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Das ist der Beste bei Dresdens Football-Meister

K. J. Carta-Samuels führt die Footballer der Dresden Monarchs zum ersten Meistertitel. Dafür meditiert er sogar - ein Porträt des wertvollsten Spielers.

Von Michaela Widder
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In der Ruhe liegt die Kraft. K. J. Carta-Samuels ist der Schlüsselspieler bei den Dresden Monarchs.
In der Ruhe liegt die Kraft. K. J. Carta-Samuels ist der Schlüsselspieler bei den Dresden Monarchs. © Thomas Kretschel

Dresden. Oberkörperfrei und in kurzen Shorts tanzt er auf der Terrasse zu Hip-Hop, lässt seine Muskeln in der Sonne spielen. An der Bushaltestelle auf der Straßenseite gegenüber haben Passanten ihn entdeckt. Und als er die Blicke der Fremden mitbekommt, amüsiert er sich und tanzt mit seinem Teamkollegen noch ein bisschen ausgelassener. Mitten am Tag liefern sie eine spontane Showeinlage im Dresdner Stadtteil Plauen. Nachzuschauen auf Instagram. Absender des Videos ist K. J. Carta-Samuels.

Es ist ein winzig kleiner Ausschnitt aus dem Leben des Footballspielers der Dresden Monarchs. Und diese Minute vermittelt den Eindruck, es ist ein typischer Amerikaner: smarter Typ mit schneeweißen Zähnen und Silberkettchen, das wirkt klischeehaft. Wer sich aber Zeit für Carta-Samuels nimmt, trifft auf einen offenen Menschen mit Tiefgang.

Es ist frisch an diesem Morgen, er trägt eine senfgelbe Wollmütze, die Lippen sind etwas aufgesprungen, seine Haut wirkt blass. Der German Bowl hat seine Spuren hinterlassen. Es sind nicht die Feierlichkeiten der vergangenen Tage, warum er angeschlagen wirkt, sondern eine schwere Erkältung, die den Footballspieler nach dem Sieg gegen Schwäbisch-Hall erwischt hat.

„Ich fühle mich so schlecht wie noch nie, habe doll Halsschmerzen“, sagt der 26-Jährige, der mit vollem Vornamen Kyle James heißt. Das Treffen auf dem Trainingsgelände deshalb ausfallen zu lassen, kommt für ihn nicht infrage. Wer übers Wochenende nach Amsterdam reist, der sagt auch keine Diensttermine vorher ab.

An diesem Donnerstag fliegt Carta-Samuels in seine Heimat nach Kalifornien. Eine Rückkehr, sagt er selbst, ist möglich. Wer ihn kennt, weiß, es ist unwahrscheinlich, dass der Quarterback für den deutschen Meister eine weitere Saison spielen wird. „Es gibt zu viel in der Welt, was ich noch nicht gesehen habe“, sagt er. Sein Spitzname ist der „Traveller“, also der Reisende. Und Reisende soll man nicht aufhalten. Niemand im Team ist so viel in dieser Saison so viel herumgekommen, wie er.

Mehr als 60 Meter kann er den Football werfen.
Mehr als 60 Meter kann er den Football werfen. © Lutz Hentschel

Nur allzu gern würden die Monarchs ihren Spielmacher halten, von dem alle sagen, er ist der beste, den der Verein je hatte. Anders als viele Quarterbacks sieht man Carta-Samuels nur selten mit dem Ball selbst rennen. Er glänzt mit seiner Wurfstärke. Mehr als 60 Meter weit wirft er den ovalen Ball und das so präzise, dass er aus dieser Entfernung in einen Wischeimer zielen könnte. „Ich mache es meinen Mitspielern einfach, den Ball zu fangen“, sagt er.

Trainer Robert Cruse, der als Angriffskoordinator täglich mit ihm gearbeitet hat, schwärmt: „Er kann aus allen möglichen Körperpositionen und Winkeln werfen. Das Spiel ist durch ihn viel dynamischer.“ Der Quarterback habe einen „hochmodernen Football“ mit nach Dresden gebracht. Sein Stil macht ihn zum wertvollsten Spieler des Finals und der gesamten Liga.

Der Weg nach ganz oben ist weit. Wenn die Monarchs gegen ein NFL-Team auflaufen würden, wären die Chancen in etwa so groß, als wenn Fußball-Oberligist Budissa Bautzen bei Bayern München antritt. Doch wie viel fehlt dem 100-Kilo-Mann zur NFL, dem Traum eines jeden Footballspielers? „Die Frage ist, bekomme ich die Chance, es zu beweisen? Schaut sich jemand meine Videos an?“, sagt er schulterzuckend.

Nach dem Triumph von Frankfurt wird er als wertvollster Spieler des German Bowl ausgezeichnet.
Nach dem Triumph von Frankfurt wird er als wertvollster Spieler des German Bowl ausgezeichnet. © Lutz Hentschel

Die Monarchs sind jedenfalls froh, ihn entdeckt zu haben, nachdem er voriges Jahr in Kanada bei einem CFL-Team aus der Pazifik-Metropole Vancouver wegen der Corona-Pandemie keine einzige Partie absolviert hatte. In der Zeit sei er trotzdem gewachsen, meint er. „Ich musste mich viel mit mir allein beschäftigen. Ich mag es, in Verbindung mit mir selbst zu sein.“

Wenn bei anderen Menschen die Komfortzone aufhört, fängt sie bei Carta-Samuels an. Er liebt es, allein zu reisen. Er hat im Herbst vorigen Jahres 72 Stunden nichts gegessen, um mal richtig Hunger zu spüren. Er ist seit fünf Jahren Single und sagt von dieser Zeit: „Es war ein Segen. Erst muss ich mich lieben, dann kann ich andere lieben. Ich verstehe mich jetzt viel besser.“ Seit einigen Jahren meditiert der Amerikaner und ist regelrecht „davon besessen, mein bestes Ich zu finden – körperlich, mental, spirituell und in Beziehungen“.

K. J. Carta-Samuels ist kein Lautsprecher, trotzdem gibt er den Ton an. Eine Kabinenansprache hat er noch nie gehalten, und er würde nicht auf die Idee kommen, wie NFL-Superstar Tom Brady, in der Woche vor dem Super-Bowl-Finale jeden Abend eine SMS an seine Mitspieler mit denselben Zeilen – „we will win“ – zu verschicken. „Ich lasse lieber Taten sprechen. Meine Teamkollegen spüren meine Selbstsicherheit auf dem Platz.“ Seine überragenden Pässe und diese Überzeugung, gegen jeden zu gewinnen, sind zwei Bausteine in der Erfolgssaison der Monarchs.

Mit Ruhe und blindem Vertrauen

„Er ist der Fels in der Brandung“, sagt Cruse, weshalb Carta-Samuels besonders wertvoll ist für die „Bande“ von etwa 60 jungen Männern. „Er strahlt so viel Ruhe aus, und wir haben blindes Vertrauen.“ Der Trainer hat schon oft mit Spielern aus den USA gearbeitet, Carta-Samuels sei mit seiner Offenheit „atypisch für einen Amerikaner“.

Besonders geprägt haben ihn aus seiner footballbegeisterten Familie der Onkel und sein älterer Bruder Austyn (30), mit dem er im kalifornischen San Jose eine Football-Schule für Quarterbacks betreibt. Die nächste Zeit wird er dort Camps leiten und sein Geld verdienen. Nach Arbeit fühlt sich das nicht an. „Ich lebe meinen Traum. Es ist genial, wenn nicht nur ich besser werde, sondern wenn ich auch anderen Talenten zeige, wie ihnen das gelingen kann.“

Die Zeit in Dresden würde er selbst ohne Meistertitel keinesfalls missen wollen. Er hat viele Freunde gefunden und einen Kulturschock erlebt, aber im positiven Sinn. „Bei uns in den USA geht es oft darum, wer das dickste Auto fährt. In Deutschland habe ich das Gefühl, den Menschen sind Erlebnisse wichtiger als materielle Dinge. Das entspricht vielmehr meiner Idee zu leben.“

Carta-Samuels bereiste in der freien Zeit bei den Monarchs Südeuropa und wagte im Sommer sogar einen Fallschirmsprung. Angst kennt er – aber nur die, dass nicht genug Zeit bleibt, alles im Leben auszuprobieren.