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„Wir sind Borderliner im positiven Sinne“

Julian Nagelsmann geht in seine zweite Saison als Trainer von RB Leipzig und spricht über neue Erfahrungen und Ziele.

Der Blick geht nach oben, der Weg dahin ist noch weit – findet jedenfalls
RB-Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann.
Der Blick geht nach oben, der Weg dahin ist noch weit – findet jedenfalls RB-Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann. © David Ramos/POOL GETTY/AP/dpa

Man kennt Julian Nagelsmann als mutigen Draufgänger der Bundesligaszene, der seine Ziele eher optimistisch als defensiv formuliert. Gemessen daran gibt sich der 33-Jährige vor seiner zweiten Saison nachdenklich. Im ausführlichen Gespräch formuliert er seine Bedenken, mit RB Leipzig auf Sicht Borussia Dortmund und Bayern München zu attackieren.

Herr Nagelsmann, Sie haben sich jüngst eine Ducati Multistrada bestellt. Im Werbetext des Motorrad-Herstellers heißt es: „Erweitern Sie Ihre Komfortzone!“ Ein Zeichen Ihres Wohlbefindens?

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Motorradfahren ist eine Leidenschaft von mir. Schon immer gewesen.

Sind Sie eher Cruiser oder Racer?

Die Größe der Ritzel beeinflusst die Charakteristik der Maschine, ob es eher Richtung Endgeschwindigkeit oder Fahrkultur geht. Ich mache eher etwas in Richtung Fahrkultur – genau richtig für mich. Ich bin kein Sportfahrer und auch kein Raser. Motorradfahren hat für mich eher meditativen Charakter.

Sie haben vergangenes Jahr gesagt, dass Sie mit dem Motorrad ungern auf die Straßen in und um Leipzig wollen. Jetzt ist die Lust doch erwacht. Ein Rückschluss darauf, dass Sie dieses erste Jahr bei RB verändert hat?

Ich finde nicht, dass ich mich verändert habe. Natürlich machst du bei einem neuen Klub neue Erfahrungen, lernst andere Menschen kennen, musst sie von deinem Stil überzeugen. Daran reift man. Aber ich habe keine Wandlung als Mensch durchgemacht, das wäre auch nicht authentisch. Ich bin grundsätzlich ganz zufrieden mit mir und meinem Umfeld.

Sie umgeben sich gern mit Menschen, die Ihnen mit Fachwissen oder Expertisen Input geben können, für sie als Mensch und Ihre Arbeit als Fußballtrainer.

Stimmt, in der Fußballbranche ist es extrem schwer, sich weiterzuentwickeln, weil du a) wenig Zeit hast und b) die Selektion von Leuten nicht ganz einfach ist, weil immer Geld im Spiel ist und oft nicht klar ist, was die wahre Motivation ist. Für mich ist es wichtiger, mich mit Leuten zu umgeben, die was draufhaben, als mit lauter Jasagern, bei denen ich als der große Macher im Mittelpunkt stehe. Da bliebe der Erfolg irgendwann auf der Strecke. Ich suche deshalb immer Leute, die in Ihren Teilbereichen mehr Ahnung haben als ich.

Ist zuletzt jemand hinzugekommen?

Ich habe keinen Lebensberater, der mir sagt, wie ich mit meiner Frau zusammenleben oder meine Kinder erziehen soll. Trotzdem habe ich einen Coach, der mich in fußballfernen Themen berät wie zum Beispiel Emotionsregulation oder Entspannung. Zudem habe ich einen neuen Berater, das ist bekannt. Und beruflich habe ich mit Dino Toppmöller und Xaver Zembrod zwei neue Assistenztrainer, die mit ihrer Erfahrung, Ausstrahlung und Einstellung zum Leben mithelfen, dass wir ein gutes Team sind und das Gefüge funktioniert.

Sie haben lange mit Marc Kosicke gearbeitet, der auch Jürgen Klopp vertritt. Wieso ein neuer Berater?

Ich habe elf lange, gute Jahre mit ihm verbracht. Aber wie bei manch einer Freundschaft erzählt man sich irgendwann keine neuen Dinge mehr. Letztendlich geht es für mich darum, mich immer weiterzuentwickeln, also neuen Input zu bekommen, neues Feedback, neue Meinungen, um besser zu werden. Ein anderer Blickwinkel im medialen Kontext oder Rückmeldungen über mein Auftreten im Stadion beziehungsweise wie ich mit Spielern spreche. Neue Leute, neue Ideen – darum ging es mir.

Früher war der Berater jemand, der einem einen neuen Job sucht. Das hat sich offenbar geändert?

Das ist schon noch ein Teil des Berufsstandes, das ist ja selbsterklärend. Aber das war nicht der Grund für meinen Beraterwechsel. Ich habe hier einen Vertrag, sitze nicht auf heißen Kohlen. Für mich ist ein Berater ein Mensch, der mich ganzheitlich berät und unterstützt, damit ich mich aufs Tagesgeschäft konzentrieren kann.Ihr neuer Berater hat vor allem gute Kontakte in den spanischen Fußball. Ist das ein Fingerzeig?Er ist überallhin gut vernetzt. Das ist sein Job.

Wenn Sie auf Ihr erstes Jahr zurückblicken, vor allem auf das Champions-League-Turnier in Lissabon: Welche Veränderung nehmen Sie an Ihrer Mannschaft wahr?

Im Spiel gegen Atlético war sie mutig und hatte keine Ehrfurcht vor diesem sehr großen Namen. Fünf Tage später waren wir nicht mehr so mutig. Da hat die Umsetzung meiner Idee nicht hundertprozentig gepasst. Ich muss aber zugeben, auch meine Idee nicht ganz so. Ein Spiel ist eben immer eine Mischung aus Trainer und Team. An dem Tag waren wir einfach nicht gut. Aber ich habe gelernt, dass wir auch mal eine Woche weniger Training haben und trotzdem gute Spiele machen können, wie gegen Atlético.

Der Eindruck von außen in den vergangenen Jahren war häufig der: Gegen die ganz großen Klubs fehlt immer etwas. Wie sehen Sie das aus der Binnenperspektive?

Das Gefühl ist schon so. Am Ende geht es um Qualität und Entwicklung. Die Philosophie, die dieser Verein hat, auf der einen Seite auf dem Transfermarkt nur entwicklungsfähige Spieler zu holen und auf der anderen Seite international zu spielen, ist ein herausforderndes Spannungsfeld. Entwicklung ist ein Prozess und braucht Trainingsarbeit. Aber die Pflicht und der Wunsch, international zu spielen, nimmt diese Entwicklungszeit weg. Durch die vielen Spiele haben wir kaum Zeit, inhaltlich zu trainieren. Das ist eine Schere, die auseinanderklafft.

Also?

Man muss bei jungen Spielern Leistungslöcher einkalkulieren. Es wird Punktverluste geben, du wirst nur schwer ganz oben ankommen können. Robert Lewandowski muss – bei allem Respekt – nicht mehr wirklich etwas trainieren. Der kann alles. Er muss nur so trainieren, dass er am Wochenende frisch ist und Bock hat. Dazu kommt, dass wir auch in das ganz obere Regal der international begehrten jungen Top-Spieler nicht mehr greifen können. An dem Punkt sind uns Dortmund und Bayern voraus. Demnach werden wir diese Teams, wenn es normal läuft, nicht schnappen können. Aber wir sind Borderliner im positiven Sinne, versuchen immer, an die Grenzen zu gehen und hoffen, dass die Konkurrenten mal eine schwache Phase haben. Dann müssen wir da sein.

Also auf ewig Dritter in der Liga, maximum?

Wir müssten zwei Jahre Training haben und die anderen international spielen, dann würden wir unsere talentierten Spieler maximal entwickeln können und vielleicht herankommen. Aber die Bayern wären dennoch schwer zu schnappen.

Wirken Sie auf Oliver Mintzlaff und Markus Krösche ein, doch mal einen fertigeren Spieler zu kaufen?

Natürlich führen wir täglich Gespräche und sprechen über unseren Kader und mögliche Neuzugänge. Aber man muss auch ehrlicherweise sagen, dass ich gewusst habe, welche Transferphilosophie der Klub hat, als ich hier unterschrieben habe. Ich war da bei klarem Verstand und identifiziere mich auch mit der Philosophie und der Arbeit mit jungen Spielern.

Aber?

Ich argumentiere schon mal, was uns ein erfahrener Spieler bringen kann, habe aber kein Problem damit, wenn der Klub sagt, dass ein 28-Jähriger keinen Mehrwert bei einem Weiterverkauf bringt. Ich akzeptiere das, wenn wir alle gemeinsam auch mal Niederlagen akzeptieren. Aber mir ist auch bewusst: Wenn wir Fünfter oder Sechster würden, wäre das für alle Beteiligten eine Enttäuschung. Diesen Druck nehme ich auch auf mich.

Sie haben die Leistung der Vorsaison mit 3+ bewertet. Warum so kritisch?

Ich habe nicht der Mannschaft eine 3+ gegeben. Ich habe das ganze erste Jahr bewertet: mit Transfers, dem Zusammenfinden im immer weiter wachsenden Klub, Corona, Fußball ohne Fans, der fußballerischen Entwicklung und auch mich betreffend. Alles zusammen betrachtet, war es nicht besser als eine 3+.

Wie zufrieden sind Sie aktuell mit dem, was Ihnen bei RB geboten wird?

Wenn wir keinen Spieler mehr holen, haben wir trotzdem eine gute Mannschaft. Ich bin sehr zufrieden mit den Spielern und arbeite sehr gern mit ihnen. Aber es ist kein Selbstläufer, unter die ersten Vier zu kommen. Wir haben durch die Abgänge von Timo Werner und Patrick Schick viel Torgefahr verloren. Da liegt es auf der Hand, dass ich als Trainer gerne noch ein bis zwei Spieler für die Offensive hätte, die mir Tore garantieren.

Wie erklärt sich für Sie, dass RB in diesem Sommer maximal 30 Millionen Euro für neue Spieler investieren kann?

Es waren in den letzten zwei, drei Jahren neben vielen guten, auch einige teure Transfers dabei, die nicht so eingeschlagen haben. Kein Vorwurf: Der Transfermarkt, auf dem wir uns bewegen, ist immer auch ein Glücksspiel. Aber Marcelo Saracchi, Luan Candido, Hannes Wolf oder Ademola Lookman haben eben einiges gekostet (50 Millionen Euro, Anm.d.Red.) und nicht viel gespielt. Deshalb müssen wir uns bei Neuzugängen natürlich in einem gewissen Rahmen bewegen.

Wie muss unter diesen Umständen dennoch das nächste Level für Leipzig sein?

Ich weiß gar nicht, ob wir zwingend ein nächstes Level brauchen. Es ist nach den Abgängen von Werner und Schick Ziel genug, das jetzige Niveau zu halten, wieder Dritter zu werden und erneut gut in der Champions League abzuschneiden. Natürlich wollen wir alle hoch und weit, aber da muss alles zusammenpassen. Wir haben eine sehr gute Saison gespielt, mit Ausnahme des DFB-Pokals, und werden dieselben Ziele wieder verfolgen.

Das klingt, als bauten Sie einer Saison vor, die vielleicht nicht nach Plan verläuft.

Nein, das tue ich damit nicht. Wir wollen uns immer weiterentwickeln. Aber woran macht man das fest? Natürlich können wir inhaltlich stabiler spielen als nach dem Restart. Wir müssen versuchen, mehr hohe Ballgewinne zu generieren, was nicht einfach ist, weil viele Gegner Langholz gegen uns spielen. Es gibt weitere Themen, im Ballbesitz noch besser zu werden, bessere Rhythmuswechsel. Das hat Potenzial, aber tabellarisch sehe ich einen nächsten Schritt als schwierig an. Wir wollen wieder in die Champions League kommen, das ist ambitioniert genug.

Sie kleben sich Zettelchen an den Badspiegel, um spontane Eingebungen festzuhalten. Was steht da gerade drauf?

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Wir hatten im vergangenen Jahr aufgrund der vielen Spiele nur zwölf Wochen inhaltliches Training und sind lange noch nicht da, wo wir hinkommen können in den neuen Dingen, die ich mit reingebracht habe und auch im Festigen der RB-Philosophie. Auch daran arbeiten wir, dass wir bei Gegenpressing- und Umschaltsituationen wieder auf das Niveau der Hinrunde kommen. Und auch daran, dass wir bei eigenem Ballbesitz viele Torchancen herausspielen. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden, sondern es gibt genug zu festigen. Dafür brauche ich aktuell keine Badspiegel-Zettel.

Interview: Ullrich Kroemer und Martin Henkel

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