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Löw hat auch vorher nicht gezweifelt

Beim 4:2-Sieg gegen Portugal geht sein Plan auf. Wie er den Erfolg einordnet und warum er auch vorher nicht gezweifelt hat - das Interview mit dem Bundestrainer.

Lässig winkt der Bundestrainer: Nach dem Sieg gegen Portugal wird Joachim Löw für seinen Plan gelobt.
Lässig winkt der Bundestrainer: Nach dem Sieg gegen Portugal wird Joachim Löw für seinen Plan gelobt. © Philipp Guelland/EPA Pool/dpa

München. Nach der Niederlage zum Auftakt gegen Weltmeister Frankreich war der Bundestrainer auch für seine Taktik kritisiert worden. Doch beim überzeugenden 4:2-Erfolg der deutschen Nationalelf gegen Titelverteidiger Portugal ist der Plan von Joachim Löw voll aufgegangen: Die Flügelzange Robin Gosens und Joshua Kimmich sticht. Die deutsche Offensivdynamik überfordert die portugiesische Defensive. Als Initialzündung sieht der Bundestrainer den klaren Sieg aber nicht. Er will weiter Schritt für Schritt denken und arbeiten. Das Interview:

Herr Löw, wie fällt ihr Fazit nach dem Sieg gegen Portugal aus?

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Das war insgesamt ein sehr starkes Spiel gegen technisch und konterstarke Portugiesen. Wir haben gerade nach dem Rückstand sehr viel Moral bewiesen und einen wirklich guten Spirit gezeigt. Wir haben auch nach dem 0:1 nicht den Faden verloren, Ruhe und Dynamik gut aufrecht erhalten. Wir haben uns echt viele gute Möglichkeiten herausgespielt und hatten ein sehr gutes Tempo. Damit haben wir die Portugiesen in der Defensive einige Male überfordert. Der Sieg geht auch in der Höhe absolut in Ordnung.

War der stürmische Beginn so geplant?

Der Auftrag war, dass wir in der Offensive eine ganz andere Kraft erzeugen. Wir haben die Dinge noch einmal aufgezeigt. Genau das ist sehr gut umgesetzt worden. Dass die richtigen Räume bespielt worden sind und vorne nicht das Tempo rausgenommen wurde. Natürlich war geplant, den Portugiesen zu zeigen, dass wir nicht gewillt sind, das Spiel abzugeben und wir in den Zweikämpfen absolut präsent sind, die Portugiesen nicht ins Spiel kommen lassen.

Die beiden Außenspieler waren viel offensiver, Robin Gosens war an allen vier Toren beteiligt. Was sagen Sie dazu?

Das war natürlich unser Ansinnen und unser Plan, dass wir gerade über die Außenpositionen für mehr Gefahr sorgen. Beide haben bewusst höher gespielt in der Offensive als gegen Frankreich. Deswegen sind wir oft in den Rücken der Abwehr gekommen, mit sehr guten Pässen da rein, mit Spielverlagerungen. Deshalb waren wir gefährlicher. Beide haben das supergut gemacht: Kimmich und Gosens in der Torvorbereitung. Und bei Robin Gosens weiß man, dass er Stärken im Abschluss hat, wenn er im gegnerischen Sechzehner ist. Das war sicher ein wichtiger Aspekt, um so Druck zu machen.

Wie sehen Sie Robin Gosens als Typ und wann sind Sie zum ersten Mal auf ihn aufmerksam geworden?

Als Typ schätzen wir ihn sehr, weil er sehr offen ist, sehr aktiv in der Kommunikation. Er hat einen sehr guten Draht zu allen Spielern, ist klar im Kopf, sehr geradlinig. Er ist so ein Typ wie auch sein Spiel ist: Immer klare Kante zeigen, alles in die Waagschale werfen. So wie er spielt mit unbändigem Einsatz, so kämpft er auch für Dinge, die ihm wichtig sind. Er hat bei Atalanta Bergamo in jeder Saison einige Tore erzielt. Vor zwei Jahren haben wir ihn schon beobachtet. Er hat sich schnell bei uns behauptet und sehr gut Fuß gefasst in der Mannschaft.

Thomas Müller hat als Antreiber gekämpft und gearbeitet. Wie zufrieden waren Sie mit ihm?

Thomas hat sehr viele Wege gemacht, ist unheimlich viel gelaufen. Er kam nicht so in Abschlusspositionen. Aber er hat sehr viele Räume aufgemacht, hat auch defensiv sehr viel gearbeitet, die Mannschaft mit nach vorne gezogen. Das war wichtig, dass wir früh den Gegner stören. Auf seiner Position ist er mit verantwortlich, das Pressing auszulösen. Er hat sich extrem viel bewegt.

Inwieweit kann dieser Sieg zu einer Initialzündung für das weitere Turnier werden?

Weiß ich nicht. Das hat mit Initialzündung nicht so viel zu tun. Natürlich gibt so ein Erfolg eine gewisse Stärkung. Wir haben ja nicht gezweifelt, auch wenn wir gegen den Weltmeister mal verloren haben. Bei einem Turnier heißt es, Schritt für Schritt zu gehen. Das nächste Spiel wird vielleicht noch zäher, weil Ungarn tiefer steht, mit acht, neun Leuten verteidigt und auf ein paar einzelne Konter hofft. So wie heute müssen wir arbeiten, so müssen wir den Gegner unter Druck setzen. Dann können wir Schritt für Schritt vorankommen. Es gibt genug starke Mannschaften in dem Turnier. Und die, die in den ersten ein, zwei Spielen perfekt spielen, haben in den seltensten Fällen ein Turnier gewinnen können.

Mats Hummels musste frühzeitig raus? Was war der Grund? Machen Sie sich Sorgen?

Wir hatten in einer Phase des Spiels mehrere Meldungen von Spielern mit kleinen Problemen. Mats hat die Patellasehne wieder gespürt, Robin Gosens bisschen die Adduktoren. Ilkay Gündogan hatte nach einem Schlag muskuläre Probleme in der Wade. Da wollten wir kein Risiko eingehen. Der eine oder andere Wechsel war anders geplant. Aber ich glaube, es ist nichts Dramatisches. Wenn alles gut läuft, wird man das wieder hinkriegen bis nächste Woche.

Man hat nach dem Abpfiff Spieler zu ihren Familien und Kindern gehen sehen, sie konnten sich da austauschen. Mit wem können Sie so eine Erleichterung nach dem Sieg teilen?

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Selbstverständlich habe ich Kontakt zur Familie und einigen Freunden. Man beschränkt es ein bisschen auf das Minimum. Klar gibt es Kontakte und Nachrichten. Für uns ist es wichtig, dass wir wieder in Ruhe das Spiel aufarbeiten, dass wir die Spieler regenerieren lassen. Dann geht es schon weiter, man ist ja in diesem Tunnel drin bei einem Turnier. Es gibt ja keine Tage, in denen man völlig runter fährt als Trainer. Der nächste Gegner steht an. Und die Ungarn haben mit dem 1:1 gegen Frankreich gezeigt, dass sie nicht ungefährlich sind. Sie haben inzwischen eine sehr gute Klasse erreicht. Wir haben jetzt mal einen Sieg eingefahren. Das ist schön. Wir haben es selber in der Hand. Jetzt müssen wir gegen Ungarn nachlegen.

Gespräch aufgezeichnet von Jens Mende, dpa

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