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Champions League: Die vielen Makel des Märchens von Madrid

Warum der Real-Bezwinger „Sheriff“ heißt, nicht aus Moldawien kommt – und was er mit Chemnitz zu tun hat.

Die Profis des Champions-League-Neulings Sheriff Tiraspol freuen sich über den Treffer von Jasurbek Yakhshiboev (l.) zum 1:0 gegen Real, auch der spätere Siegtorschütze Sebastien Thill ist schon mittendrin.
Die Profis des Champions-League-Neulings Sheriff Tiraspol freuen sich über den Treffer von Jasurbek Yakhshiboev (l.) zum 1:0 gegen Real, auch der spätere Siegtorschütze Sebastien Thill ist schon mittendrin. © Jose Breton/AP/dpa

Von Harald Pistorius

Osnabrück. Klein schlägt Groß, das mögen Fußball-Fans. Noch schöner ist nur: Ganz Klein schlägt ganz Groß. Das geschah am Dienstagabend im Bernabeu-Stadion von Madrid. Dort bejubelte der FC Sheriff Tiraspol einen Sensationssieg, der das Zeug zum Fußball-Märchen hat, das die Seele der romantischen Liebhaber des großen Spiels streichelt. Man darf allerdings nicht hinter die Fassade schauen.

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225 Heimspiele hat das große Real Madrid in der Champions League oder dem Vorläufer-Wettbewerb „Europapokal der Meister“ seit 1956 bestritten. Nur einigen der ganz großen Clubs gelangen Siege in der Trutzburg der „Königlichen“ – Juventus Turin, Inter Mailand, Ajax Amsterdam oder FC Bayern. Am Mittwoch kassierte Real die Heimpleite mit der laufenden Nummer 21 – gegen den FC Sheriff Tiraspol.

Dankbar nahmen die spanischen Zeitungen den seltsamen Klubnamen auf. „Real erschossen vom Sheriff“ oder „Der Sheriff setzt sein Gesetz durch“ hieß es in den Schlagzeilen. Dass der Verein nach einem Unternehmen benannt ist, wurde – wenn überhaupt – am Rande erwähnt. Und allenfalls gestreift wird, dass die Stadt Tiraspol nur formal zur Republik Moldawien, einem der ärmsten Länder Europas, gehört.

Tiraspol ist faktisch die Hauptstadt einer eigenständigen Region, etwa so groß wie das Saarland, die sich von Moldawien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1992 gelöst hat. Transnistrien nennt sich das Land, das von keiner anderen Nation der Welt anerkannt wird, aber eine eigene Regierung, Armee, Währung, Hymne und Flagge hat.

Der schmale Landstrich am östlichen Rand von Moldawien und an der Grenze zur Ukraine hat einen mächtigen Freund: Das Russland von Wladimir Putin. Von dort gibt es Geld und militärische Hilfe. Die regelmäßigen Berichte über Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Geldwäsche und Schmuggel werden ignoriert. Die FAZ nannte Transnistrien in einem Kommentar „einen Mafia-Kleinstaat von Putins Gnaden“. 500.000 Menschen leben dort, überwiegend mit russischen Wurzeln.

19 Meistertitel in 21 Jahren

Das gilt auch für Viktor Gushan, einem ehemaligen sowjetischen Sicherheitsoffizier, der in den Wirren der Wende ein Unternehmen gründete – und dieses wegen seiner beruflichen Vergangenheit „Sheriff“ nannte. Im Stil eines Oligarchen baute er daraus ein Konglomerat von Firmen, mit denen er nach Auffassung von Osteuropa-Experten das Land wirtschaftlich und politisch kontrolliert. Als Staatsoberhaupt fungiert der ehemalige Chef der Sicherheitssparte von „Sheriff“.

Der undurchsichtige Konzern besitzt Supermärkte, Fernsehsender, Banken, Tankstellen, Wohnungsbaugesellschaften, Mobilfunknetze – und seit 1996 einen Fußballclub. Obwohl Transnistrien nichts mit Moldawien zu tun haben will, spielt der FC Sheriff in der ersten Liga der Republik. Weil das die Eintrittstür zur Champions League ist.

Unternehmensboss Gushan hat einen Klub und ein Team aufgebaut, der die Konkurrenz Jahr für Jahr degradiert. In den letzten 21 Spielzeiten wurde Sheriff 19 Mal Meister. Die Kosten für das moderne Stadion, das Gushan mitsamt perfektem Trainingszentrum bauen ließ, werden von Experten auf 200 Millionen Euro geschätzt. Die Sheriff-Profis verdienen so viel wie deutsche Drittligaspieler und damit noch weit mehr als die Akteure der übrigen Klubs der moldawischen National-Division, die ihre Spiele in jämmerlichen Bruchbuden austragen, wie das Magazin 11 Freunde schrieb.

Die Mannschaft, die in Madrid gewann, war besetzt mit Mittelklasse-Fußballern aus Südamerika, Afrika und Europäern. Die einzigen vier Spieler mit moldawischen Pass saßen auf der Bank. Das herrliche Siegtor in Madrid erzielte der Luxemburger Sebastien Thill. Trainer der Mannschaft ist Juri Wernidub; ein Ukrainer , der vor knapp 30 Jahren eine Saison beim Chemnitzer FC spielte.

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Für das Unternehmen „Sheriff“ zahlt sich die Investition in die Fußball-Tochterfirma aus. Zu der Antrittstantieme von 15 Millionen Euro, die die UEFA jedem Champions League-Starter zahlt, kommen 5,4 Millionen Euro Prämie für zwei Siege. Denn Madrid erlebte schon das zweite Kapitel des Märchens mit vielen Makeln: Im ersten Gruppenspiel gelang ein 2:0 gegen den ukrainischen Topclub Schachtar Donezk. Der ist das Spielzeug des Oligarchen Rinat Achmetow.

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