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Einer der schönsten Küsse der Sportgeschichte

Emil Zatopek gehört bis heute zu den größten Langstreckenläufern aller Zeiten. Er und seine Frau Dana wurden am gleichen Tag Olympiasieger – und beide heute vor 100 Jahren geboren.

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Der frisch gebackene Olympiasieger im Marathonlauf Emil Zatopek küsst nach dem Überqueren der Ziellinie bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki seine Frau Dana Zatopkova.
Der frisch gebackene Olympiasieger im Marathonlauf Emil Zatopek küsst nach dem Überqueren der Ziellinie bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki seine Frau Dana Zatopkova. © dpa

Es war wohl einer der rührendsten Momente der Olympia-Geschichte: In Helsinki umarmten sich am 27. Juli 1952 die tschechoslowakische Lauflegende Emil Zatopek und seine Frau Dana leidenschaftlich vor den Kameras. „Es war ein schöner Kuss“, sagte sie später. Er hatte gerade nach den 5.000 und den 10.000 Metern auch noch den Marathon gewonnen – ein phänomenaler Dreifach-Triumph. Und sie hatte drei Tage vorher mit 50,47 Metern Gold im Speerwurf geholt – der gleiche Tag, an dem ihr Mann bei den 5.000 Metern siegte.

Neben ihrem sportlichen Eifer und ihrer Liebe verband die beiden Eheleute auch noch das Geburtsdatum. Am 19. September 1922 wurde Emil Zatopek in Koprivnice geboren, seine spätere Frau Dana am selben Tag im 40 Kilometer entfernten Frystat. Erinnert wird daran nun in Tschechien mit Ausstellungen, Konzerten, Schülerwettbewerben und der Enthüllung einer Statue. Er starb bereits im November 2000, sie knapp 20 Jahre später.

Eine Bronzefigur Zatopeks steht im Garten des Olympischen Museums in Lausanne. Der vierfache Goldgewinner stellte zudem nicht weniger als 18 Weltrekorde auf. Als Erster lief er 1954 in Brüssel die Distanz von zehn Kilometern in weniger als 29 Minuten. Auf der 5.000-Meter-Strecke unterbot er kurz zuvor in Paris mit 13:57,2 Minuten die Zeit des legendären Schweden Gunder Hägg. Bereits 1951 übertraf er im Stundenlauf die Marke von 20 Kilometern.

"Weder Gymnastik noch Eiskunstlauf"

Sein schwerfälliger, aber kraftvoller Laufstil brachte Zatopek den Spitznamen „die Lokomotive“ ein. Er schnitt Grimassen, schwenkte den Kopf hin und her, wirkte alles andere als elegant. Kritik daran soll er mit dem Kommentar zurückgewiesen haben: „Sie wissen doch, dass dies weder Gymnastik noch Eiskunstlauf ist.“ Nicht weniger ungewöhnlich waren seine Trainingsmethoden. Er lief in schweren Stiefeln, um im eigentlichen Wettkampf ein Gefühl der Leichtigkeit zu empfinden. Oder er trug seine Frau Dana bei Stadionrunden auf dem Rücken. Zatopek entdeckte schon damals die Vorzüge des Intervalltrainings. Sein Motto lautete: „Du kannst nicht mehr? Dann gib Gas!“

Vor knapp einem Jahr kam in Tschechien ein Spielfilm über den Star-Athleten in die Kinos, der schlicht „Zatopek“ heißt. Auf die Hauptrolle bereitete sich der Schauspieler Vaclav Neuzil mit einem jahrelangen Lauftraining vor, verlor rund zehn Kilo Gewicht. „Wenn man den Namen Emil Zatopek sagt, dann denken die Menschen zuerst an Willensstärke, an Ausdauer, Zielstrebigkeit und Fleiß“, sagt der in Prag lebende 42-Jährige.

Dana Zatopkova umarmt ihren Ehemann Emil Zatopek während der olympischen Spiele in Mexiko-Stadt im Jahr 1968.
Dana Zatopkova umarmt ihren Ehemann Emil Zatopek während der olympischen Spiele in Mexiko-Stadt im Jahr 1968. © dpa

Was motivierte Zatopek? Er habe mit dem Laufen seine Freiheit und Unabhängigkeit gefunden, sagt Neuzil. Tatsächlich wuchs Zatopek in ärmlichen Verhältnissen als zweitjüngstes Kind von acht Geschwistern auf. Bevor er in die Armee eintrat und sich ganz dem Sport widmete, arbeitete er eher unglücklich in den Bata-Schuhwerken der ostmährischen Industriestadt Zlin. Manche Historiker kritisieren, dass sich Zatopek vom damaligen sozialistischen Regime in der Tschechoslowakei habe vereinnahmen lassen. Er sei 1953 der kommunistischen Partei KSC beigetreten und später unter dem Decknamen „Macek“ als Mitarbeiter des militärischen Abwehrdienstes (VKR) geführt worden, heißt es.

Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen im August 1968 fiel Zatopek dann wegen Kritik am Regime vorübergehend in Ungnade. Einige Jahre lang musste er sich als Hilfsarbeiter bei einem Brunnenbohrbetrieb durchschlagen.

Am Ende eines Lebens im Laufschritt spielte seine Gesundheit nicht mehr mit, Zatopek erhielt eine Oberschenkel-Prothese, verbrachte die letzten Monate überwiegend im Krankenhaus, zuletzt ohne Bewusstsein. Das Feuer in der Lokomotive war erloschen. In den Herzen der Tschechen brennt es aber für ihn bis heute weiter.

„Seine Läufe haben unser Land berühmt gemacht“, sagte der frühere Staatspräsident Vaclav Havel im Dezember 2000 bei der Trauerfeier. Zatopek hatte derweil nie nach dem ganz großen Ruhm gesucht. Sein berühmtes, leicht achselzuckendes Karriere-Motto: „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft.“ (dpa mit sid)