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Profifußball wehrt sich gegen Geisterspiele

Der erste Bundesligist hält sie für juristisch angreifbar und fürchtet einen Umsatzrückgang von bis zu 70 Millionen Euro.

In Deutschland wächst der Unmut gegen den Fanausschluss im November. Ein Klub meldet jetzt rechtliche Bedenken an.
In Deutschland wächst der Unmut gegen den Fanausschluss im November. Ein Klub meldet jetzt rechtliche Bedenken an. © dpa/Fabian Strauch

Von Frank Hellmann

Frankfurt am Main. Zu Beginn des Geisterspielbetriebs verzichtete Eintracht Frankfurt auf jeglichen Firlefanz auf den Rängen – keine Pappkameraden, keine Werbeplakate. Das erneute Zuschauerverbot beförderte ein Umdenken: Beim 1:1 am Samstag gegen den SV Werder Bremen waren über die Gegentribüne und die Kurven große Banner gespannt – von Jürgen Grabowski mit dem DFB-Pokal 1974 und 1975 über Harald Karger mit dem Uefa-Pokal 1980 bis hin zu Ante Rebic beim DFB-Pokal-Erfolg 2018. Im Fernsehen wirkt es dann doch besser, wenn Frankfurter Helden – und die Eintracht-Sponsoren – zu sehen sind statt lauter leerer Schalensitze.

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...und lassen Sie sich elektrisieren.

Trotzdem bleibt auch dieser Anblick für Axel Hellmann schwer erträglich. Als erster Vorstand eines Bundesligisten meldete er nun rechtliche Bedenken an. „Ein kompletter Zuschauerausschluss stellt einen so starken Eingriff in die Rechte dar, dass ich das für nicht verhältnismäßig und für juristisch angreifbar halte. Vor allem, wenn man sich die eher dünnen Rechts- und Entscheidungsgrundlagen, auf denen das jeweils fußt, vor Augen hält“, sagte der 49-Jährige in einem Kicker-Interview. Gegenwärtig sei noch keine Klage geplant, aber mal sehen, wie lange der Lockdown noch dauere, teilte der Jurist auf Anfrage mit.

Der gut vernetzte Funktionär stört sich an Symbolpolitik und vermisst Augenmaß: „Wir können nicht warten, bis uns ein Impfstoff in eineinhalb oder zwei Jahren wieder volle Stadien erlaubt. Wir müssen jetzt einen Umgang finden mit der Situation bei vertretbarem Risiko. Dafür plädiert in der Bundesliga eigentlich jeder.“

Gemäß eines ausgeklügelten Zuschauerkonzeptes hatte die Eintracht mit Genehmigung der örtlichen Gesundheitsbehörden gegen Arminia Bielefeld und die TSG 1899 Hoffenheim 6.500 und 8.000 Besucher in der 51.500 Plätze bietenden Arena begrüßt. Sie verhielten sich äußerst diszipliniert. Das weitläufige Areal im Stadtwald machte das Abstandhalten einfach. Nicht mal Familien saßen zusammen.

„Durch das Feedback des Gesundheitsamts, des Gesundheitsdezernenten und der Uniklinik Frankfurt wissen wir, dass es nicht einen nachvollzogenen Infektionsfall bei unseren Besuchern gab“, betont er und folgert: „Vom Stadionbesuch in der jetzigen Form geht also keine über das allgemeine Risiko hinausgehende Gefahr aus.“

Andere Sportarten leiden heftiger

Hellmann sieht sich dabei auch als Anwalt anderer Sportarten, die unter dem Publikumsausschluss noch viel heftiger leiden als der Profifußball, der knapp 13 Prozent seiner Erlöse darüber generiert. In der Deutschen Eishockey-Liga oder Handball-Bundesliga machen Zuschauereinnahmen rund ein Drittel aus. „Wenn man nicht will, dass der gesamte Profisport zerstört wird, muss man sich mit tragfähigen Konzepten arrangieren“, fordert er. Es geschieht nicht zufällig, dass der Klub am Stammsitz der Deutschen Fußball-Liga (DFL) mit derart geharnischter Kritik vorprescht.

Denn der Grat ist schmal, auf dem der Profifußball mit seinem Sonderstatus wandelt. DFL-Aufsichtsratschef Peter Peters verlangte, man müsse „eine faktenorientierte Diskussion zulassen“. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert mahnte an, unbedingt „Moral, Zuversicht und eine positive Zukunftsprognose für viele Menschen“ zu bewahren. Mit zu absoluten Forderungen hielt sich die beiden DFL-Spitzenfunktionäre zurück, denn ohne Verbindungen in höchste politische Kreise hätte die Bundesliga nicht so früh im Mai den Neustart hinbekommen.

Sportvorstand Fredi Bobic, bestens mit Seifert verdrahtet, artikulierte seinen Ärger über „unverhältnismäßige“ Entscheidungen. Er könne den Zwang zu neuen Geisterspielen nicht verstehen, „wenn das gesittet abläuft, wie es in allen Stadien abgelaufen ist“.

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Mit einem Zuschauerausschluss von unbekannter Dauer vergrößern sich die finanziellen Nöte sogar für diejenigen, die wie Eintracht Frankfurt zuletzt üppige Überschüsse erwirtschafteten. Hellmann gibt zu, für die zweite Halbserie nahezu mit einer Vollauslastung der Arena geplant zu haben. Man käme „in der laufenden Saison ganz schnell auf 50 bis 70 Millionen Euro, wenn auch die Rückrunde weitgehend ohne Zuschauer verläuft“. Das sind gruselige Aussichten – auch für den gehobenen Mittelstand der Fußball-Bundesliga.

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