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Ein Besuch in der Box beim DTM-Heimspiel der Dresdner

Erstmals fährt ein sächsisches Rennteam in der DTM mit, erlebt auf dem Lausitzring einen schweren Unfall, kann aber auch für sich werben. Eine Reportage.

Sechs Mann für vier Räder: Einer muss sich beim Reifenwechsel noch ums hydraulische Aufbocken des Lamborghini kümmern.
Sechs Mann für vier Räder: Einer muss sich beim Reifenwechsel noch ums hydraulische Aufbocken des Lamborghini kümmern. © Thomas Kretschel

Der Chef hat keine Zeit. Das ist häufig so, bei Jens Feucht ist es Programm. An diesem Samstag auf dem Lausitzring hat er klobige Kopfhörer über die Ohren gestülpt, ein Mikro baumelt vor seinem Mund. Per Funk ist er mit seinen beiden Fahrern verbunden und auch mit der Rennleitung. Obendrein muss er mehrere Monitore im Blick haben, auf denen neben den Live-Bildern von der Strecke Zahlenkolonnen zu sehen sind, die Laien nur schwer entschlüsseln können.

Es ist eine eigene Welt. Wer Benzinduft nicht mag und ohrenbetäubenden Motorenlärm nicht verträgt, ist hier falsch. Für alle anderen ist das Wummern der Pressluftschrauber, das Quietschen der rillenlosen Reifen und das Aufheulen der vorbeirasenden Sportwagen Musik in den Ohren.

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Feucht gehört eindeutig zur letzten Gruppe, mit seinem Team T3 ist er in dieser Saison weit oben angekommen im Motorsport, der Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft (DTM), so etwas wie die Königsklasse in diesem Segment. Nach dem Saisonstart in Monza ist der Lausitzring die zweite Station in diesem Jahr und für die Neulinge aus Dresden ein Heimrennen.

Hier soll es besonders gut laufen, da bleibt wenig Zeit zum Durchschnaufen. Am Freitag erst hatte Feucht einen der beiden Rennwagen, einen Lamborghini Huracan Evo GT3, wie er vollständig heißt, auf einem Tieflader vor die Semperoper gefahren. Der Fernsehsender Sat1, der alle Rennen live überträgt, hatte sich das gewünscht – und der Teamchef zugestimmt, weil so ein Beitrag Aufmerksamkeit bringt und vielleicht Sponsoren. Die sind die wichtigste Währung im Motorsport. Als es schon dunkel war, ging es wieder zurück auf den Lausitzring.

Die Britin Esmee Hawkey ist nur eine von zwei Frauen in der DTM. Auf dem Lausitzring schleudert sie mit ihrem Auto nach nur zwei Runden in die Mauer und muss das Rennen beenden, bleibt aber unverletzt.
Die Britin Esmee Hawkey ist nur eine von zwei Frauen in der DTM. Auf dem Lausitzring schleudert sie mit ihrem Auto nach nur zwei Runden in die Mauer und muss das Rennen beenden, bleibt aber unverletzt. © Thomas Kretschel

Am Samstag läuft es tatsächlich richtig gut. Zumindest für Esteban Muth, 19 Jahre jung und Belgier. Beim Qualifying rast er in der letzten Runde auf Platz vier vor. Für einen Newcomer ist das fast schon sensationell gut. In der Box, in der 23 Mitarbeiter das gesamte Wochenende damit beschäftigt sind, dass die beiden italienischen Rennwagen so schnell wie möglich unterwegs sind, wird nur kurz applaudiert. Dann geht es sofort wieder an die Arbeit.

Kurzzeitig wird die in einen der beiden Trucks verlegt, die hinter den Boxen parken. In einem gibt es eine Art Konferenzraum mit Couch und Tisch. Muth sitzt mit seinen beiden Renningenieuren an einem, seine Kollegin, die Engländerin Esmee Hawkey, mit ihren Technikern am anderen. Die Piloten sollen erklären, wie sich das Auto in den Kurven und Geraden angefühlt hat. Ihre Eindrücke werden mit den gemessenen Daten aus dem Laptop abgeglichen und dann das Setup der Autos korrigiert.

Unter das Dach der Trucks werden die Rennwagen geschoben – insgesamt drei, einer als Ersatz. Darunter liegen fest verzurrt Ersatzteile wie Stoßstangen und Motorhauben, es ist Platz für Monitorwände und fahrbare Werkzeugschränke. Piloten und Mechaniker haben hier Spinde und Esmee Hawkey ein kleines Bad extra für sich.

Der Blick ins Cockpit des Lamborghini Huracan Evo GT3. Am Lenkrad kann der erst 19-jährige Fahrer Esteban Muth nicht nur die Gänge wechseln, sondern auch den Teamfunk aktivieren.
Der Blick ins Cockpit des Lamborghini Huracan Evo GT3. Am Lenkrad kann der erst 19-jährige Fahrer Esteban Muth nicht nur die Gänge wechseln, sondern auch den Teamfunk aktivieren. © Thomas Kretschel

Motorsport in dieser Liga ist mit großem Aufwand verbunden – und das kostet. In die erste DTM-Saison investiert T3 „eine höhere sechsstellige Summe“, sagt Feucht. Genauer will er das nicht formulieren, er kann es auch gar nicht, weil immer was passieren kann. Wie recht er damit hat, zeigt sich nur wenige Stunden später. Der finanzielle Aufwand ist auch der Grund, warum es bisher noch kein ostdeutsches Team – Berlin ausgenommen – in die DTM geschafft hat. Die Dresdner sind die Ersten. Zwar gibt es mit dem Lausitzring, dem Sachsenring und der Arena in Oschersleben drei moderne Rennstrecken in den neuen Bundesländern, aber kaum Teams, die sich in den hochkarätigen Serien engagieren. Eine Ausnahme bildet noch Münnich Motorsport aus Neusalza-Spremberg bei Löbau. Der Fahrer und Teamchef René Münnich war mit seinen Tourenwagen bis 2017 in der WM unterwegs und ist es seit 2018 im daraus hervorgegangenen Weltcup. Er kann sich das kostspielige Hobby leisten. Münnich ist Gründer und Inhaber der Internetfirma All-Inkl.Com, dem Trikot- und Topsponsor des Fußball-Zweitligisten Dynamo Dresden.

Bei den Fahrern ist die Lage ähnlich, nur wenige aus dem Ostteil des Landes können sich den Sport leisten. Dies wollen die Dresdner ändern. Mit dem Anspruch, Talenten eine kostengünstige Aufstiegschance zu bieten, hatte sich der Rennstall im November 2018 gegründet. Von den fünf Gesellschaftern ist einer abgesprungen, die verbliebenen vier teilen sich die Arbeit – und das Bezahlen. Noch ist T3 ein Zuschussgeschäft, daraus macht Feucht keinen Hehl. „Außer von den Gesellschaftern kommt das Geld von unseren Sponsoren und von den Fahrern“, erklärt er. Dass der Platz hinterm Lenkrad quasi gekauft wird, ist absolut üblich in der Branche, von den Top-Piloten in der Formel 1 wie der DTM mal abgesehen.

Vor dem Start werden bei der Teambesprechung mit den Mechanikern letzte Details geklärt – zum Beispiel, wann die Boxenstopps geplant sind. Ein festes Ritual gibt es bei T3 nicht – außer Applaus am Ende.
Vor dem Start werden bei der Teambesprechung mit den Mechanikern letzte Details geklärt – zum Beispiel, wann die Boxenstopps geplant sind. Ein festes Ritual gibt es bei T3 nicht – außer Applaus am Ende. © Thomas Kretschel

Gesellschafter eines Motorsport-Teams zu sein ist ein teures Hobby. Feucht ist Geschäftsführer einer Firma für Energie- und Gebäudetechnik, Stefan Jugel Vorstandsvorsitzender einer Glasfaserfabrik in Lettland. „Mittelfristig hoffen wir natürlich schon, dass wir da mit einer schwarzen Null rauskommen“, sagt Jugel. „Aber dafür bräuchten wir mehr Sponsoren. Wir haben jetzt extra einen Mitarbeiter angestellt, der Firmen für uns anspricht.“ Leichter geht das mit mehr Aufmerksamkeit, mehr TV-Präsenz. Auch deshalb wagte T3 den Schritt in die DTM, deren Rennen nach eigener Darstellung in 60 Ländern ausgestrahlt werden.

Die Zahl klingt beeindruckend, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Branche mit schwindender Akzeptanz zu kämpfen hat. Motorsport hat es in Zeiten von Klimawandel und dem Umstieg auf E-Motoren schwer. Warum sollen sich Hersteller dort noch engagieren, wenn sie gleichzeitig den Ausstieg aus den Verbrennungsmotoren vorantreiben? Auch der DTM liefen die Autofirmen davon, weshalb das Klassement grundlegend geändert wurde, um die Kosten zu senken.

In der Pause zwischen Qualifying und Rennen schaut Gerhard Berger in der Box des Neulings vorbei. Der ehemalige Formel-1-Fahrer aus Österreich ist DTM-Chef und hatte die Dresdner überredet, in die Serie einzusteigen. Die Stippvisite wird für Fotos genutzt, die umgehend im Internet landen. Kurz vor dem Start entrollt das Team ein Banner auf der langen Gerade vor der Haupttribüne. „Welcome back Fans“ steht darauf, daneben die Fotos der beiden Fahrer sowie die Social-Media-Kontakte. Geschicktes Marketing. Maximal 10.000 Zuschauer durften mit einem strengen Hygienekonzept erstmals wieder an die Rennstrecke.

Teamchef Jens Feucht zeigt den Innenraum eines der beiden Trucks. Hier sind die Spinds für die Mechaniker und Fahrer untergebracht. Außerdem werden Kleinteile wie die FFP2-Masken gelagert.
Teamchef Jens Feucht zeigt den Innenraum eines der beiden Trucks. Hier sind die Spinds für die Mechaniker und Fahrer untergebracht. Außerdem werden Kleinteile wie die FFP2-Masken gelagert. © Thomas Kretschel

Die sehen schon in der zweiten Runde einen spektakulären Unfall. Esmee Hawkey verliert mit Tempo 260 die Kontrolle über ihr Auto, dreht sich und kracht in die Mauer. Der Lamborghini wird abgeschleppt, die 23-Jährige ins Medical Center gefahren. Eine Untersuchung dort ist nach einem Unfall vorgeschrieben. Die Sanitäter finden nichts.

Schmerzlicher ist ohnehin der finanzielle Aspekt. Das Auto der Britin hatte das Team gekauft. „Das kostete 400.000 Euro plus Zubehör“, sagt Jugel. „Die Fahrzeuge sind zwar versichert – aber mit einem Selbstbehalt von 25.000 Euro pro Schaden.“ Der Wagen von Muth ist von Lamborghini gemietet, für den Belgier läuft es deutlich besser. Zunächst kann er den vierten Startplatz halten, als die meisten Konkurrenten frühzeitig zum Reifenwechsel in die Boxengasse abbiegen, liegt er zeitweise sogar ganz vorn. So haben ihn die TV-Kameras lange im Bild, auch das könnte hilfreich sein bei der schwierigen Suche nach Sponsoren.

Irgendwann muss auch Muth die Reifen tauschen, der Stopp ist vorgeschrieben. Als er wieder zurück auf die Strecke rast, reiht er sich weit hinten ein, am Ende wird er Achter. Das ist immer noch richtig gut, doch wirklich zufrieden wirkt er nicht, als er den bunten Helm absetzt und den feuerfesten Overall abstreift. Muth ist komplett durchgeschwitzt, bei heißem Sommerwetter wie an diesem Samstag können es schon mal 60 Grad im Cockpit werden. Manchmal sogar mehr.

Der Lamborghini von Esmee Hawkey ist nach dem Einschlag in der Mauer demoliert, eine Reparatur über Nacht unmöglich.
Der Lamborghini von Esmee Hawkey ist nach dem Einschlag in der Mauer demoliert, eine Reparatur über Nacht unmöglich. © Thomas Kretschel

„Wenn der Boxenstopp ein bisschen schneller gewesen wäre, hätte ich auf Platz drei vorfahren können“, sagt er, lobt aber gleichzeitig „die gute Leistung des Teams. Das war schon ein großer Schritt gegenüber dem Saisonauftakt.“ Mit sechs Jahren hat er mit Motorsport angefangen, auch für ihn ist es das erste Jahr in der DTM. „Da ist ein Traum für mich wahr geworden“, sagt er. Sein nächster ist es, Champion in dieser Serie zu werden.

Dafür müssten wohl nicht nur die Reifenwechsel besser klappen. Das Üben ist logistisch gar nicht so einfach. „Wir machen das vor den Hallen in Dresden, wo zwischen den Rennen auch die Autos stehen und unser Equipment“, erzählt Feucht. Dazu schleppt ein Golf den Lamborghini auf die richtige Position und imitiert so die Boxeneinfahrt. Dann greifen die Mechaniker zu Reifen und Pressluftschraubern. Immer und immer wieder. Die Bewegungen müssen wie Automatismen funktionieren. Je häufiger wiederholt wird, desto besser. Neulinge müssen ein bisschen öfter üben.

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Beim Wagen von Esmee Hawkey war kein Reifenwechsel mehr nötig, der demolierte Lamborghini ist im Frontbereich derart beschädigt, dass nicht nur Teile getauscht, sondern auch der Rahmen gerichtet werden muss. Über Nacht ist das nicht zu schaffen. Damit die Britin am Sonntag beim zweiten Rennen wieder starten kann, wird der Ersatz-Lamborghini aus dem Truck geholt. Der ist komplett anders lackiert. Also schrauben die Mechaniker alle sichtbaren Teile ab und tauschen sie aus. Fertig sind sie damit nachts um drei Uhr.

Nicht nur Jens Feucht hat an diesem Wochenende wenig Zeit.

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