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Ist der DSC im Europapokal verschaukelt worden?

Am Ende treffen die Schiedsrichter in Istanbul eine Fehlentscheidung, die es mit dem Videobeweis nicht gegeben hätte. Doch das System wurde vorher entfernt.

Dieser Screenshot aus dem Video, das European Volleyball auf seinem youtube-Kanal übertrug, zeigt den umstrittenen Ball im Aus.
Dieser Screenshot aus dem Video, das European Volleyball auf seinem youtube-Kanal übertrug, zeigt den umstrittenen Ball im Aus. © Screenshot

Dresden. Es sind nur Zehntelsekunden, die über den Dresdner SC im Europapokal entschieden haben. Mit 1:3 sind die Volleyballerinnen aus Sachsen zwar im Viertelfinale das CEV-Cups bei Galatasaray Istanbul ausgeschieden, doch so klar wie das Ergebnis war das Spiel am Mittwochabend nicht. Und eine mindestens umstrittene Entscheidung der Schiedsrichter lässt den Ärger auch am Tag danach nicht kleiner werden.

Im vierten Satz steht es 22:23 gegen Dresden. Auf den nächsten Ball kommt es also an. Entweder Matchball für Istanbul oder die Chance für den DSC, doch noch den fünften, den Entscheidungssatz zu erzwingen. Galatasarays Hauptangreiferin Olesia Rykhliuk hämmert den Angriffsschlag knapp eine Ballumdrehung ins Aus. Für Zentimeterentscheidungen im Volleyball ist das ziemlich viel. Eine Berührung durch eine Dresdner Spielerin hat es nicht gegeben, auch das wird in Zeitlupen deutlich.

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Der türkische Linienrichter zeigt jedoch an, dass der Ball im Feld landete. Die beiden Haupt-Schiedsrichter aus Polen und Aserbaidshan überstimmen ihn nicht. DSC-Trainer Alexander Waibl läuft daraufhin aufgebracht auf den Linienrichter zu, doch es ändert nichts. Es steht 24:22 - Matchball für Istanbul statt Ausgleich.

Die Türkinnen gewinnen den vierten Satz mit 25:23 und stehen damit im Halbfinale. Es dauert danach mehr als anderthalb Stunden, bis sich Waibl öffentlich äußert. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Doch auch das offizielle Statement des 52-Jährigen lässt sich an Deutlichkeit kaum überbieten. "Mir ist rätselhaft, warum das vorhandene Challenge-System abgebaut wurde. Spekulationen darüber möchte ich mir an dieser Stelle aber nicht erlauben", sagt er. Der Verdacht des Betruges steht so zumindest im Raum.

Protest ist bei sportlichen Entscheidungen unmöglich

Mit dem Video-Challenge-System als Videobeweis wird bei Höhepunkten wie dem Supercup oder dem Pokalfinale auch in Deutschland regelmäßig gearbeitet, in der Bundesliga aber noch nicht. International ist das System in der Champions League zwingend vorgeschrieben, im CEV-Cup allerdings erst im Halbfinale verpflichtend. Einen möglichen Einspruch der Dresdner hat es nicht gegeben. "Leider ist ein Protest in sportlichen Entscheidungen nicht möglich und vor allem ohne jede Erfolgsaussicht", erklärt DSC-Geschäftsführerin Sandra Zimmermann auf Nachfrage von Sächsische.de. Gleichwohl habe man sich diese und weitere strittige Szenen noch mehrmals per Video angeschaut. "Das Ergebnis bleibt immer das Gleiche", sagt Zimmermann ernüchtert.

Freiwillig hätte auch Galatasaray Istanbul diesen Zeitlupenbeweis einsetzen können. Zumindest ist das technische Knowhow in der Halle vorhanden. "Der Einsatz war einfach nicht notwendig", sagt Ronny Ackermann, der bei der Volleyball Bundesliga GmbH als Manager für Schiedsrichter und Internationales arbeitet und damit gewissermaßen Experte in Sachen Challenge-System ist. "Beim Einsatz des Systems hätten beide Trainer mindestens zwei Mal pro Satz die Möglichkeit gehabt, eine Entscheidung per Video überprüfen zu lassen. Ist der Einspruch rechtens, bleiben die zwei Möglichkeiten erhalten", erklärt er.

Die Volleyballerinnen des Dresdner SC konnten sich in Istanbul über eine starke Leistung freuen.
Die Volleyballerinnen des Dresdner SC konnten sich in Istanbul über eine starke Leistung freuen. © Galatasaray SK

Ackermann aber hat eine mögliche Erklärung für den Abbau des Systems. "Galatasaray ist nicht der alleinige Hauptnutzer der Halle. Ich könnte mir vorstellen, dass der Klub das System vom Hallenbetreiber anmieten muss. Das ist entsprechend teuer", sagt er. Der Dresdner SC musste bei seinem Champions-League-Einsatz 2016 für die Miete 5.000 Euro pro Spieltag hinblättern - die Anschaffung hätte 150.000 Euro gekostet. Die Summen unterscheiden sich je nach Anbieter - derzeit gibt es für den europäischen Volleyball vier große Hersteller, zwei aus Polen, je einer aus Schottland und Italien.

"Mindestens sieben, bis acht Kameras kommen zum Einsatz - beim teuersten System aus Schottland deutlich mehr", weiß der VBL-Experte. Auch zusätzliche Mitarbeiter sind für die optimale Anwendung notwendig. "Teilweise sind dafür zwei Operator zuständig, meist von der jeweiligen Hersteller-Firma", erklärt Ackermann.

Doch hätte Haupt-Schiedsrichterin Magdalena Niewiarowska aus Polen den Mann an der Linie überstimmen können?

"Theoretisch ja. In der Praxis ist das aber schwierig, wenn der jeweilige Linienrichter bis dahin nicht durch gravierende Fehler aufgefallen ist. Aber bei so einem Spielstand und so einer Entscheidung hat die Entscheidung eines Linienrichter aus dem Verband des Ausrichter-Landes natürlich ein Geschmäckle", verdeutlicht Ackermann. "Wir in Deutschland würden uns alle über flächendeckende Anwendung des Challenge-Systems freuen. Das nimmt bei allen Beteiligten so viel Druck raus", sagt Ackermann. Mit dem Dresdner SC gibt es dafür nun einen gewichtigen Fürsprecher mehr.

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