merken
PLUS Sport

Der Influencer unter den Handball-Profis

Nils Kretschmer finden 66.300 Menschen so interessant, das sie ihm auf Instagram folgen. Doch in Dresden will man ihn nicht mehr. Das motiviert ihn zusätzlich.

Nils Kretschmer ist Handball-Profi. In seiner Freizeit zieht er sich gern stylisch an. Es ist so etwas wie sein Zweitjob. Denn vielen Menschen gefällt das.
Nils Kretschmer ist Handball-Profi. In seiner Freizeit zieht er sich gern stylisch an. Es ist so etwas wie sein Zweitjob. Denn vielen Menschen gefällt das. © privat/Instagram

Dresden. Die Geschichte von Nils Kretschmer und dem HC Elbflorenz Dresden ist eine ziemlich lange – und der Zwei-Meter-Hüne vielleicht so wichtig wie noch nie für seine Mannschaft. Der 28-Jährige spielt bereits seine sechste Saison in Dresden, doch es wird seine letzte sein. Der Verein will es so. Der im Sommer auslaufende Vertrag mit dem gebürtigen Lübecker wird nicht verlängert. Dabei tritt Kretschmer seit Wochen nun schon in bestechender Verfassung auf: eiskalt am Siebenmeter-Punkt, treffsicher aus dem Rückraum, zuverlässig und meist hart zupackend in der Abwehr. Gibt es da etwa einen Zusammenhang?

„Mir hat man klar gesagt, dass es für mich ab Sommer in Dresden nicht weitergeht“, erklärt Kretschmer. Eine Begründung dafür gab es nicht. „Im Prinzip muss das nicht sein, aber ich hätte mir schon das eine oder andere Wort mehr gewünscht. Nach den sechs Jahren und dem Aufstieg“, sagt der Rückraumspieler, einer der dienstältesten Profis im Verein. Doch auch ihm ist klar: „So ist das Geschäft. Du kannst auch der Beste sein, wenn der Verein dann sagt: Du bist zu alt, zu teuer. Es gibt ja tausend Gründe – auch neben dem sportlichen Wert, ob du gut oder schlecht spielst.“

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Gegen Kretschmer mag aus Sicht des Vereins gesprochen haben, dass er zuletzt lange und auch häufiger verletzt gewesen ist. „Es muss sich keiner rechtfertigen oder beleidigt sein. Ich hätte mich auch nicht rechtfertigen müssen, wenn ich Dresden hätte verlassen wollen“, sagt Kretschmer.

„Jetzt fühle ich mich frei“

Doch er gesteht, dass ihn die Entscheidung kalt getroffen hat. „Ich bin danach schon in kleines Loch gefallen, hatte zwei, drei Tage lang gar keine Emotionen. Da war ich komplett leer“, sagt er.

Aus dem Status des Aussortierten hat er nun offenbar neue Motivation gezogen. Inzwischen zählt er regelmäßig zu den treffsichersten Spielern. „Ich bin wieder fit, kann wieder Handball spielen, kann wieder voll auftrumpfen. Auf der anderen Seite fällt auch der Druck, die Last ab. Du kannst im Prinzip machen, was du willst“, sagt Kretschmer. Er hat sich entschieden, „den Leuten in der Geschäftsstelle, die die Entscheidung getroffen haben, zu zeigen, was sie verpassen, was ihnen fehlen wird, dass sie eine Fehlentscheidung getroffen haben“.

Jetzt fühle er sich frei. „Du kannst zeigen, was du kannst, genießt die letzte Zeit. Ich bin da niemandem böse, habe nach sechs Jahren auch eine Bindung zu dem Verein. Man soll mich in guter Erinnerung behalten. Ich will die Sache sauber beenden, dass am Ende alle sagen: Das war ein feiner Kerl“, sagt Kretschmer, der sich nun für einen neuen Verein empfehlen will und muss. Von seinem Berater trennte er sich vor drei Jahren. Seitdem kümmern sich Kretschmer und sein Vater Holger, ein früherer Erstligaspieler, um die Dinge selbst. „Ich fühle mich sicherer und besser, wenn ich die Gespräche selbst in der Hand habe“, sagt der Student für Sport-Management. Zudem fällt damit die Zahlung der Vereine an den Berater weg. „Der bekommt immer zehn Prozent von deinem Gehalt“, verrät Kretschmer.

Nils Kretschmer tritt nun schon seit Wochen in bestechender Form auf
Nils Kretschmer tritt nun schon seit Wochen in bestechender Form auf © kairospress

Er weiß aber noch nicht, ob er seine sportliche Karriere überhaupt fortsetzt. „Ich bin 28. Da stehe ich beim nächsten Zweijahresvertrag als 30-Jähriger wieder am selben Punkt, dass ich meine Fixkosten decken kann. Vielleicht endet das jetzt hier mit Dresden. Ich konzentriere mich auf mein Studium und das Arbeitsleben“, erklärt Kretschmer.

Womöglich ließe sich so ein zweites Standbein festigen. Kretschmer gehört in der Liga zu den Spielern mit der größten Reichweite auf Instagram. Etwa 66.300 Abonnenten folgen ihm. Kretschmer tritt auf seinem Account nicht als Handballer auf, sondern als Mode-Trendsetter. Beinahe täglich präsentiert er neue Fotos, vorwiegend in Streetwear-Klamotten. Und meist werden die Bilder tausendfach gelikt.

Seine Freundin Kristina Levina, eine gebürtige Kasachin, ist mit rund 558.900 Followern bereits hauptberufliche Influencerin. „Ich mache das mittlerweile deutlich professioneller als noch vor zwei Jahren. Seit Corona investiere ich dafür mehr Zeit. Es ist aber immer noch Hobby“, betont Kretschmer, der für ein hochgeladenes Foto mittlerweile mit 600 Euro rechnet. Zumindest sei das grob sein Marktwert, der sich an der Anzahl der Abonnenten misst. „Nicht jeder zahlt Geld. Das ist alles Verhandlungssache. Leute wie mich gibt es wie Sand am Meer. Du bist so leicht austauschbar“, erzählt er.

Einmal im Monat wird aussortiert

Der Handball-Profi lässt sich von diversen Marken Kleidung liefern, die er auch selbst tragen würde, und präsentiert sich online. „Ja, ich habe einen Riesenschrank. Wir spenden auch extrem viel an Klamotten, von denen wir sagen, da hätten andere mehr davon. Im Schnitt einmal im Monat sortieren wir aus“, sagt Kretschmer. Die Sachen gehen an Obdachlosenheime oder Bedürftige, manchmal auch in Kretschmers Freundeskreis. „Wenn ich etwas einen Monat nicht getragen habe, freut sich jemand anderer mehr darüber. Ein paar Lieblingsstücke habe ich natürlich auch“, sagt er.

Der Profi setzt sich dabei strikte Grenzen. „Man wird mich nicht mit Anzug sehen oder dass ich Männerpflegeprodukte in die Kamera halten. Das ist nicht mein Ding. Ich habe Ahnung von Mode und zeige den Leuten das, was ich zu 100 Prozent vertreten kann“, sagt Kretschmer.

Weiterführende Artikel

Erfolgreich wie nie trotz Corona-Pandemie

Erfolgreich wie nie trotz Corona-Pandemie

Der HC Elbflorenz steht in der 2. Handball-Bundesliga besser denn je da. Für den Dresdner Höhenflug gibt es nicht nur sportliche Gründe. Geht da noch mehr?

Dresdner Handballer holen Nationalspieler

Dresdner Handballer holen Nationalspieler

Der HC Elbflorenz verstärkt sich bereits für die kommende Saison und nimmt einen WM-Starter aus Österreich unter Vertrag.

Dresdner Handballer erneut schwer verletzt

Dresdner Handballer erneut schwer verletzt

Rechtsaußen Nils Gugisch zieht sich den nächste Kreuzbandriss zu und fällt auf unbestimmte Zeit aus. Zudem werden zwei Verträge verlängert, einer nicht.

Er findet es darüber hinaus befremdlich, aufgrund seines Instagram-Profils von fremden Menschen um ein Foto gebeten zu werden. „Beim Handball ist das normal. Manche betrachten dich aber online als Freund, obwohl sie dich gar nicht kennen, sich aber zu dir hingezogen fühlen und denken, du bist ein Kumpel. Das ist schon krass“, sagt Kretschmer, und er nennt noch eine Beobachtung seines Nebenjobs. „Viele Leute glauben blind, was der Influencer erzählt. Wenn dir so viele Leute folgen, hast du auch eine Verantwortung. Andererseits hat jeder Mensch sein eigenes Gehirn“, betont er. Als berufliche Alternative wäre das aber nicht seine erste Wahl. „Ich glaube, das würde mir zu wenig geben.“

Mehr zum Thema Sport