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Wie viele Sachsen spielen noch in der Bundesliga?

Maximilian Arnold aus Strehla ist einer der wenigen Sachsen, die noch in der Bundesliga kicken. Dabei war ihm der Weg zu Dynamo schon versperrt.

Maximilian Arnold freut sich am meisten auf die Rückkehr der Fans in die Stadien.
Maximilian Arnold freut sich am meisten auf die Rückkehr der Fans in die Stadien. © Witters/Pool/Voigt/Jan Huebner

Überall sind Sachsen. Nur sind sie kaum als solche auszumachen. Felix Uduokhai zum Beispiel wurde in Annaberg-Buchholz geboren, spielte im Nachwuchs von Erzgebirge Aue und jetzt für den FC Augsburg. Er ist einer der wenigen verbliebenen Fußball-Profis in der Bundesliga. Maximilian Arnold zählt zu den Alteingesessenen, seinen ersten Einsatz hatte er am 26. November 2011. Mit 17 Jahren, 5 Monaten und 30 Tagen ist er bis heute der jüngste Debütant beim VfL Wolfsburg.

Gut zwei Jahre zuvor war er dorthin gewechselt – aus der Jugend von Dynamo Dresden. „Ich hatte richtig Respekt davor, es meinem Trainer zu sagen, habe extra bis nach dem Training gewartet, um einen guten Moment abzupassen“, erzählt Arnold. Erik Schmidt, jetzt Chefcoach beim Bischofswerdaer FV in der Regionalliga, sei über seinen Entschluss „nicht so begeistert“ gewesen. Allerdings spielten Dynamos Junioren damals nur in der Regionalliga, die des VfL in der Bundesliga. Für Arnold war es der nächste logische Schritt.

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Genauso wie der zuvor an die Sportschule nach Dresden, der ihm beinahe verwehrt geblieben wäre. Denn das für den Aufnahmetest vorgeschriebene Training an einem DFB-Stützpunkt hatte er abgebrochen. „Es hat mir nicht so richtig Spaß gemacht, dann bringt es einen nicht weiter. Also habe ich lieber mit meiner Mannschaft beim SC Riesa trainiert“, meint Arnold, verständlich für einen Elfjährigen. Und deshalb sollte er den Test nicht absolvieren dürfen?

Löw hat nie wieder angerufen

Die Nachwuchstrainer Rudi Reiter aus Gröditz und René Schäfer von Dynamo setzten sich für ihn ein, er bekam seine Chance – und hat sie genutzt. Das hieß für den in Riesa geborenen und in Strehla groß gewordenen Jungen allerdings auch: weg von zu Hause. „In der ersten Woche im Internat hat man rumgesponnen, wie cool es ist: Wir können jetzt machen, was wir wollen“, erinnert sich Arnold – genauso wie an das Heimweh, das ihn doch einholte. „Das erste Jahr war wirklich Horror, oft lag ich auf meinem Bett und habe geweint.“ Wenn Dienstag trainingsfrei ist, holt ihn die Mutter früh nach der Schule ab, damit er zu Hause schlafen kann, der Stiefvater bringt ihn morgens wieder rechtzeitig zur Schule.

Seine Botschaft: Wer oben ankommen will, darf sich nicht unterkriegen lassen, egal, was passiert. „Wenn man den Fußball liebt, überwindet man viele Schwierigkeiten. Ich weiß, dass ich von mir selbst am meisten enttäuscht gewesen wäre, wenn ich aufgegeben hätte.“ Diese Hartnäckigkeit ist auch in Wolfsburg gefragt, wo sich der Neue erst einmal einen Namen machen muss. „Der Konkurrenzkampf war viel stärker als bei Dynamo. Das war schon extrem“, sagt Arnold. „Ich habe schnell gemerkt: Ich darf mir nicht alles gefallen lassen, sondern muss mal klare Kante zeigen.“

So setzt er sich durch, spielt bald in der deutschen Nachwuchsauswahl. Die U21 führt er 2017 als Kapitän zum Titel bei der Europameisterschaft. Davor hatte er sogar schon einen Länderspiel-Einsatz, wenn auch nur für etwa eine Viertelstunde im Mai 2014 beim 0:0 gegen Polen in Hamburg – als bislang letzter Sachse, wobei die Herkunft wohl kein Ausschlussgrund ist. Er vermutet eher, Wolfsburg liege zu nördlich. „Der Bundestrainer wohnt ja in Freiburg, vielleicht nominiert er eher Spieler aus dem Süden“, hat Arnold in einem Gespräch mit dem Sportbuzzer augenzwinkernd gesagt.

Sachsen in der Bundesliga

Maximilian Arnold, 26 Jahre

Geburtsort: Riesa, Verein:  VfL Wolfsburg, Position: Mittelfeld, Bundesligaspiele/-tore: 221/27

Leonardo Bittencourt, 26 Jahre

Geburtsort: Leipzig, Verein: Werder Bremen, Position: Mittelfeld/Angriff,  Bundesligaspiele/-tore: 179/22

Ralf Fährmann,  31 Jahre

Geburtsort: Karl-Marx-Stadt, Verein: FC Schalke 04, Position: Torwart, Bundesligaspiele/-tore: 196/0

Tony Jantschke,  30 Jahre

Geburtsort: Hoyerswerda, Verein: Borussia Mönchengladbach, Position: Abwehr, Bundesligaspiele/-tore: 224/5

Philipp Pentke, 35 Jahre

Geburtsort: Freiberg, Verein: TSG 1899 Hoffenheim, Position: Torwart, Bundesligaspiele/-tore: 4/0

Markus Schubert, 22 Jahre

Geburtsort: Freiberg, Verein: FC Schalke 04, Position: Torwart, Bundesligaspiele/-tore: 9/0

Jordan Torunarigha, 23 Jahre

Geburtsort: Chemnitz, Verein: Hertha BSC, Position: Abwehr, Bundesligaspiele/-tore: 52/5

Felix Udokhai, 22 Jahre

Geburtsort: Annaberg-Buchholz, Verein: FC Augsburg, Position: Abwehr, Bundesligaspiele/-tore: 56/1

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Bei ihm hat er jedenfalls seitdem nicht mehr angerufen, trotzdem ordnet der Mittelfeldspieler das sachlich ein: „In den zwei Jahren, in denen wir mit dem VfL in der Relegation gegen den Abstieg kämpfen mussten, hat meine Leistung auch nicht gestimmt.“ Seitdem hat er sich mit Wolfsburg jedoch zweimal für den Europacup qualifiziert und dabei eine zentrale Rolle gespielt. „Natürlich ist das immer noch ein Ziel, das hake ich auf keinen Fall ab“, meint Arnold zu seiner Hoffnung auf weitere Berufungen für die Nationalelf. Mit 26 ist er jetzt im besten Fußballeralter, auch für die auf 2021 verschobene EM. „Aber nicht auf Krampf, man braucht eine gewisse Lockerheit. Wenn es reicht, freue ich mich, wenn es nicht reicht, akzeptiere ich das auch.“

Arnold ist im Fußball so etwas wie ein Exot, hat als Profi bislang für keinen anderen Verein als den VfL gespielt, sein Vertrag läuft bis Juni 2022. Warum passt es in Wolfsburg für ihn so gut? „Ich habe hier Top-Bedingungen, es gefällt mir, wie der Verein aufgestellt ist“, sagt er. Mit seiner Frau Jenny und Sohn Lion, der mit gut einem Jahr den Ball am liebsten noch in die Hände nimmt, fühlt er sich in der Stadt wohl. Und es gibt noch einen Grund: „Es sind mit dem Auto nur zweieinhalb Stunden bis in die Heimat.“ Er ist öfter in Strehla und Riesa, gibt bei Talkrunden Autogramme. „Ich weiß schon, wo ich herkomme, und bin stolz darauf.“ Die Fans fehlten ihm am meisten in der Corona-Zeit.

„Ich habe mich damit arrangiert“, sagt Arnold, „aber ich freue mich so sehr darauf, dass die Leute endlich wieder ins Stadion dürfen. Dafür spielt man Bundesliga, das ist das schönste Gefühl: Wenn du rauskommst, nach rechts und links schaust, und es sind 30.000 Zuschauer da. Das fehlt einfach unfassbar.“ Deshalb sei es schwierig, Prognosen abzugeben. „Es wird wieder keine normale Saison, also geht es darum, wer sich am besten auf die Situation einstellen kann.“

Mehr Fingerspitzengefühl gewünscht

Natürlich hat er verfolgt, was zum Ende der Vorsaison bei und mit Dynamo passiert ist: Corona-Fälle, Quarantäne, Terminstress, Abstieg. „Das war sehr bitter, sehr schade. Sie hätten ohne die Umstände eine Chance gehabt, aber mit dem Mammutprogramm war es nicht zu schaffen. Da fehlte mir ein bisschen das Fingerspitzengefühl“, sagt Arnold. Obwohl er nie als Profi für die Schwarz-Gelben gespielt hat, schaut er gerne auf den Verein, wie er betont. „Ich könnte mir absolut vorstellen, dort noch mal zu spielen, wenn sich die Möglichkeit ergibt.“

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Dafür müsste Dynamo aber wohl aufsteigen – und das gleich zweimal. Vorerst ist RB Leipzig der einzige wie umstrittene sächsische Verein in der Bundesliga. Immerhin gehören nun mit dem in Freital geborenen Torwart Tim Schreiber und Stürmer Dennis Borkowski, der wie Arnold beim SC Riesa gespielt hat, zwei 18 Jahre alte sächsische Talente neu zum Profi-Kader der Rasenballer. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sie eingesetzt werden.

Es kommen eben nur wenige ganz oben an. Deshalb sei die Schule das Wichtigste, betont Arnold. Wie die Liste der verbliebenen Sachsen in der Bundesliga zeigt.

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