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Sonne, Hagel und eine Menge Tore

Public-Viewing im Landgut Hofewiese: Am Samstag verlief die Live-Übertragung des Länderspiels Deutschland - Portugal etwas anders als erwartet.

Jubel beim Tor gegen Portugal: Sylvia Gürtler und Steffen Kaden erfasst in der Hofewiese EM-Stimmung.
Jubel beim Tor gegen Portugal: Sylvia Gürtler und Steffen Kaden erfasst in der Hofewiese EM-Stimmung. © Sven Ellger

Dresden. „Was läuft denn hier für ein Spiel?“, will die junge Frau von ihrem Begleiter wissen. „Ähm, weiß nicht recht, glaub', Deutschland hat heute 'nen wichtigen Auftritt“, kommt die Antwort. Fußball? An diesem Abend? Es scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben, dass die Europameisterschaft bereits im vollen Gange ist. Die beiden im schicken Biker-Outfit gekleideten Ausflügler zögern, sehen sich dann aber doch nach einer Sitzgelegenheit im Innenhof des Landguts Hofewiese in Langebrück um.

Samstag, kurz vor 18 Uhr. Auf Gartenstühlen haben es sich die Gäste gemütlich gemacht, schauen gespannt nach vorne auf den Bildschirm. Etliche Plätze sind noch frei. Mehr los ist auf der Liegewiese. Im Hofareal herrscht Grillparty-Feeling. An einigen Tischen kehrt man dem Live-Geschehen im Fernsehen den Rücken zu, sieht man Gruppen entspannt plaudern.

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Was den klassischen Fußball-Fan irritiert. Schließlich spielt doch Deutschland gegen den amtierenden Europameister Portugal. Ein ratlos-fragender Blick in die Runde. Vom Nebentisch kommt die Antwort: „Die Leute sind noch im Corona-Trott, braucht noch was, bis alle im Alltagsmodus sind“, meint ein graumelierter Herr.

Als die deutsche Nationalhymne gespielt wird, stehen einige auf. Anpfiff. Bereits in der vierten Minute wird gejubelt. Blöd ist bloß, dass das Tor wegen Abseitsstellung annulliert wird. Enttäuschung macht sich breit. Das folgende 0:1 für Portugal wird von manchen mit einer „Nicht-schon-wieder“-Haltung aufgenommen. Dabei „spielen unsere heute mit viel Power“, ist die Meinung der meisten.

Unwetter kommt auf

Gemeint sind die bundesdeutschen Kicker, die den Rückstand aufholen und dank zweier Eigentore der Portugiesen gar mit einer 2:1-Führung in die Pause gehen. Steffen Kaden freut sich darüber sehr. Der in ein Deutschland-Jersey gewandete Langebrücker sitzt mit seiner Frau und Freunden in der ersten Reihe vor dem Bildschirm. Für ihn steht fest, dass „die Jungs heute gewinnen werden“.

Beim ersten Post-Corona-Public-Viewing in der Hofewiese liegt keine fiebrige Anspannung, wie man es von früheren WMs oder EMs kennt, in der Luft. „Die Menschen haben derzeit andere Sorgen“, findet Ariane Zastrow. Kein Vergleich mit der Euro 2016. „Da war hier alles voll, eine aufgeladene Atmosphäre“, so die Inhaberin der Hofewiese, die darauf hinweist, dass diese eigentlich auch keine typische Public-Viewing-Location sei. „Zu uns kommen bei solchen Events zumeist Familien“, erzählt Ariane Zastrow. Und ja, in dieser Coronazeit, mit den Abstands- und Hygieneregeln, ist es halt auch nicht einfach, locker zu werden, selbst beim Fußball.

Vor Beginn der zweiten Halbzeit regnet es, wird es erst windig, dann stürmisch. Zentimetergroße Hagelkörner prasseln vom Himmel herab. Fluchtartig suchen alle Schutz. Unter Vordächern, Sonnenschirmen, an den Imbissständen wird es eng. „Ist doch eine tolle Abwechslung“, grinst dort ein Mittvierziger. Der Mann gibt sich als Portugal-Fan aus. „Die schlagen die Deutschen“, steht für ihn fest.

Der Sturm wird zum Unwetter. Plötzlich Schreie. Ist was passiert? Nein, ein Tor gefallen. Für wen? Es wird spekuliert. Der Portugal-Fan kommt ins Plaudern, erklärt, dass Corona, der monatelange Lockdown die Vorfreude auf dieses europäische Fußball-Event vieles bei Fußballfreunden kaputtgemacht habe. Erneut ein Aufschrei. Durch den Hagelschauer erkennt man schemenhaft Steffen Kadens Clique hochspringen, frenetisch jubeln. Tor für Deutschland!

Kurz blitzt Fußball-Euphorie auf

Nach zehn Minuten ist das Unwetter vorüber. Die Gäste zieht es wieder vor den Bildschirm, viele durchnässt, stehen unter den Bäumen, schauen gespannt auf die TV-Bilder, neugierig auf die letzten Spielminuten. Als die Portugiesen das zweite Tor erzielen - nun steht es 4:2 für Deutschland - raunt ein Senior, ein Künstlertyp, dass jetzt „alles auf der Kippe“ stehe. Denn hatten die Deutschen in der jüngsten Vergangenheit nicht schon häufiger ein sicher geglaubtes Spiel aus der Hand gegeben?

Irgendwie retten Jogis Schützlinge jedoch den Vorsprung ins Ziel. Im Münchner Stadion singen sie „Oh, wie ist das schön“. In der Hofewiese ist hier und da zaghafter Jubel zu hören. Für Sekunden blitzt so etwas wie Fußball-Euphorie auf.

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Ariane Zastrow schaut zufrieden, sie hat auf einen deutschen Sieg getippt. So wie der Public-Viewing-Auftakt verlaufen sei, das sei „schon in Ordnung gewesen“. Alles stressfrei abgelaufen. Den Bildschirm lasse man stehen, es werden ja noch mehr Spiele übertragen. Sollte das Fußball-Fieber in den nächsten Tagen wachsen, das Turnier spannend werden, wird, dies hatte Arianes Mann Holger angekündigt, die Bildfläche in der Hofewiese größer, soll eine Leinwand aufgebaut werden. Für weitere familiäre Public-Viewing-Events in der Dresdner Heide.

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