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Die Red-Bullisierung der Bundesliga

Ein Großteil der Trainer in der Fußball-Bundesliga hat eine Vergangenheit bei Red Bull Salzburg. Was zeichnet den Klub aus? Und was bedeutet das für Deutschland?

Was den gebürtigen Leipziger Marco Rose (links) und Adi Hütter aus Österreich verbindet? Eine erfolgreiche Zeit bei RB Salzburg.
Was den gebürtigen Leipziger Marco Rose (links) und Adi Hütter aus Österreich verbindet? Eine erfolgreiche Zeit bei RB Salzburg. © Archiv: dpa/Arne Dedert

Von Marc Stevermüer

Salzburg. Die prominentesten Spieler heißen Erling Haaland und Sadio Mané. Der eine schießt mittlerweile für Borussia Dortmund seine Tore, der andere für den FC Liverpool. Doch wie viele andere Fußball-Stars in den europäischen Topligen erhielten die beiden Ausnahmestürmer den Feinschliff für ihre Laufbahn woanders. In Österreich, beim FC Red Bull Salzburg, der sich einen Namen als Drehkreuz für Talente gemacht hat.

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Viele Nachwuchskräfte nutzen das Fußball- und Werbeprojekt des Brause-Milliardärs Dietrich Mateschitz als Sprungbrett, und das mit Erfolg. Doch längst geht dieser Ansatz weit über das kickende Personal hinaus. Der Klub aus der Mozartstadt hat es sich zum Ziel gemacht, die nächste Generation nicht mehr nur auf dem Spielfeld zu entwickeln, sondern auch daneben.

Seit einigen Jahren gelingt das herausragend. In Salzburg ausgebildete Trainer sind gefragt, insbesondere in der deutschen Bundesliga. Frank Kramer (Bielefeld), Oliver Glasner (bislang Wolfsburg, ab Juli Frankfurt), Adi Hütter (Frankfurt, ab Juli Mönchengladbach), Marco Rose (Mönchengladbach, ab Juli Dortmund) und Bo Svensson (Mainz) haben allesamt eine Vergangenheit im österreichischen Red-Bull-Kosmos, sei es im Salzburger Jugend- und/oder Profibereich. Oder – wie im Fall von Svensson – beim Kooperationspartner FC Liefering. Zur neuen Saison kommt nun noch Jesse Marsch bei RB Leipzig dazu.

Überfallartiges Pressing und Umschaltspiel in höchstem Tempo

Einer, der all diese Trainer auf ihrem Weg nach Deutschland mehr oder weniger direkt begleitet hat, ist Christoph Freund. Seit 2006 arbeitet er beim österreichischen Serienmeister. Zunächst als Teammanager, dann als Sportkoordinator und seit 2015 als Sportdirektor.

Die Trainer-Position bezeichnet er als die wichtigste im sportlichen Bereich. „Man muss bedenken, dass der Cheftrainer es jeden Tag mit rund 50 Personen – Spielern und Betreuern – zu tun hat und extrem viele Interessen unter einen Hut bringen muss. Da sind neben einem großen sportlichen Wissen auch Managerqualitäten und hohe Sozialkompetenz gefragt“, sagt Freund und macht klar: „Wenn wir den Eindruck haben, dass es einem Kandidaten nicht gelingt, die Mannschaft hinter sich zu bringen und positive Energie zu vermitteln, dann reden wir erst gar nicht über fußballerische Inhalte.“

Zudem, verdeutlicht der 43-Jährige, stehe Red Bull „für eine klare Spielphilosophie“ und suche „Trainer aus, die von dieser Art und Weise des Fußballs überzeugt sind“. Zu den wesentlichen Elementen, zum Markenkern der Spielidee gehören: ein überfallartiges Pressing und Umschaltspiel in höchstem Tempo. Verordnet und implementiert von einem gewissen Ralf Rangnick, der von 2012 bis 2015 als Sportdirektor beim von Traditionalisten kritisch beäugtem Projekt in Salzburg wirkte und dessen Vorstellungen bis heute vererbt werden.

Wenn man also so will, hat der ehemalige Trainer der TSG Hoffenheim die eigentliche Identität, die ureigene DNA des Red-Bull-Fußballs geschaffen, weshalb sein Name unweigerlich mit dem Erfolg verbunden ist. Das weiß auch Freund zu schätzen: „Unter Ralf hat der FC Red Bull Salzburg den bis jetzt sehr erfolgreichen Weg mit jungen Spielern und einer klaren Spielphilosophie eingeschlagen, den wir bis heute konsequent fortführen und versuchen, immer weiter auszubauen.“

Die besonderen Red-Bull-Strukturen

Das klappt bislang eindrucksvoll, weshalb Rangnick schon 2019 mit einer gewissen Genugtuung die Red-Bullisierung der deutschen Bundesliga kommentierte: „Offensichtlich ist es ein Qualitätsmerkmal für andere Vereine, wenn man bei uns zwei Jahre gearbeitet hat, sonst würden sich die anderen Klubs nicht so sehr um diese Trainer bemühen.“ Mit „uns“ meinte er damals übrigens nicht nur Salzburg, sondern auch den deutschen Ableger Leipzig. Bei deren Profis arbeitete zuletzt der künftige Bayern-Trainer Julian Nagelsmann, Hoffenheims Coach Sebastian Hoeneß war im Nachwuchsbereich der Leipziger tätig.

Daniel Niedzkowski verfolgt die Entwicklung im Trainergeschäft aufmerksam, natürlich auch die in Salzburg. Der 44-Jährige leitet den Fußballlehrer-Lehrgang des Deutschen Fußball Bundes (DFB), er ist der Chefausbilder. Und seiner Meinung nach bedarf es mehrerer Dinge, damit Karrieren so wie die von Hütter, Rose und Co. verlaufen. „Das Potenzial muss grundsätzlich vorhanden sein, es muss systematisch entfaltet werden und die Entwicklungsschritte müssen passen. RB scheint in allen drei Bereichen viel richtig gemacht und vor allem hervorragend gescoutet zu haben“, sagt Niedzkowski.

Außerdem böten die Strukturen bei Red Bull mit permanenter Youth-League-Teilnahme, dem FC Liefering als Partner in der 2. österreichischen Liga und der Verbindung zu RB Leipzig als Bundesliga-Klub in Deutschland „beste Voraussetzungen für systematische Weiterentwicklung und sinnvolle Schritte der Trainer innerhalb der Organisation“.

Nicht nur nach dem jüngst mit Manchester City verlorenen Champions-League-Endspiel sprachlos, sondern auch nach einer Testspielpleite mit den FC Bayern: Trainer Pep Guardiola.
Nicht nur nach dem jüngst mit Manchester City verlorenen Champions-League-Endspiel sprachlos, sondern auch nach einer Testspielpleite mit den FC Bayern: Trainer Pep Guardiola. © Pool Reuters/AP

Als Rangnick vor neun Jahren damit begann, das Fußball-Imperium des Brause-Unternehmens nach seinen Vorstellungen auf- und umzubauen, machte er in Salzburg Roger Schmidt zum Trainer. Und der brachte eineinhalb Jahre später einen Mann zum Staunen, der als das Nonplusultra seiner Zunft gilt: Pep Guardiola. „Ich habe in meiner Karriere noch nie gegen eine Mannschaft gespielt, die mit so einer hohen Intensität gespielt hat wie Red Bull Salzburg“, schwärmte der Katalane im Januar 2014.

Damals war er Trainer des FC Bayern, der gerade ein Testspiel gegen die Österreicher mit 0:3 verloren hatte. Einer der Torschützen: Mané, der über Southampton in Liverpool landete, während Schmidt 2014 Trainer bei Bayer Leverkusen wurde. Sein Assistent dort: Niedzkowski.

„Die Zusammenarbeit mit Roger, den ich für einen herausragenden Trainer halte, hat mich persönlich definitiv geprägt“, blickt Niedzkowski zurück und berichtet, dass Elemente von Schmidts Spielidee auch Teil der Trainer-Ausbildung beim DFB seien. „Allerdings nicht unter dem Aspekt, dass das der ,richtige‘ Weg ist, Fußball zu spielen, sondern als Beispiel für eine konsequent gedachte und weiterentwickelte Spielidee, in der bestimmte Merkmale auf die Spitze getrieben worden sind.“ Die Stichworte: Pressing, Gegen-Pressing, den Gegner jagen, ihn stressen. Typische Red-Bull-Stilmittel eben.

Es werden lediglich Leitplanken gesetzt

Doch was passiert eigentlich mit einer Liga, wenn diese von Trainern mit gleicher Spielidee geprägt wird, wenn – wie in Deutschland – ein Drittel der Erstliga-Coaches ihre Philosophie in Salzburg mindestens vertieften? Verhindert das Fortschritt? Sorgt das für Langeweile? Oder gar Berechenbarkeit? Freund ist das zu pauschal, zu oberflächlich gedacht. „In jedem System gibt es, wenn man genau hinsieht, viele Unterschiede. Beim FC Red Bull Salzburg hat ein Adi Hütter einen ähnlichen, aber doch in manchen Bereichen deutlich anderen Fußball gespielt, als es etwa Marco Rose oder Jesse Marsch getan haben.“

Soll heißen: Der Klub setzt lediglich „Leitplanken, die zum Ziel führen sollen“. Aber innerhalb dieser gebe es oft gravierende Unterschiede und Neuerungen, betont der Sportdirektor. Niedzkowski sieht es ähnlich: „Alle Trainer, die über die Organisation RB in der Bundesliga gelandet sind, haben ihren ganz eigenen Stil und ihre eigene Persönlichkeit. Sie sind bei Weitem nicht auf diese eine Ausprägung der ursprünglichen Spielidee der RB-Teams beschränkt und der Fußball, den ihre Mannschaften aktuell spielen, ist total unterschiedlich angelegt.“

Am Ende kommt aber auch Niedzkowski auf einen alten Bekannten der Bundesliga zu sprechen, an dem offenbar kein Weg vorbeiführt: „Die Elemente der RB-Spielidee, die Ralf Rangnick ja schon deutlich vor seiner Zeit im Red-Bull-Kontext geprägt hat, sind aus meiner Sicht eine sehr gute und effektive Basis für eine aktive, mitreißende und erfolgreiche Spielweise.“

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