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Sport

DFB-Auswahl: Der Versöhnung erster Akt

Die deutsche Nationalmannschaft legt gegen Armenien eine Gala hin und übernimmt nach dem 6:0 die Tabellenführung in der WM-Qualifikation.

Der zweite Debütant unter dem neuen Bundestrainer: Karim Adeyemi. Der Stürmer von RB Salzburg traf kurz nach seiner Einwechslung zum Endstand.
Der zweite Debütant unter dem neuen Bundestrainer: Karim Adeyemi. Der Stürmer von RB Salzburg traf kurz nach seiner Einwechslung zum Endstand. © dpa/Tom Weller

Von Frank Hellmann

Stuttgart. Voller Erwartungen hatten Kinder ihre Kimmich-Trikots angezogen, Jugendliche ihre Deutschland-Fahnen eingepackt und Erwachsene ihre Fanutensilien mit in die Stuttgarter Arena genommen: Exakt 18.086 Freikarteninhaber an diesem lauen Sommerabend im Ländle hatten offenbar geahnt, dass sich die deutsche Nationalmannschaft im ersten Spiel seit fast zwei Jahren vor einer größeren Kulisse zu einer der besten Leistungen der jüngeren Vergangenheit aufschwang, was lange bei einem Länderspiel nicht erlebte Sympathiebekundungen auslöste.

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Der 6:0 (4:0)-Sieg in der WM-Qualifikation gegen Armenien geriet streckenweise zu einer Gala, die von der dankbaren Kulisse mit Ovationen, Gesängen und La-Ola-Welle gefeiert wurde. Das Schützenfest gab´s schließlich umsonst.

Die vom deutschen Mittelfelddoppel Joshua Kimmich und Leon Goretzka glänzend orchestrierte deutsche Elf kombinierte gerade erste Halbzeit streckenweise nach Herzenslust, zeigte sich offensiv variantenreich und defensiv fokussiert, so dass die Treffer durch Serge Gnabry (6. und 16.), Marco Reus (35.), Timo Werner (44.), Jonas Hofmann (52.) und Debütant Karim Adeyemi (90.+1) der Lohn für eine immense Spielfreude waren.

Kein langes Federlese: Serge Gnabry (M) trifft in der 6. Minute zum 1:0 für die deutsche Auswahl.
Kein langes Federlese: Serge Gnabry (M) trifft in der 6. Minute zum 1:0 für die deutsche Auswahl. © dpa/Tom Weller

Es steht außer Frage, dass die Leistungsexplosion zu weiten Teilen dem neuen Bundestrainer Hansi Flick zugeschrieben werden kann. Was vor drei Tagen gegen den Fußball-Zwerg Liechtenstein noch mühsam aussah, wirkte nun gegen den überforderten Fifa-Weltranglisten-88. ausgesprochen locker.

Viele der Flick-Forderungen erfüllte die Mannschaft vorbildlich. Als habe der neue Hoffnungsträger irgendwo im Teamquartier in Stuttgart-Degerloch die meisten Handbremsen der Ära Joachim Löw gelöst. Mehr als ein netter Nebeneffekt, dass nun nach fünf Spieltagen in der Qualifikationsgruppe J auch die Tabellenführung in deutscher Hand ist. Vorausgesetzt, dass auch die nächste Aufgabe in Reykjavik gegen Island am Mittwoch mit derselben Seriosität angegangen wird, können wohl bald die Vorplanungen für die WM 2022 in Katar beginnen.

Vor Anpfiff waren der wieder genesene Kapitän Manuel Neuer und der noch verletzte Rückkehrer Thomas Müller von DFB-Interimspräsident Peter Peters nachträglich für ihr 100. Länderspiel geehrt worden, zudem hatte es eine Gedenkminute für den verstorbenen Torjäger Gerd Müller gegeben. Der dem „Bomber der Nation“ gewidmete Applaus sollte im Grunde nie richtig abflauen, so tüchtig verrichteten die Flick-Schützlinge ihr Tagwerk.

Nach einer Ballstafette lupfte Goretzka den Ball in den Lauf seines Münchner Teamkollegen Gnabry, der früh mit einem Dropkick ins lange Eck ein Traumtor erzielte. Zehn Minuten später betätigte der Irrwisch schon wieder den imaginären Rührstab, diesmal hatte Reus die Kugel quergelegt.

Flick-Euphorie: Ein Fan der deutschen Nationalmannschaft hält vor Beginn der Partie ein Schild mit der Aufschrift "Hansi ich bin ein Mann für dich" - und wirbt damit offenbar für den eigenen Nachwuchs.
Flick-Euphorie: Ein Fan der deutschen Nationalmannschaft hält vor Beginn der Partie ein Schild mit der Aufschrift "Hansi ich bin ein Mann für dich" - und wirbt damit offenbar für den eigenen Nachwuchs. © dpa/Tom Weller

Als ständiger Unruheherd erwies sich zudem auf Linksaußen dabei der nie zu bremsende Leroy Sané, der immer wieder Lücken riss und bei einem krachenden Lattenschuss Pech hatte (22.). Seine Grätsche in der Rückwärtsbewegung verriet zudem, dass der zuletzt in München ausgepfiffene Bayern-Star seine Lektionen gelernt hat. Wie überhaupt die deutschen Spieler fast schon gnadenlos auf die Rückeroberung verlorener Bälle aus waren – das Gegenpressing war ein Schlüssel für die erdrückende schwarz-rot-goldene Dominanz.

Wie viel aber auch Selbstvertrauen ausmacht, verriet das 3:0, als Werner artistisch mit der Hacke zurücklegte und Reus die Kugel über die Linie schmetterte. Ein ähnliches Muster brachte das 4:0 durch den gebürtigen Stuttgarter Werner, den Goretzka überlegt mit Kopf bediente. Auch nach der Pause ließ der Gastgeber zunächst nicht locker. Der als verkappter Rechtsaußen stark spielende Hofmann erzielte mit einem technisch anspruchsvollen Weitschuss nach einer abgewehrten Kimmich-Ecke das fünfte Tor.

Nach einer Stunde holten sich Sané, Reus und Kimmich bei ihrer vorzeitigen Auswechslungen ausgiebige Huldigungen ab, es kamen Florian Wirtz, Ilkay Gündogan und Jamal Musiala. Bald darauf feierten noch der erst 19-jährige Adeyemi und U21-Europameister David Raum ihr Debüt im DFB-Dress – als Fingerzeig für den Verjüngungsprozess. Dass der in Salzburg spielende und in München geborene Adeyemi dann das halbe Dutzend vollmachte, passte ins stimmungsvolle Bild. Ein gutes Signal, zwei Novizen an der Feierstunde am Neckar teilhaben zu lassen.

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