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„Erfolg ist für mich, wenn ich glücklich bin“

Die frühere Radsprinterin Kristina Vogel hat sich neu erfinden müssen – und ist sich dabei treu geblieben. Ein Interview.

Seit dem Trainingsunfall im Juni 2018 in Cottbus, wo Kristina Vogel von einem Nachwuchsfahrer aus den Niederlanden angefahren und schwer verletzt wurde, sitzt die 30-Jährige im Rollstuhl.
Seit dem Trainingsunfall im Juni 2018 in Cottbus, wo Kristina Vogel von einem Nachwuchsfahrer aus den Niederlanden angefahren und schwer verletzt wurde, sitzt die 30-Jährige im Rollstuhl. © picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow

Erfurt. Mit zwei Olympiasiegen, einmal Olympia-Bronze und elf WM-Titeln ist sie die erfolgreichste Radsportlerin der Welt. Kristina Vogel, die seit einem Trainingsunfall 2018 im Rollstuhl sitzt, hat sich in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht neu erfunden und ist dennoch sie selbst geblieben. Nun hat die 30-Jährige ein Buch geschrieben: „Immer noch ich. Nur anders: Mein Leben für den Radsport“, erschienen im März im Piper Verlag. Über die Hintergründe zum Buch und was der intensive Schreibprozess mit der Erfurterin gemacht hat, spricht Vogel im SZ-Interview.

Frau Vogel, wie oft haben Sie von anderen schon das Gefühl vermittelt bekommen, etwas nicht zu schaffen – und diese Leute dann eines Besseren belehrt?

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Das ist momentan so ein Ding in der Gesellschaft, dass jeder einem sagt, was für einen selber richtig ist. Aber niemand kann einem vorschreiben, was man zu tun oder zu lassen hat. Von daher geht es nicht nur mir so. Ich denke, das erlebt irgendwie jeder.

War das ein Grund, zusammen mit Matthias Teiting als Ghostwriter das Buch zu schreiben?

Ja, das war einer der Gründe. Ich wollte den Menschen zeigen, dass ich immer noch ich bin, und auch erklären, warum ich so geworden bin, wie ich bin. Und ich wollte den Menschen irgendwo Halt und Motivation geben. Vielleicht auch mal so für den letzten Kick sorgen. Wenn nicht, dann wollte ich die Menschen einfach eine schöne Zeit erleben lassen, während sie das Buch lesen. Und ich hoffe, dass sie etwas mitnehmen.

Wollten Sie mit dem Buch auch Ihren Unfall noch mal aufarbeiten?

Ich hatte nicht im Sinn, irgendetwas abschließen zu wollen, als ich das Buch geschrieben habe. Aber natürlich ist es schon ein bisschen eine Aufarbeitung, weil du mit dem Ghostwriter ganz viel thematisierst. Er muss in deinen Kopf rein, genau wissen, was ich gefühlt und gedacht habe. Wir haben uns vielleicht sieben oder acht Mal für rund vier Stunden getroffen. Von daher thematisiert man die Dinge schon extrem. So gesehen, muss ich sagen, war es auch eine wahnsinnig harte und anstrengende Zeit, noch mal so tief zu gehen, aber irgendwie auch ganz schön.

Wie kann man sich den Schreibprozess mit einem Ghostwriter vorstellen?

Wir haben uns vorher einen Plan gemacht, worüber wir reden möchten und schon mal ein paar Kapitelvorschläge erarbeitet. Dann fängt man einfach an, ganz viel darüber zu reden. Er stellt viele Fragen und das wird aufgezeichnet. Besser gesagt, haben wir das Aufnahmegerät laufenlassen und einfach gequatscht. Er hatte dann noch lange meine Stimme im Ohr, weil er natürlich schauen musste, dass man aus dem „Gequatsche“ auch etwas Gutes zusammenbekommt. Ich habe natürlich viele Kapitel gelesen und korrigiert, bei denen wir uns vielleicht mal missverstanden haben, weil man ehrlicherweise sagen muss, dass der Bahnradsport schon eine sehr technisch-taktische Sportart ist. Ich höre in dem Buch auf jeden Fall zu hundert Prozent mich.

Diese Zeit holt nicht nur die schönen Momente hoch, sondern auch die Erinnerungen an den Unfall. Spielt der andere Fahrer in Ihrem Leben noch eine Rolle?

Man muss natürlich sagen, es ist ein unheimlich junger Athlet gewesen. Ist man mental dann schon so gereift, zu begreifen, dass man gerade die beste Bahnradfahrerin der Welt irgendwie … Also an ihrem Unfall beteiligt war? Es gab schon die Intention, ein Treffen zu organisieren, sich auszutauschen und kennenzulernen. Einfach auch die jeweils andere Seite der Geschichte mal zu hören. Doch das hat aufgrund von Corona nicht geklappt. Ich bin auch ehrlich: Letzten Sommer war ich noch nicht so weit, dass ich das hätte machen können, weil ich keine Schuld trage. Ich trage aber auch keinen Hass, weil ich einfach glaube, dass daran viel mehr Personen beteiligt waren. Warum wusste er es denn nicht besser? Warum war da niemand, der die Radrennbahn abgesperrt hat? Es gibt ganz viele Punkte, die nicht allein auf ihn abzuwälzen sind. Natürlich trägt er eine Teilschuld, aber nicht die alleinige Schuld, ganz einfach. Er ist natürlich die Personifizierung meines Unfalls. Von daher ist das schon schwer, aber ein Austausch wird kommen, man muss ihm ja auch die Chance geben, damit abschließen zu können.

Sie haben gesagt: „Viele glauben nicht, dass ich bin, wie ich bin und mich nicht verstelle!“ War das Buch auch da eine Antwort für genau diese Personen?

Während man ein Buch schreibt, hat man ja immer einen Arbeitstitel, und der Arbeitstitel hier war „Immer noch ich. Nur anders“. Das hat uns so gut gefallen, weil das Buch auch einfach die Antwort darauf ist, dass ich immer noch bin, wie ich bin, nur eben jetzt im Rollstuhl. Klar reift man mit der Zeit, man wird ja auch erwachsener. Aber es sind immer noch die Merkmale, die mich ausmachen, die mich auch früher ausgemacht haben.

Glauben Sie, dass die Leute so beeindruckt über Ihren positiven Umgang mit der Situation waren, dass ein Teil vielleicht genau deswegen auch auf ein mentales Loch gewartet hat?

Auch im Krankenhaus hieß es immer, das kommt noch. Aber warum hofft man immer auf was Schlechtes? Ich denke, dass Inklusion und Diversität in Deutschland noch nicht so laufen, wie sie laufen sollten. Dass wir uns das einfach nicht vorstellen können, wie es ist, ein Leben im Rollstuhl zu führen. Ein normaler, nicht behinderter Mensch hat in der Regel nie Berührungspunkte mit behinderten Menschen. Und deswegen können wir uns einfach nicht vorstellen, dass das trotzdem ein schönes Leben sein kann. Natürlich war es ein großer und schwerer Schicksalsschlag, der mich auch viel Arbeit gekostet hat, das überhaupt zu überleben und mein Leben so zu leben, wie ich das gerade tue, aber es funktioniert.

Sie sprechen in dem Buch von dem Gefühl, dass man der Gesellschaft unangenehm sei. Wo und wie bekommen Sie das zu spüren?

Das ist immer dann der Fall, wenn man glaubt, dass man schuld ist und eine Extrawurst braucht, weil man im Rollstuhl sitzt. Ich muss bei vielen Events immer fragen, ob es eine Behinderten-Toilette gibt oder ich muss Treppen getragen werden, obwohl ich mich eigentlich nicht tragen lasse. Aber ich kann ja nichts dafür, dass die Welt nicht barrierearm ist. Ich brauche eben ein bisschen mehr Platz auf Toilette, weil mein Rollstuhl mit rein muss. Da hat man manchmal das Gefühl, dass man die Unbequeme ist, wegen der man schon wieder etwas extra machen muss. Es gibt Tage, da stehe ich da drüber. Da ist es mir komplett egal und ich denke mir: „Ich kann nichts dafür, dass die Welt ist, wie sie ist. Kümmert euch!“ Und manchmal ist man einfach schwächer und nicht jeden Tag super stark mit ultrakrassem Selbstbewusstsein. Manchmal ist man verletzlicher. Auch das wollte ich mit dem Buch zeigen, dass Selbstbewusstsein und Resilienz tägliche Arbeit sind.

Sie schreiben in Ihrem Buch zudem, früher sei Ihre Leistung messbar gewesen. Woran messen Sie Ihre Leistung heute?

Als Athletin hast du genau gewusst, das war gut oder schlecht. Und heute? Wie gut machst du einen Vortrag oder wie schnell bist du mit einer Präsentation fertig – das lässt sich schwieriger messen außerhalb des Sports. Erfolg ist für mich, wenn ich glücklich gewesen bin an dem Tag.

Empfinden Sie die Vorbildfunktion, die Sie für viele Leute in ganz unterschiedlicher Hinsicht haben, als Privileg oder als Belastung?

Sowohl als auch. Gerade in Zeiten von Social Media ist dieses Meckern und Besserwissen schon ein Ding, vor allem als Person des öffentlichen Lebens. Einige denken, mir würde alles in den Schoß fallen und ich würde alles geschenkt bekommen – was definitiv nicht so ist. Für viele Dinge muss ich hart arbeiten, das sieht man nur vielleicht nicht immer. Aber dass ich jetzt auch mit so vielen Menschen sprechen kann, das ist einfach was Tolles. Dass ich Menschen auf eine gewisse Art und Weise inspirieren kann und dafür auch total viel zurückbekomme, das ist etwas ganz Wertvolles. Deswegen sehe ich es eher als Privileg an, dass mir Menschen einfach so ihr Innerstes öffnen und so viele tolle Dinge erzählen.

Früher haben Sie sich mit der Rolle der Athletin identifiziert – welche Rolle ist das heute?

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Von allem etwas! Ich bin ja dem Sport immer noch treu geblieben. Ich arbeite als Bundespolizeitrainerin und kann da meine Athleten ein Stück weit unterstützen. Ich kommentiere, ich sitze im Radsport-Weltverband in der Kommission, ich bin Politikerin, ich bin Keynote Speakerin, Motivatorin, Stütze, Entertainerin, Influencerin – also irgendwie von allem etwas.

Das Interview führt Stefanie Naumann.

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