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Dresdens Volleyball-Chef schlägt Alarm

Für die DSC-Volleyballerinnen ist die Corona-Krise trotz öffentlicher Zuschüsse existenzgefährdend – das sind die Gründe.

Mangels Fans haut Jörg Dittrich (l.), der Chef der Dresdner Volleyballerinnen, bei Heimspielen auch selbst mal auf die Pauke.
Mangels Fans haut Jörg Dittrich (l.), der Chef der Dresdner Volleyballerinnen, bei Heimspielen auch selbst mal auf die Pauke. ©  Ronald Bonss

Dresden. Kurz vor dem Jahreswechsel erreichte die Volleyballerinnen des Dresdner SC noch ein schönes Geschenk. Der beantragte und dringend benötigte Zuschuss aus der Soforthilfe des Bundes ging auf dem Konto ein – ein höherer fünfstelliger Betrag, genauer will ihn der Verein nicht bekannt geben. Das Geld stammt aus dem Hilfspaket für Profivereine in Höhe von insgesamt 200 Millionen Euro für 2020.

Ein Darlehen des Freistaates Sachsen von knapp 200.000 Euro war bereits im Oktober beim DSC eingegangen. Allerdings stellt diese Hilfe des Staates als Ausgleich für ausgebliebene Zuschauereinnahmen von Oktober bis Dezember für den fünffachen deutschen Volleyballmeister nur den viel zitierten Tropfen auf dem heißen Stein dar. Der DSC ist beim Zuschauerzuspruch der einsame Spitzenreiter in der Bundesliga. Durchschnittlich 2.660 Fans pro Spiel kamen in der vorzeitig abgebrochenen Saison 2019/20 in die Margon-Arena.

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Damit ist der Verein allerdings auch abhängiger als alle anderen von den Einnahmen aus dem Ticketverkauf. Jörg Dittrich, Chef der Volleyballabteilung, macht deutlich: „Wir müssten jetzt sofort den nächsten Antrag stellen für den Zeitraum von Januar bis Mai.“ Denn zu den ausbleibenden Einnahmen bei den Heimpartien ohne Besucher kommen noch Mehrausgaben hinzu. „Durch Corona-Tests, Hygieneauflagen, zusätzliche Aufgaben in der Pressearbeit“, sagt er. Offen ist jedoch, ob der Freistaat Sachsen die gesamte Summe als Darlehen betrachtet. Ab 2023 wäre der Betrag bislang zurückzuzahlen – maximal über einen Zeitraum von acht Jahren.

Bis zu 400.000 Euro Verlust möglich

In diese ursprüngliche Festlegung gerät aber zusehends Bewegung, zumindest nach Wahrnehmung von Dittrich. „Die Landesregierung hat uns das Wort gegeben, sich um eine Lösung zu bemühen.“ Das heißt aber nicht, dass es eine geben wird. „Das haben wir noch nicht schriftlich, aber die Hoffnung, dass der Freistaat irgendwann mal sagt, dass er auf einen Teil der Rückzahlung verzichtet“, sagt Dittrich und bedankt sich für die Unterstützung: „Die hat uns liquide gehalten.“

Allerdings deuten sich bereits jetzt kurz vor Ende der Winterpause signifikante Verluste beim DSC für das laufende Geschäftsjahr an. Ganz gleich, ob in absehbarer Zeit wieder Zuschauer in die Halle dürfen oder nicht. „Im Best-Case-Szenario läuft das auf 200.000 Euro minus hinaus, im Worst Case auf 400.000 Euro. Ich rechne aber damit“, unterstreicht der Dresdner Volleyballboss, „dass beide Fälle nicht eintreten.“

Im schlimmsten Fall drohen weitere Verluste. Zum Beispiel, wenn der DSC nicht wie geplant vom 26. bis 28. Januar an der ersten Runde im europäischen CEV-Cup teilnehmen will oder kann. Die Viererrunde in Istanbul ist bereits einmal verschoben worden. Es gibt DSC-Sponsoren, die ihre Unterstützung an den Start im internationalen Wettbewerb geknüpft haben.

„Werden keine Insolvenz anmelden“

Dittrich verweist in diesem Zusammenhang auf die unterschiedlichen Fördermöglichkeiten in der föderalistischen Bundesrepublik. Der Schweriner SC hat vom Land Mecklenburg-Vorpommern für die Teilnahme an der Champions League einen Zuschuss von 100.000 Euro erhalten. Wohlgemerkt, kein Darlehen, sondern einen Zuschuss. „Vielleicht ist unser Darlehen am Ende vergleichbar. Dafür bedarf es politischer Entscheidungen“, sagt Dittrich.

Bleiben diese Entscheidungen aus, hält der Dachdeckermeister die gegenwärtige Situation sogar für existenzgefährdend. „Ja, das ist sie“, bestätigt er. Allerdings schränkt Dittrich sofort ein: „Wir werden am 30. Juni 2021 keine Insolvenz anmelden, wenn wir überschuldet wären, sondern in die Tischkante beißen und weitermachen“, sagt er und warnt zugleich: „Wenn du einmal in so einen Strudel hineingerätst, ist das sehr gefährlich.“ Bislang liege sein Verein zwar nicht auf der Intensivstation, „aber wir werden behandelt“.

Zudem muss Dresden als einer der potentesten und finanziell erfolgreichsten Vereine der Liga befürchten, dass der Konkurrenz die Luft, also das Geld ausgeht. „Es ist unsere riesige Sorge, dass wir in der darauffolgenden Saison nur noch gegen Schwerin, Stuttgart und Potsdam spielen können – und das ist ja auch existenzgefährdend.“

Dittrich wirbt um Verständnis für Ausnahmestellung

Deshalb wirbt Dittrich in der Krise auch offensiv um Verständnis für die Ausnahmestellung des Profisports. „Mir ist deutlich geworden, wie wichtig der Sport für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist. Nun erwächst für den Sport die Aufgabe, Vorbild zu sein. In der Krise ist das noch höher zu bewerten – als nur die Frage: Gewinnst du gerade etwas?“

Der 51 Jahre alte Unternehmer ringt auch um Antworten auf andere Fragen. Etwa, ob die Zuschauer nach der Krise wiederkommen oder sich in der Auszeit vom Volleyball entwöhnt haben? „Wenn du so lange den Kontakt verlierst, wirkt das so irreal. Haben die Menschen nachher einen Durst, einen Nachholeffekt? Das ist ein ganz komisches Gefühl. Du rufst permanent in ein schwarzes Loch und bekommst keine Antworten“, sagt Dittrich.

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Und das trotz des Zuspruchs, den der Klub weiter auf seinen Kanälen erfährt. Auf Facebook ist der DSC mit 16.110 Followern mit Abstand spitze in der Liga. „Der fehlende Kontakt zu den Menschen bereitet uns größte Probleme. Man stellt jetzt fest, wie wichtig einem das ist. Das ist aus sozialer Sicht eine größere Herausforderung als die Frage, wie wir mit den Finanzen hinkommen“, schätzt Dittrich ein.

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