnen. Dies kann unter anderem auf die fehlenden äußeren Einflüsse zurückzuführen sein“, bilanzierte Liga-Geschäftsführer René Rudorisch. Das könnte als Schlussfolgerung bedeuten: Weil keine Zuschauer für Stimmung sorgen, fühlen sich die Spieler weniger als sonst zu Rudelbildungen oder Show-Boxeinlagen herausgefordert. „Natürlich sind die Spieler hochkonzentriert, doch durch die nicht vorhandene Atmosphäre, fehlen oftmals Emotionen, die den Sport ausmachen. So reagieren die Spieler, aber auch die Spiel-Offiziellen, auf das im Eishockey lautstarke und emotionale Umfeld in vielerlei Hinsicht. Dies bleibt derzeit aus“, erklärte Rudorisch.

Routinier Steven Rupprich, mit 346 Einsätzen Rekordspieler bei den Dresdner Eislöwen, bestätigt das. „Wenn ein Stadion ausverkauft ist und es auf den Rängen heiß hergeht, ist das schon eine gereizte Stimmung, die jetzt eben ein bisschen abgeht. Natürlich vermissen wir diese Atmosphäre sehr“, meint der 31 Jahre alte Stürmer. Dresdens Trainer Andreas Brockmann bewertet die Entwicklung eher pragmatisch. „Ich kann aus unserer Sicht nur sagen, dass wir auswärts definitiv mehr Strafen bekommen als zu Hause.“ Diese Statistik zu untersuchen, wäre ein anderes Thema.

Zusätzlicher Schiedsrichter weiterer Aspekt

Letztlich komme es immer auf die Schiedsrichter an, meint der 53-Jährige und verdeutlicht das an einem Beispiel: „Wir haben in Heilbronn auch siebenmal in Unterzahl gespielt – ohne Zuschauer. Es gibt Schiedsrichter, die das Spiel mehr laufen lassen.“ Also im Sinne des Spielflusses mit mehr Fingerspitzengefühl entscheiden. Auch das wird, sicher unbewusst, von einer lautstarken Kulisse beeinflusst.

Die fehlenden äußeren Einflüsse seien sicher ein Aspekt, meint Dirk Rohrbach. Für den Geschäftsführer der Lausitzer Füchse ist aber ein anderer Grund entscheidend. „Wir spielen in der dritten Saison mit vier statt drei Schiedsrichtern. Die Spieler haben sich daran gewöhnt, dass sie genauer beobachtet werden“, sagt er. „Sie wissen, dass jede Überzahl- oder Unterzahl-Situation spielentscheidend sein kann, deshalb sind sie mehr darauf konzentriert, keine unnötigen Strafen zu fabrizieren, gehen überlegter und fairer zur Sache.“

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Bei der Liga sieht man den Trend positiv – und würde dennoch sicher manches Gerangel auf dem Eis in Kauf nehmen, wenn dafür die Ränge wieder besetzt sein könnten. „Auch wenn weniger Strafen und damit weniger Fouls durchaus positiv zu bewerten sind“, meint DEL2-Chef Rudorisch, „so lebt der Sport und speziell das Eishockey wesentlich von der Atmosphäre in den Arenen und damit verbunden von den Emotionen“. Sie gehören eben genauso dazu wie die Hitzköpfe, die ihre Zeitstrafe in der „Kühlbox“ absitzen müssen.

Deshalb gibt es für Rudorisch in dieser Analyse nur ein Fazit: „Die Fans und Zuschauer in den Arenen fehlen uns extrem.“ (mit SZ/-ler)

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