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Wie Dynamos Kapitän gegen Hass im Netz kämpft

Ein bewegendes Video von Toni Kroos löst in Deutschland eine Debatte über Cybermobbing aus. Sebastian Mai wurde auch bedroht – und lobt die Polizei.

Dynamo-Kapitän ging gegen eine Hassbotschaft vor - und das mit Erfolg.
Dynamo-Kapitän ging gegen eine Hassbotschaft vor - und das mit Erfolg. © dpa/ZB/Robert Michael

Dresden. Toni Kroos schaut starr in die Kamera. Seine Lippen bewegen sich nicht, trotzdem ist seine Stimme zu hören. Was er sagt, oder besser vorliest, ist schwer zu ertragen. Es sind Hasskommentare aus dem Internet, es wird beleidigt und gedroht. Mitunter richten sich die Gewaltbotschaften auch an die Frau und die Kinder.

Kroos ist in diesem Video nicht allein. Dayot Upamecano von RB Leipzig, Ron-Robert Zieler vom 1. FC Köln und weitere Fußballer sind ebenfalls zu sehen und zu hören. Sie werden rassistisch angegangen, ihnen werden schwere Verletzungen gewünscht, in einem Fall rät ein Unbekannter sogar, dem Beispiel von Robert Enke zu folgen. Der unter Depressionen leidende Nationaltorhüter hatte sich 2009 das Leben genommen.

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Das knapp zwei Minuten lange Video, das die Agentur von Kroos-Berater Volker Struth produziert hat, soll aufrütteln und vor allem zeigen: Das sind keine Einzelfälle, treffen kann es nicht nur Fußball-Weltmeister und Bundesliga-Profis, sondern quasi jeden, der die sozialen Medien nutzt.

Eine solche unheilvolle Erfahrung hat auch Sebastian Mai gemacht. Sie liegt einige Zeit zurück, als der Kapitän von Dynamo Dresden noch beim Halleschen FC unter Vertrag stand. „Nach einem Spiel, das wir gewonnen hatten, bekam ich Kommentare bei Instagram. Es wurde gedroht, und es ging um meine Familie. Das war nicht so angenehm“, erinnert er sich.

"Es ist offenbar Teil des Geschäfts"

Dabei kann er einstecken, nicht nur als Verteidiger auf dem Platz. „Dass man mir schreibt, dass ich nicht Fußballspielen kann, kommt immer mal vor. Es ist offenbar Teil des Geschäfts, damit muss jeder Profi leben. Ich stehe da drüber“, erzählt Mai. Doch in dem einen Fall sei eine Grenze überschritten worden. „Als es gegen meine Familie ging, war es mir zu arg. Deshalb habe ich die Polizei eingeschaltet.“

Die Beamten brauchten lediglich ein, zwei Tage, um die Identität des anonymen Schreibers zu ermitteln. Das hat auch Mai überrascht – aber nicht nur das Tempo: „Ich fand es extrem angenehm, dass sie mein Anliegen und mich ernst genommen haben und mir das Gefühl gaben, auf meiner Seite zu stehen.“

Cybermobbing ist in Deutschland zwar keine eigene Straftat, gegen Gesetze verstößt das Verbreiten von Hassbotschaften trotzdem. Ermittelt wird etwa wegen Beleidigung, Bedrohung, Nötigung, übler Nachrede oder Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs. Im Fall von Mai hätte dem Täter eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr gedroht.

„Aber mir ging es gar nicht darum, dass er strafrechtlich belangt wird“, erklärt der 27-Jährige. „Er sollte nur merken, dass er in der Anonymität des Internets keinen Freifahrtschein hat, um irgendwelche Leute zu beleidigen und zu bedrohen.“ Das Schreiben der Polizei zeigte Wirkung, kurze Zeit später bekam auch Mai Post. Der Mann entschuldigte sich für seine Kommentare, sie seien in der Emotion und dem Frust nach dem Spiel entstanden. Wie sich herausstellte, war er Fan der Mannschaft, die gegen den HFC verloren hatte. Mai nahm die Entschuldigung an. Vergleichbares ist ihm seitdem nicht wieder passiert.

Cybermobbing findet meist anonym statt, im Dunkeln. Dynamo-Kapitän Sebastian Mai spricht aber offen über einen Fall.
Cybermobbing findet meist anonym statt, im Dunkeln. Dynamo-Kapitän Sebastian Mai spricht aber offen über einen Fall. © dpa/Robert Michael

Seine Social-Media-Aktivitäten hat er nach den Drohungen nicht eingeschränkt. Er ist nur bei Instagram unterwegs, sagt der Dresdner, Facebook nutze er lediglich, um keinen Geburtstag zu verpassen. „Ich gebe im Internet auch nicht viel Privates preis, dokumentiere nicht jeden meiner Schritte.“ Bei den Stars der Szene ist das mitunter anders und teilweise von den Managern und Vereinen so gewollt. Die Kanäle dienen als Werbeplattformen, auf denen sich die Spieler, die Klubs und Sponsoren präsentieren. Die Zahl der Follower geht in die Millionen, bei Toni Kroos sind es fast 27 Millionen.

Über Instagram bekommt der Weltmeister von 2014 und Profi von Real Madrid nicht nur Hasskommentare, er nutzt die Seite nun, um gegen Cybermobbing vorzugehen. „Ich finde seine Aktion gut, weil es ja nicht nur den Fußball betrifft, sondern den gesamten Sport, die gesamte Gesellschaft“, meint Mai.

Das Video hat Diskussionen und Debatten ausgelöst – bis in allerhöchste Kreise. In einer Videokonferenz redete vor einigen Tagen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Kroos über das Thema. Der Nationalspieler berichtete dabei von eigenen Erfahrungen, etwa nach der WM 2018, als die deutsche Mannschaft bereits in der Vorrunde ausgeschieden war, Mesut Özil wenig später schwere Vorwürfe gegen den Fußballverband erhob und seine Auswahlkarriere beendete – mit einem Brief im Internet. „Ich habe damals gesagt, dass ich den Rücktritt von Mesut in der Art und Weise nicht so gut fand und war dann bei ganz vielen direkt ein Nazi. Blond, blaue Augen – hat alles gepasst für viele Leute“, sagte Kroos.

Er kritisierte, dass bei „der Art der Beleidigung“ mittlerweile eine „ganz andere Dimension“ erreicht worden sei. Steinmeier pflichtete ihm bei: „Die Verrohung hat bei manchen einen Grad erreicht, der nicht nur sie zum Kopfschütteln veranlasst. Aber mit Kopfschütteln ist das Ganze nicht mehr zu erledigen.“ Die Kampagne sei, so Kroos, „eine schöne Geschichte, aber wir sind uns einig, dass es das nicht stoppen wird. Noch wichtiger ist es, weiterzugehen“, betonte er und fragte, was die Politik tun könne.

Sonderstaatsanwaltschaften ermitteln bundesweit

„Es gibt drei Ebenen, auf denen wir reagieren müssen“, antwortete Steinmeier: „Das eine ist Politik, möglicherweise Gesetzgebung. Das zweite ist die Verantwortung der Plattformen und das dritte sind die Teilnehmer, die User.“ Die Gesetzgebung in Deutschland gegen Hass und Hetze im Netz schreite „endlich voran. Es sind Sonderstaatsanwaltschaften gebildet worden, die Strafbarkeit sicherstellen“, erklärte der Bundespräsident.

Kroos präsentierte einen Vorschlag für ein neues Gesetz. Die Anonymität im Netz müsste abgeschafft werden, forderte der 31-Jährige. „Jeder, der ein Profil hat, sollte sein Gesicht zeigen und es sollte erkennbar sein, wer sich dahinter verbirgt. Anonym zu pöbeln sollte nicht mehr möglich sein.“

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Bei Borussia Dortmund gibt es einen eigenen Ansprechpartner, bei dem sich Spieler in Fällen von Hassbotschaften melden können. Bei Dynamo hilft in solchen Fällen die Kommunikationsabteilung. Nicht nur Mai hofft, dass die nie in Anspruch genommen werden muss. (mit sid)

Informationen und Hilfe für Betroffene gibt es hier.

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