merken
Sport

Letztes Heimspiel vor der Europareise

Deutschland gegen Ungarn, da war doch was? Ein „Wunder von München“ wäre es nicht, wenn das DFB-Team auch ohne den verletzten Müller ins Achtelfinale einzieht.

Bundestrainer Joachim Löw gibt sich beim Abschlusstraining vor dem Spiel gegen Ungarn nachdenklich. Er muss den verletzten Müller ersetzen.
Bundestrainer Joachim Löw gibt sich beim Abschlusstraining vor dem Spiel gegen Ungarn nachdenklich. Er muss den verletzten Müller ersetzen. © dpa/Federico Gambarini

Von Jens Mende, Klaus Bergmann und Arne Richter

Herzogenaurach/München. Der Bundestrainer machte sich vom Trainingsplatz extra auf den Weg in den angrenzenden Fitness-Pavillon zu Thomas Müller. Joachim Löw wollte in Herzogenaurach von Deutschlands derzeit prominentestem Patienten aus erster Hand erfahren, wie es um dessen rechtes Knie steht. Eine gute Minute dauerte der Plausch, dann kehrte Löw gelassen auf den Rasen zur Mannschaft zurück.

Anzeige
Dynamo will nicht brav sein
Dynamo will nicht brav sein

Obwohl es beim Termin fürs Mannschaftsfoto diesmal eher unspektakulär zuging, wollen die Schwarz-Gelben Liga 2 mit mutigem Spiel rocken.

Die Müller-Prognose lautet: Löw wird im letzten EM-Gruppenspiel gegen den Tabellenletzten Ungarn eher kein Risiko bei seinem offensiven Anführer eingehen, zumal es „ein Wunder von München“ anders als beim WM-Finale 1954 in Bern nicht braucht.

Schon ein Punkt genügt zum Achtelfinaleinzug. Und Löw verfügt in Leon Goretzka über einen logischen Müller-Ersatz. „Ich traue mir die Position zu“, hatte er selbstbewusst verkündet. Eine andere Offensiv-Option wäre Leroy Sané.

Müller fällt aus, Hummels und Gündogan sind fit

Bereit für einen Einsatz in der Münchner Arena meldeten sich Mats Hummels (Knie) und Ilkay Gündogan (Wade). Beide mischten beim Abschlusstraining munter mit. „Bei mir persönlich ist es auch wieder gut, ich kann spielen“, sagte Hummels und stellte klar: „Ich werde diese Pausen immer mal wieder einlegen müssen, weil ich Knieprobleme mit mir rumtrage. Das ist nichts, was mich aus den Spielen raushält. Das erfordert nur etwas mehr Regeneration.“

Müller dagegen wird für die richtig heißen Alles-oder-nichts-Spiele in den K.o.-Runden geschont. Eine Pause ist die wahrscheinlichste und auch sinnvollste Lösung angesichts der schmerzhaften Kapselverletzung am Knie.

Der Bayern-Leitwolf kam 34 Stunden vor dem Anpfiff mit dem Rad ins Adi-Dassler-Stadion gefahren. Dort verschwand er im Fitnessbereich, wo er Stabilitätsübungen absolvierte. Nach einem Gespräch mit Mannschaftsarzt Jochen Hahne drehte der 31-Jährige gemeinsam mit Fitnesscoach Nicklas Dietrich und Reha-Kollege Lukas Klostermann (Muskelverletzung) einige Laufrunden.

Derzeit das Knie der Nation: Eine Kapselverletzung steht Thomas Müllers Einsatz gegen Ungarn im Weg.
Derzeit das Knie der Nation: Eine Kapselverletzung steht Thomas Müllers Einsatz gegen Ungarn im Weg. © dpa/Christian Charisius

Müllers Blick schweifte dabei immer wieder zu den mit Ball trainierenden Kollegen. Doch allgemein gilt: Wer beim Abschlusstraining fehlt, läuft in der Regel auch nicht am Spieltag von Anfang an auf. Das könnte im dritten Turnierspiel dafür erstmals Goretzka tun.

Löw ist und bleibt ein Eigenbrötler

Bis auf Müller dürfte Torwart Manuel Neuer als Kapitän mit der Regenbogenbinde wieder exakt jene Formation aufs Feld führen, die auch gegen Frankreich und Portugal begann. Es gibt für Löw keinen Grund, am Personal oder am 3-4-3-System zu rütteln.

Die Standhaftigkeit des Bundestrainers bei dessen letzter Turnier-Mission beeindruckt auch seine Spieler. „Er ist dafür bekannt, dass er sich nicht großartig beeinflussen lässt. Er strahlt das auch aus vor der Mannschaft“, sagt Goretzka.

Löw entscheidet autark. Er horcht in die Mannschaft, berät sich mit seinem Stab. Aber auch zum Ende seiner 15 Chef-Jahre bleibt er ein Eigenbrötler, der dem eigenen Kompass folgt.

In seinem 197. Länderspiel als Bundestrainer betritt er sogar nochmals Neuland: 67 Jahre nach dem „Wunder von Bern“ ist es die erste Turnierbegegnung der Nationalelf mit den im WM-Finale 1954 klar favorisierten, aber dann sensationell 3:2 besiegten Ungarn. Diesmal wäre es ein Wunder, das deutsche Team verlöre und ausscheiden würde.

DFB-Team peilt den Gruppensieg an

Doch von Überheblichkeit keine Spur. „Wir wissen schon, dass da wieder eine gute und gefährliche Mannschaft auf uns zukommt“, mahnt Verteidiger Matthias Ginter. Der stärkste Mann bei den Ungarn steht dabei zwischen den Pfosten: Peter Gulasci, der Torwart von RB Leipzig.

Es geht aus deutscher Sicht allerdings nicht darum, sich irgendwie ins Achtelfinale zu mogeln, sondern mit noch mehr Rückenwind in die entscheidende Turnierphase zu gehen. Das ist der Tenor im DFB-Team, das den Gruppensieg anpeilt.

Auch die Fans hoffen auf ein großes Münchner Abschlussfest, bevor es für Löws Mannschaft dann auf Europareise geht. Bukarest wäre die erste Station als Gruppenerster, London der Achtelfinal-Schauplatz als Zweiter hinter Frankreich.

Als Gruppendritter wäre Budapest oder Sevilla das Reiseziel. Mit den ganzen Rechenspielen aber hält sich Löw nicht auf. Sein Arbeitsauftrag heißt: „Jetzt müssen wir gegen Ungarn nachlegen.“ (dpa)

TV-Tipp: Das ZDF und Magenta TV übertragen das deutsche Spiel gegen Ungarn ab 21 Uhr live.

So kommt Deutschland ins Achtelfinale:

Das Achtelfinale der EM erreicht die deutsche Nationalmannschaft …

Weiterführende Artikel

Erinnerungen an das Wunder von Bern

Erinnerungen an das Wunder von Bern

Das EM-Spiel gegen Ungarn lässt viele deutsche Fußballfans an das legendäre WM-Finale 1954 denken. Damals war Ungarn klarer Favorit, heute Deutschland.

Vor 17 Jahren: EM-Aus für Deutschland

Vor 17 Jahren: EM-Aus für Deutschland

Damals war’s. Vor 17 Jahren ist Platz drei in der Vorrunden-Gruppe noch wertlos – und die Blamage für den Vizeweltmeister Deutschland perfekt.

„Deutschland ist das kompletteste Team“

„Deutschland ist das kompletteste Team“

Willi Orban, der in Kaiserslautern geborene und für RB Leipzig spielende Abwehrchef der Ungarn, über das für ihn ganz besondere EM-Gruppenspiel.

  • bei Sieg gegen Ungarn. Sollte Frankreich nicht gegen Portugal gewinnen, wäre man sogar Gruppensieger.
  • bei einem Unentschieden als Gruppenzweiter, wenn Portugal gegen Frankreich gewinnt. Geht diese Partie ebenfalls unentschieden aus, kommt Deutschland als einer der vier besten Gruppendritten weiter.
  • bei einer Niederlage müsste Frankreich gegen Portugal gewinnen, dann wäre Deutschland Gruppendritter.

Mehr zum Thema Sport