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Darum ist Frauen-Volleyball so attraktiv wie nie

Die Bundesliga mit dem Dresdner SC stellt bei Etats, TV-Quoten und Fans die Männer in den Schatten. Aber wieso eigentlich?

Obenauf: Dresdens Nationalspielerin Camilla Weitzel setzt zum Schmetterschlag an. Nicht nur für sie läuft es gut, auch die Liga zeigt eine starke Entwicklung.
Obenauf: Dresdens Nationalspielerin Camilla Weitzel setzt zum Schmetterschlag an. Nicht nur für sie läuft es gut, auch die Liga zeigt eine starke Entwicklung. © Lutz Hentschel

Dresden. Volleyballerinnen sind offenbar anders. Die 1. Bundesliga der Frauen verzeichnet einen größeren Zuschauerschnitt als die der Männer – sowohl in den Arenen, als auch bei den Fernsehübertragungen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Mannschaftssport.

Sowohl im Basketball, Handball, Fußball und auch im Eishockey werden Aufmerksamkeit, öffentliche Wahrnehmung und nicht zuletzt damit auch die Schlagzeilen von den Männern dominiert. Im Volleyball nicht.

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Ein Phänomen, das inzwischen selbst renommierte überregionale Medien beschäftigt, etwa das ZDF oder das Nachrichtenmagazin Spiegel. In der Tat hat sich die Volleyball-Bundesliga der Frauen zu einer Marke entwickelt, die sportartübergreifend die wichtigsten Statistiken anführt.

Der Zuschauerschnitt in der Liga aus der Vorsaison liegt, vor dem coronabedingten Ausschluss der Fans, mit knapp 1.500 Besuchern deutlich vor den durchschnittlichen Zahlen der Frauen-Bundesligen im Handball (964) und Fußball (912).

Steigende Zahlen auch im Fernsehen

Seit Jahren ist der Dresdner SC in dieser Hinsicht einsamer Spitzenreiter. Durchschnittlich 2.660 Zuschauer kamen zu den neun Heimspielen der Vorsaison.

Und auch im Bereich Finanzen ist die Volleyball-Bundesliga der Frauen nach einer Analyse des Ligaverbandes für das Geschäftsjahr 2018 mit einem durchschnittlichen Saisonbudget von 1,2 Millionen Euro führend – vor Fußball (eine Million), Handball (0,95) und Basketball (0,5). Das liegt vor allem auch an dem TV-Vertrag mit dem Spartensender Sport1.

Der umfasst die Live-Übertragung von insgesamt 36 Partien im frei empfangbaren Fernsehen und sorgt dank stetig steigender Quoten mittlerweile dafür, dass die Vereine sogar erstmals TV-Einnahmen verbuchen können. Der DSC vermeldete für die abgelaufene Saison immerhin einen mittleren vierstelligen Betrag, Tendenz steigend.

Zuletzt erzielte der Sender am 19. Dezember mit der Übertragung der Partie Vilsbiburg gegen Dresden eine gute Quote. Nach Senderangaben schalteten im Schnitt 80.000 Zuschauer ein, in der Spitze 250.000.

Kim Renkema, Sportdirektorin beim deutschen Meister MTV Allianz Stuttgart, erklärt im Spiegel stolz: „Wir sind hierzulande Frauen-Sportart Nummer eins.“ Nur hat die freudige Nachricht einen Haken, wie Renkema verdeutlicht: „Doch so richtig hat das keiner mitbekommen.“

Keine Halle fasst unter 1.000 Zuschauer

Die Gründe für den Boom liegen hingegen auf der Hand. In enger Absprache mit den Klubs – und das ist enorm wichtig – hat der Ligaverband VBL wichtige wie wertige Standards und Bedingungen für die Lizenz erarbeitet. Unter anderem gehören moderne Arenen dazu. Keine Halle der elf Erstligisten fasst weniger als 1.000 Zuschauer, sieben sogar mehr als 2.000.

Zusammen setzten Vereine und Liga ein Entwicklungsprogramm auf, das ambitionierte Zweitligisten beim Aufstieg unterstützen soll sowie den Nachwuchs und die Nationalmannschaft fördert. Mittelfristig soll die 1. Bundesliga auf 16 Teams aufgestockt werden.

„Wir haben gemeinsam strategische Entscheidungen getroffen, Hallen, das Produkt zu entwickeln und damit attraktiver und internationaler an den Start zu gehen“, sagt DSC-Geschäftsführerin Sandra Zimmermann, und sie ergänzt: „Damit wollen wir auch Reichweite und Aufmerksamkeit steigern.“

Sorgt gemeinsam mit der Liga und den anderen Bundesligavereinen dafür, dass Frauen-Volleyball attrakttiver wird: DSC-Geschäftsführerin Sandra Zimmermann.
Sorgt gemeinsam mit der Liga und den anderen Bundesligavereinen dafür, dass Frauen-Volleyball attrakttiver wird: DSC-Geschäftsführerin Sandra Zimmermann. © Lutz Hentschel

Ebenfalls ein wichtiger Eckpfeiler des Aufschwungs: Die Strukturen innerhalb der Klubs wachsen mit. Der Dresdner SC beschäftigt beispielsweise neben Chefcoach Alexander Waibl zwei weitere festangestellte Trainer, einen Athletiktrainer und einen Physiotherapeuten auf Honorarbasis sowie Mannschaftsarzt Tino Lorenz, bei dessen Engagement teilweise Sponsoringleistungen inbegriffen sind. In der Geschäftsstelle arbeiten neben Zimmermann vier weitere Festangestellte sowie mit Ex-Zuspielerin Beatrice Dömeland eine projektbezogene freie Mitarbeiterin.

Auffällig ist: Bei drei Vereinen stehen inzwischen Frauen an der Spitze. Auch dieses Merkmal zeichnet die Volleyball-Bundesliga aus. „Wenn man über Genderthemen oder Gleichberechtigung spricht, dann leben wir genau das im Alltag“, sagt Zimmermann.

Ihre Stuttgarter Kollegin Renkema bestätigt das: „Frauen schauen anders auf gewisse Themen als Männer. Wenn man das gut kombiniert, kommen die besten Ergebnisse dabei raus“, sagt die frühere Profispielerin.

Vier ernsthafte Meisterkandidaten

Der offen geführte Konkurrenzkampf in der Volleyball-Bundesliga der Frauen ist darüber hinaus aus sportlicher Sicht ein Garant für den aktuellen Erfolg. Mit Potsdam, Schwerin, Stuttgart und Dresden gelten gleich vier Teams als ernsthafte Bewerber um den Meistertitel, was wiederum jeden einzelnen Klub antreibt, sich immer weiter zu verbessern.

Dieser Konkurrenzkampf erfordert kreative, innovative Ideen. Felix Koslowski, derzeit Bundestrainer und Cheftrainer in Schwerin in Personalunion, entwickelte etwa mit einer italienischen Computerfirma ein System, das es ihm ermöglicht, mit einem Tablet an der Linie zu coachen und Livebilder direkt auszuwerten. Dadurch lassen sich Fehler sofort ansprechen. Und davon profitiert inzwischen die ganze Liga.

Immer mehr Stars kehren zurück

Die Folge: Auch für Top-Spielerinnen ist es wieder attraktiver, in Deutschland zu spielen. Dass beispielsweise Nationalspielerin Jennifer Janiska vom italienischen Klubweltmeister Conegliano nach Dresden wechselte, hat eben nicht nur mit der Corona-Pandemie und der sportlich wie beruflichen Unsicherheit im Ausland zu tun.

„In Sachen Etats sind wir von den internationalen Spitzenligen schon noch etwas entfernt“, schätzt Liga-Geschäftsführer Peter Jung ein. In der Türkei, Italien, Russland oder Polen verdienen die Top-Stars weitaus mehr, doch er sieht die Bundesliga auf dem richtigen Weg.

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Das ambitionierte Ziel nennt Liga-Präsident Michael Evers: „Unser Bestreben soll es sein, dass wir in drei, vier Jahren zu den besten drei Ligen in Europa gehören.“

Der nächste Schritt für die fortschreitende Professionalisierung ist schon in vollem Gange. Die Bundesliga soll dringend einen Namenssponsor bekommen. Geht es nach den Liga-Verantwortlichen, sind dafür 1,2 Millionen Euro fällig.

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