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Die neue Corona-Debatte im Fußball

Ein Profi von RB Leipzig fehlt nach positivem Test. Die Diskussion über Länderspiele und Zuschauer wird grundsätzlich.

„Es muss weitergehen", sagt Hans-Joachim Watzke. Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund ergänzt: „Wir brauchen zumindest diese Geisterspiele."
„Es muss weitergehen", sagt Hans-Joachim Watzke. Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund ergänzt: „Wir brauchen zumindest diese Geisterspiele." © dpa/David Inderlied

Von Patrick Reichardt

Die Fallzahlen steigen deutlich an, die Zuschauer werden wieder aus den Stadien verbannt, und auch bei den Profis häufen sich die Infektionen: Die Bundesliga steht vor einem knüppelharten Corona-Herbst mit vielen Fragezeichen. Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, thematisierte bereits das Worst-Case-Szenario für den Profifußball. „Es muss weitergehen. Wir brauchen zumindest diese Geisterspiele. Wenn wir die auch nicht mehr haben sollten, dann wird es ganz eng“, sagte Watzke im ZDF-Sportstudio am späten Samstagabend.

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Eine abrupte Unterbrechung wie Mitte März steht derzeit trotz einer Rekordzahl an Neuinfektionen zwar nicht im Raum. Vereine und Verantwortliche werden sich aber dennoch auf Unannehmlichkeiten einstellen müssen, die sie beim Saisonstart im September noch mit viel Optimismus beiseitegeschoben hatten.

Ein Auszug aus diesem Wochenende: Mehrere Profis, darunter Torjäger Andrej Kramaric von der TSG Hoffenheim, fehlten, weil sie sich in der Länderspielpause infiziert hatten. RB Leipzig verzichtete nach einem positiven Corona-Testergebnis in Absprache mit den Gesundheitsbehörden für das Spiel beim FC Augsburg auf Amadou Haidara. Zuvor war der 22-Jährige mit seinem Nationalteam gegen Ghana im Einsatz gewesen und hatte beim 3:0-Sieg einen Treffer erzielt. Weil die Werte bei ihm laut Verein unterhalb der normalen Nachweisgrenze lagen und er nicht infektiös sei, musste Haidara nicht in Quarantäne. Julian Nagelsmann hofft deshalb, den Mittelfeldspieler zum Champions-League-Auftakt gegen Basaksehir FK am Dienstagabend einsetzen zu können. Er habe aber keine Symptome und sei kein Infektionsherd, betonte Nagelsmann: „Der Ct-Wert ist hoch, das heißt, er ist nicht ansteckend. Das ist gut“, berichtete der Trainer. „Er wird weiter getestet. Wenn die Testung negativ ist, wird er wieder zur Mannschaft stoßen.“

RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann verzichtete fürs Spiel beim FC Augsburg auf Amadou Haidara.
RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann verzichtete fürs Spiel beim FC Augsburg auf Amadou Haidara. © dpa/Matthias Balk

Grundsätzlich aber wird die Luft auch für den Profi-Fußball dünner. Die mit der Politik in harten Verhandlungen erkämpfte Zahl von 20 Prozent Zuschauern waren nur noch in einem von neun Bundesliga-Stadien möglich, in der zweiten Liga wurde schon zum zweiten Mal in dieser Spielzeit eine Partie verlegt, in der 3. Liga betraf es die Partie zwischen Duisburg und Halle.

Alarmierend wirkten die Worte von BVB-Coach Lucien Favre, der mahnte: „Es ist nicht gut, jetzt zu reisen.“ Die Borussia musste gegen Hoffenheim ohne Abwehrspieler Manuel Akanji antreten, der sich ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert hatte. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Bürger angesichts der dynamischen Lage dazu aufrief, Kontakte zu beschränken und weniger zu reisen, sieht der Plan der Klubs in den nächsten Wochen so aus: wöchentlich Europapokal-Reisen, häufig in Risikogebiete, und schon im November der nächste Dreierpack an Länderspielen, die weite Wege quer über den von Corona geplagten Kontinent erfordern.

Genau an diesen Länderspielen stören sich einige Liga-Bosse. Hoffenheims Sportchef Alexander Rosen, den es mit drei Corona-Ausfällen von Nationalspielern am härtesten traf, forderte ein Umdenken. „Das ist ein Ausrufezeichen, das wir jetzt mal setzen müssen, vielleicht als Liga, vielleicht über die DFL, dass wir in der nächsten Abstellungsperiode anders agieren“, sagte Rosen bei Sky. Zur Not müsse man „intensiver drüber nachdenken, die Jungs nicht gehen lassen“. Leipzigs Sportdirektor Markus Krösche beurteilt die Situation ähnlich. „Wenn man die steigenden Zahlen sieht, muss man sich schon Gedanken machen, ob es in der nächsten Abstellungsperiode Sinn macht, abzustellen“, meinte Krösche.

Hoffenheims Sportchef Alexander Rosen fordert ein Umdenken bei Länderspielreisen in Risikogebiete.
Hoffenheims Sportchef Alexander Rosen fordert ein Umdenken bei Länderspielreisen in Risikogebiete. © dpa/Uwe Anspach

Bei den Vereinen klingt zwischen den Zeilen jedoch stets durch: Europapokal-Reisen ins Risikogebiet sind okay, da müssen Länderspiele nicht auch noch sein. Neben infizierten Spielern bleibt vor allem die Zuschauerfrage ein Reizthema. Watzke rechnete im Fernsehstudio vor, was die gestiegenen Corona-Zahlen für die Vereinskasse seines BVB bedeuten: „Schalke wird uns eine Million kosten, gegen Sankt Petersburg das gleiche“, sagte er. „Wir haben eine riesige Kostenstruktur, und wir müssen irgendwann Geld einnehmen.“

In den Tenor, man könne wegen der gründlichen Hygienekonzepte auch bei Grenzwert-Überschreitungen mit Publikum spielen, wollte Watzke nicht einstimmen. „Wir haben ein Konzept vorgelegt und der Politik diese 35 als Zahl angeboten“, sagte der 61-Jährige mit Blick auf den Inzidenzwert, der die Zahl der infizierten Menschen der vergangenen sieben Tage pro 100.000 Einwohner angibt. „Verlässlichkeit heißt, dass wir zu dem Angebot stehen und nicht schon wieder versuchen, nachzuverhandeln“, betonte Watzke.

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Einen Seitenhieb auf die Politik konnte er sich trotzdem nicht verkneifen. Der BVB-Manager kritisierte das seiner Ansicht nach „populistische Fußball-Bashing“, das zuletzt „teilweise aus der Bundesregierung“ gekommen sei. „Ich fand es nicht zielführend“, sagte Watzke über eine Merkel-Aussage zur Bedeutung des Fußballs. Sie hatte gesagt: „Man kann überlegen, ob man bei Fußballspielen weniger Leute oder gar keine hereinlässt.“ Watzke mahnte: „Wir müssen nicht die Frage nach Wichtigkeit stellen, sondern die nach Gefährdungspotenzial.“ Es gebe derzeit keine Hinweise, dass Zuschauer in Stadien für Corona-Ausbrüche verantwortlich sind. (dpa)

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