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Die bizarren Pläne ums fliegende Ei

Football in Deutschland soll populärer gemacht werden: mit einer Europaliga und Teams, die es bislang nicht gab. Nicht nur in Dresden ist man davon wenig begeistert.

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In Sachsen sind die Dresden Monarchs die Football-Könige, hier im Testspiel gegen Wroclaw. Nun gibt es Konkurrenz aus Leipzig von einem Team, das aber noch keine Spieler hat.
In Sachsen sind die Dresden Monarchs die Football-Könige, hier im Testspiel gegen Wroclaw. Nun gibt es Konkurrenz aus Leipzig von einem Team, das aber noch keine Spieler hat. © Archiv: Christian Juppe

Von Ullrich Kroemer

Leipzig. Das Ei soll in gut zwei Monaten auch in Leipzig fliegen. Für den 20. Juni ist der Kick-off der neuen Europaliga im American Football geplant – vorbei an der deutschen Liga GFL mit den Dresden Monarchs, dafür mit dem bislang nicht bekannten Gründungsmitglied Leipzigs Kings. Die neue Franchise-Liga namens ELF umfasst acht Standorte. Darunter mit den Wroclaw Panthers und den Barcelona Dragons zwei internationale Teilnehmer sowie sechs deutsche, unter anderem mit neu aufgelegten Traditionsmarken wie Frankfurt Galaxy und Hamburg Sea Devils. Von 750.000 Euro Franchisegebühr pro Team munkelt man.

Die ELF mag das nicht kommentieren – und trägt damit zu den Zweifeln an der Seriosität und Umsetzbarkeit der neuen Liga bei. In Leipzig etwa gab es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Ende März weder einen Trainer noch Spieler oder eine Spielstätte. In der Sportszene der Stadt und auch im Rathaus wusste man von der ELF nichts. Der Besitzer des neuen Teams ist zudem immer noch unbekannt.

Leipzig ist dabei, hat aber noch gar keine Spieler

Die Marke Leipzig Kings hat die Frankfurter Firma B.G.A. Football Betriebs GmbH, Finanzier des Konkurrenten Frankfurt Galaxy, beim Patentamt eintragen lassen. Zeljko Karajica, früherer Geschäftsführer von ProSiebenSat.1 und Gründer der Europaliga zusammen mit Ex-Profi und -Trainer Patrick Esume, teilte auf Anfrage mit, es sei nicht „hilfreich, jeden Zwischenschritt öffentlich zu kommentieren“. Die Köpfe hinter dem Franchise und weitere Details sollen nun diese Woche präsentiert werden.

Zwar gibt es mit Fred Armstrong inzwischen einen Cheftrainer in Leipzig, doch für eine Football-Mannschaft sind etwa 60 Spieler nötig. Wo die herkommen sollen – Importspieler aus den USA sind nur vier gestattet, weil lokale Helden geschaffen werden sollen – ist aktuell unklar. Weder bei den bestehenden Vereinen in Leipzig, den Lions und Hawks, noch in Dresden bei den Monarchs haben die Leipzigs Kings bislang angefragt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Leipzig dieses Jahr antritt“, sagt Sören Glöckner, Präsident der Monarchs. „Selbst für mittleres GFL-Niveau kann man keine Mannschaft aufbauen, ohne mindestens zehn Wochen zu trainieren.“

Generell würden die Monarchs einen neuen starken Leipziger Klub durchaus begrüßen, Konkurrenz belebt das Geschäft. Doch vom Konzept der ELF hält Glöckner nichts. „Eine professionelle Liga streben wir schon lange an – auch in Europa – aber eine reine Franchise-Liga, die Abkopplung vom organisierten Sport, halten wir für den grundsätzlich falschen Weg. Nicht nur, weil es wirtschaftlich für uns nicht möglich wäre, auf Dauer erfolgreich zu sein“, sagt Glöckner.

Können EFL und GFL nebeneinander existieren?

„Für den kurzfristigen Erfolg von unseren jahrelang aufgebauten Strukturen abzuweichen, halten wir für fatal.“ Kann ein solcher Schnellschuss, wie er unter anderem in Leipzig, aber auch in der ELF generell geplant wird, also gutgehen? „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eine sehr ausgeglichene Premieren-Saison erleben, in der auch die Leipzig Kings eine gute Rolle spielen werden“, entgegnet Esume. Und Karajica sagt: „Wir treten an, um Football die Bühne zu geben, die er auch auf unserem Kontinent verdient.“

Grundsätzliche Kritik äußert die deutsche Liga GFL. Ligavorstand Axel Streich sagt nach zwei Treffen, dass die ELF wenig Interesse am Austausch habe, sich dafür aber an den bestehenden Strukturen bediene: Gleich drei Vereine meldeten nicht mehr für die deutsche Liga. In Elmshorn und Hildesheim verabschiedeten sich die Hauptsponsoren, um lieber in neue Klubs zu investieren.

In Hannover und Ingolstadt platzten solche Franchise-Kooperationen dann kurz vor knapp, sodass diese Teams nun weder in der deutschen noch in der europäischen Liga vertreten sind. In Frankfurt am Main versucht sich das deutsche Ligateam Frankfurt Universe in der GFL zu halten, obwohl ELF-Neugründung Galaxy diverse Spieler und Trainer verpflichtet hat. Auch in Stuttgart wird es nun in GFL und ELF je eine Mannschaft geben.

Gespielt werden soll bei Lok im alten Plache-Stadion

Das auf Vereinen statt Franchises basierende deutsche Ligensystem wird um Jahre zurückgeworfen. „Den Vereinen wurden Ressourcen entzogen, die Spieler sind letztlich die Leidtragenden“, kritisiert Streich. „Der Football insgesamt in Deutschland leidet mehr darunter, als dass er profitiert.“

ELF-Anführer Esume meint, dass beide Systeme „gut nebeneinander bestehen“ könnten: „Football wird in Deutschland immer populärer, die Anzahl der Fans nimmt zu. Unser Ansatz ist es, den Sport zu professionalisieren. Das macht ihn auch für die Protagonisten, nämlich die Spieler, noch reizvoller. Wettbewerb erhöht die Dynamik“, betont er.

Neben den eilig zusammengestellten Mannschaften spielen die meisten Teams jedoch in kleinen Stadien, die eher nach Fußball-Regionalliga als nach großer Football-Welt aussehen. In Leipzig etwa sickerte durch, dass sich die Leipzig Kings wohl bei Traditionsklub 1. FC Lok im angejahrten Bruno-Plache-Stadion einmieten wollen. So wird die ELF bei der Premiere aller Voraussicht nach zunächst in allen Bereichen unter den Standards der GFL liegen.

„Wir werden den Sport als Event inszenieren. Football hat jetzt die Chance, sich weiter zu professionalisieren und zu den wichtigsten Sportarten in Europa aufzuschließen“, kontert Karajica. Die Szene und auch viele Fans schauen ablehnend bis skeptisch zu.