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"Meine Frau schmeißt zu Hause den Laden"

Felix Koslowski ist Volleyball-Bundestrainer und Coach in Schwerin, er hat vier Kinder, zuletzt auch noch Corona. Ein Gespräch über seine Rolle - nicht nur im Sport.

So würde sich Felix Koslowski gern am Mittwoch in Dresden sehen.
So würde sich Felix Koslowski gern am Mittwoch in Dresden sehen. © FIVB/AP/dpa

Dresden. Am Mittwochabend kommt es zum mit Spannung erwarteten Duell: Dresdens Volleyballerinnen treffen in der Bundesliga auf den Erzrivalen Schwerin. Deren Trainer Felix Koslowski ist zugleich Bundestrainer, was speziell in Dresden nicht allen gefällt. Im SZ-Interview spricht der 36-Jährige, der im Dezember an Corona erkrankt war, über die umstrittene Doppelfunktion, die Rivalität mit dem DSC und das Leben als vierfacher Familienvater in Zeiten der Pandemie und des Lockdowns.

Herr Koslowski, Sie haben vier kleine Kinder. Wie erleben Sie als Familie diese Zeit mit dem Coronavirus?

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Meine Frau ist in Elternzeit, unser Jüngster ist am Samstag ein Jahr alt geworden. Sie ist also mit den Kindern zu Hause, und für sie ist das völlig in Ordnung so. Ich muss ihr ein Riesenkompliment machen. Ich könnte das nicht: Den ganzen Tag mit vier Kindern daheim, auch wenn ich meine Kinder sehr liebe und sie für mich das Wichtigste auf der Welt sind. Meine Frau bekommt das hin, sie schmeißt zu Hause den Laden.

Bringen Sie sich derzeit dennoch mehr ein als sonst?

Ich bin durch den Job mit der Nationalmannschaft in Doppelfunktion, da sind immer Themen zu bearbeiten. Ich war vom 4. Dezember bis 4. Januar aber selbst in Quarantäne, ich hatte mich auch mit Corona infiziert. Dementsprechend war ich zu Hause und hatte viel Zeit, meine Frau zu unterstützen. Ich habe noch nie eines meiner Kinder so aufwachsen sehen, wie jetzt meinen Jüngsten.

Wie haben Sie die Krankheit erlebt?

Ich hatte einen relativ schwachen Verlauf. Am Tag vor Weihnachten hatte ich etwas stärkere Symptome, aber dann war es gut. Bei uns in der Familie sind alle wieder gesund, wir haben uns isoliert und zum Glück niemanden angesteckt.

In dieser besonderen Saison war fast jedes Bundesliga-Team schon von einer Quarantäne betroffen. Ihre Mannschaft hatte bis Anfang Januar coronabedingt sechs Wochen kein Spiel. Wie steht es um die Chancengleichheit?

Sehr schwieriges Thema für uns. Wir waren kurz vor der Pokalrunde Anfang November zwölf Tage in Quarantäne. Nach der Rückkehr von der Champions-League-Runde Anfang Dezember in Italien hatte es uns voll erwischt – wir hatten zeitversetzt am Ende neun positive Fälle. Die Quarantäne zog sich bis Anfang Januar. Einige Spielerinnen haben körperlich immer noch damit zu tun. Wir waren wie ein Hochgeschwindigkeitszug auf voller Fahrt. Es lief supergut – dann wurden wir auf Null runtergebremst. Ich habe gerade das Gefühl, wir machen wieder eine Art Saisonvorbereitung. Die Körper können das aber noch gar nicht, weil die Belastungsfähigkeit durch die Pause und bei einigen durch die Krankheit noch nicht wieder da ist. Wir müssen irgendwie schauen, dass wir trotz des vollen Terminkalenders die Geduld behalten, unser Ziel nicht aus den Augen verlieren und dennoch nichts zu erzwingen.

Werden Sie in Dresden in Bestbesetzung spielen können?

Da gucken wir Tag für Tag. Wir hatten Spielerinnen mit schwereren Verläufen, die jetzt nur mit Pulsuhr trainieren. Am Montag haben wir zudem zwei Spielerinnen zu einer besonderen Kontrolle in die Berliner Charité geschickt. Wir kommen derzeit nicht dazu, als Gruppe zu trainieren. Wir brauchen viel Geduld, auch wenn das vor so einem Spiel schwerfällt.

Beim DSC wächst die Sorge, dass man die Saison mit einem Minus übersteht, einige Wettbewerber es finanziell aber nicht schaffen. Teilen Sie die Sorge?

Ich muss grundsätzlich sagen: Es ist manchmal surreal, dass wir zum Training gehen und Volleyball spielen können. Ich sehe täglich, wie es den Leuten aus meinem privaten Umfeld geht, die ihr Haus nur im Umkreis von 15 Kilometern verlassen dürfen – und wir machen weiter Sport. Ich freue mich darüber und denke jeden Tag daran, wie privilegiert wir sind, dass wir Wettkämpfe haben können.

Und die Sorge um Wettbewerber?

Natürlich sehe ich die Entwicklung auch kritisch. Aktuell werden viele Vereine noch vom Staat oder vom Land unterstützt. Ich glaube, der große Hammer kommt erst, wenn wir die Corona-Krise besser im Griff haben. Die staatlichen Hilfen sind kein Fass ohne Boden. Derzeit sagen unsere wichtigsten Sponsoren, dass es ihnen noch relativ gut geht, dass sie aber noch nicht absehen können, wo sie in einem Jahr stehen. Wir waren deshalb schon im Sommer sehr konservativ auf dem Transfermarkt unterwegs. Ja, ich habe Sorge. Jeder, der keine Sorge hat, lebt nicht in der Realität.

Apropos Qualität – die hat in der Liga gefühlt zugenommen. Ist die Volleyball-Bundesliga international betrachtet ein kleiner Gewinner der Corona-Krise?

In Dresden und Stuttgart auf jeden Fall. Ich denke, ein paar Vereine waren Nutznießer, weil es Spielerinnen gab, die konservativer gedacht haben. Wenn in Deutschland ein Vertrag unterzeichnet wird, hat das ein gewisses Gewicht – das ist nicht überall so. Ich vermute, Krystal Rivers hätte ohne die Pandemie bestimmt Stuttgart verlassen. Jennifer Janiska wäre wohl nicht nach Deutschland zurückgekehrt und zum DSC gewechselt. Wir haben unseren ersten Sechser dagegen quasi verloren – der spielt jetzt in den finanziell lukrativeren Ligen. Ich hatte das Gefühl, dass es bei russischen, polnischen, italienischen oder türkischen Klubs keine Corona-Krise gegeben hat. Die haben weiter hohe Summen auf den Transfermarkt geschoben, ohne zu wissen, ob sie es am Ende bezahlen können.

Sie sagen es: Der DSC hat vor der Saison Ihre langjährige Angreiferin und Kapitänin Jennifer Janiska vom Klubweltmeister Conegliano zurück nach Deutschland geholt. Wollten Sie die 26-Jährige nicht mehr haben?

Jennifer war und ist eine Weltklassespielerin, wir haben auch persönlich eine sehr gute Beziehung zueinander. Klar hätte ich sie gern wieder in Schwerin gesehen. Es war aber auch so, dass wir unseren Kader sehr, sehr konservativ geplant haben. Was wir ihr hätten anbieten können, wäre ihr nicht gerecht geworden – in dieser Zeit. Da war Dresden ein bisschen besser aufgestellt. Das ist der Profisport – da musste Jennifer diese Entscheidung so treffen. Auch wenn ich sie hier gern gehabt hätte, freue ich mich persönlich sehr für sie, dass sie sich getraut hat, diesen Schritt nach Dresden zu gehen und dass sie ganz gut angekommen ist, gute Leistungen zeigt.

Die Duelle zwischen Schwerin und Dresden sind seit Jahrzehnten die brisantesten in der Bundesliga. Woher kommt diese Rivalität?

Beide Vereine haben in jeder Saison große Ambitionen, große Ziele – wollen Titel gewinnen. Da sind einfach besondere Emotionen im Spiel. Dresden, Schwerin und auch Stuttgart sind die drei Mannschaften, die in den letzten Jahren oder sogar im letzten Jahrzehnt die Bundesliga am meisten geprägt haben – was die Titel angeht.

Wenn Sie auf DSC-Trainer Alexander Waibl treffen, geht es während der Partie ordentlich zur Sache. Danach wirken Sie beide so, als würden Sie gern stundenlang miteinander debattieren. Was schätzen Sie an Ihrem Kollegen?

Spiel ist Spiel, da sind viele Emotionen mit drin. Alex und ich wollen immer gewinnen. Das ist das, was uns am meisten antreibt. Dementsprechend wollen wir das Beste für die eigene Mannschaft herausholen – auch im Disput gegeneinander. Alex ist ein sehr, sehr guter Trainer, er besitzt hohes Fachwissen. Mittlerweile kennen wir uns seit vielen Jahren. Er unterstützt uns jetzt als U 23-Bundestrainer, dementsprechend häufig haben wir Kontakt.

Mit „uns“ meinen Sie Ihr zweites Traineramt als Bundestrainer. Diese Doppelrolle wird in der Liga durchaus kritisch betrachtet. Der DSC forderte einen „neutralen Bundestrainer“. Tatsächlich könnte man Ihnen unterstellen, dass Sie Schweriner Spielerinnen bevorzugen. Wie stehen Sie dazu?

Ich für meine Wahrnehmung kann beide Aufgaben sehr gut voneinander trennen. Grundsätzlich kann ich aber verstehen, wenn man als Außenstehender in der Konstellation Konfliktpotenzial sieht. Ich muss aber sagen, wir haben in der Bundesliga im Moment keine Ausländerregelung, dementsprechend könnte ich mir über diese Doppelrolle keinen wirklichen Vorteil erarbeiten. Ich habe zudem das Gefühl, dass es so dargestellt wird, als wären wir die einzige Nation, in der das so stattfindet.

Es gibt in der Tat nur wenige Volleyball-Nationen, die sich einen festangestellten Bundestrainer leisten.

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Felix Koslowski ist Trainer der deutschen Volleyball-Frauen – und des Schweriner SC. Das frustet die Bundesliga-Konkurrenten, zunehmend auch den Dresdner SC.

Genau. Selbst in Italien hat man sich davon verabschiedet. Der Nationaltrainer arbeitet auch als Vereinstrainer in der Liga – und die haben eine Ausländerregelung, brauchen also eine gewisse Anzahl an einheimischen Spielerinnen. Trotzdem ist das dort gefühlt gar kein Thema.

Das Gespräch führte Alexander Hiller.

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