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Löws erstes Endspiel in England

Es ist alles gesagt - jetzt wird gespielt. Joachim Löw möchte in Wembley als Bundestrainer abdanken, aber nicht gegen den jetzigen Gegner England.

Bundestrainer Joachim Löw gibt sich vor dem Klassiker gegen England nachdenklich.
Bundestrainer Joachim Löw gibt sich vor dem Klassiker gegen England nachdenklich. © dpa/Federico Gambarini

Von Klaus Bergmann, Arne Richter und Jens Mende

Herzogenaurach/London. Um Punkt 11 Uhr blies Joachim Löw kräftig in seine schwarze Trillerpfeife. Es könnte, aber es soll partout kein historischer Pfiff gewesen sein. Weder der "ewige Jogi" noch seine 25 fitten EM-Kicker mochten am Montag im sonnig heißen Herzogenaurach bei Löws Signal daran denken, dass der Bundestrainer in diesem Moment womöglich sein allerletztes Training als Bundestrainer eröffnet hatte. Abdanken in Wembley gegen England? Nein, das will Löw nicht.

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Die finale Übungseinheit vor dem Flug von Nürnberg nach London und das 198. Länderspiel als DFB-Chefcoach am Dienstag (18 Uhr/ARD und Magenta TV) in Englands Fußball-Kultstätte sollen nicht Löws Endpunkt sein - sondern nur ein Zwischenstopp.

"Wir wollen den nächsten Schritt machen", sagte Thomas Müller, der als historisch belegter England-Schreck (zwei Tore beim 4:1 im WM-Achtelfinale 2010) nach seinen Knieproblemen in die Startelf zurückkehrt. "Das Finale ist das Ziel", verkündete sogar der stets positiv denkende Robin Gosens.

Elfmeter-Drama Teil III in Wembley?

Neben Müller zeichnet sich nur eine weitere personelle Änderung ab. Leon Goretzka will nach zwei Joker-Einsätzen endlich von Anfang an loslegen. Löw könnte den Münchner Mucki-Mann für Ilkay Gündogan aufbieten, auch wenn der Machester-City-Star nach Schädelprellung beim Abschlusstraining ebenso wie der in der Abwehr gesetzte Antonio Rüdiger (Erkältung) wieder auf dem Platz stand.

Größere Teamumbauten und eine Abkehr vom Spielsystem mit Dreierkette und drei Angreifern scheint Löw nicht zu erwägen. Allerdings ließ er seinen Schlachtplan gegen die Three Lions streng geheim einstudieren. Eine Option wäre, die Defensive zu massieren und Joshua Kimmich zentral aufzubieten.

Ein großer Kampf wird erwartet, womöglich ein 120-Minuten-Klassiker mit dem nervlichen Höhepunkt eines Elfmeter-Dramas Teil III - dann natürlich wieder mit einem deutschen Happy-End wie bei der WM 1990 in Turin und der EM 1996 ebenfalls in London. Wembley war für Löw von Anfang an der Sehnsuchtsort auf der letzten Mission seiner 15 Jahre als Bundestrainer, aber natürlich erst beim Finale am 11. Juli.

Deutschland hatte im Turnier immer Höhen und Tiefen

London - Rom - London, so soll die Reiseroute des DFB-Trosses durch Europa lauten nach den drei Gruppenspielen in München, in denen Löws 2021er-Jahrgang mal begeisterte wie beim furiosen 4:2 gegen Portugal und das Publikum mal leiden ließ wie beim 2:2 gegen Ungarn.

Das mag die schwarz-rot-goldene Fan-Gemeinde irritieren und verunsichern, aber nicht die Spieler und schon gar nicht ihren Trainer. "Seit ich in der Nationalmannschaft bin, war es nie so, dass wir in einem Turnier einen Durchmarsch hingelegt haben", erinnerte Kapitän Manuel Neuer am Montag im "Kicker": "Es gab immer Höhen und Tiefen."

Gegen England braucht es fraglos ein Turnier-Hoch. Löw hatte vor dem Start dieser kniffligen Corona-Euro ein "sehr ausgeglichenes Turnier" vorausgesagt. In der K.o.-Phase heißt es nun alles oder nichts. "Da entscheidet, wer die beste Konstanz hat, die größte Konzentration und auch den längsten Atem über das Turnier hinweg", bemerkte Löw.

England ist noch ohne Gegentor

Es verbietet sich eigentlich, über den Dienstag hinauszudenken, auch wenn der weitere Turnierpfad dazu verlockt. Die Holländer sind auch schon raus, der Weg für den großen Sieger des Klassikers scheint frei. Er hieße für Deutsche oder Engländer: Schweden oder Ukraine im Viertelfinale in Rom, danach Tschechien oder Dänemark im Halbfinale. Die Top-top-top-Nationen lauern erst im großen Wembley-Finale.

Als Turnier-Veteran weiß Löw, dass es jetzt auf jede Kleinigkeit ankommt, dass er richtig aufstellen und einwechseln muss, dass jeder Fehler ein entscheidender sein kann. "Und natürlich kommt der Faktor Glück in dem einen oder anderen Spiel oder Moment dazu. Glück braucht man auch, wenn man Turniersieger werden will", sagte Löw.

Die stets vor und während Turnieren groß denkenden Engländer haben mit ihrer High-Speed-Offensive um den noch torlosen Starstürmer Harry Kane in der Gruppenphase auch nicht wie ein kommender Europameister aufgetrumpft. Aber sie haben in engen Spielen gegen Kroatien (1:0), Schottland (0:0) und Tschechien (1:0) kein Tor hinnehmen müssen. Anders als die DFB-Elf, die selbst gegen Ungarn zwei Stück kassierte, insgesamt sogar schon fünf.

Zeit für einen magischen Neuer-Moment

Vom Anführer der Offensive kam darum eine klare Defensiv-Ansage. "Kein Tor kassieren", laute der Oberbefehl an alle elf Spieler auf dem heiligen Wembley-Rasen, sagte Müller. Er hofft zudem, dass der Faktor Neuer endlich zum Tragen kommen kann. Wenn schon, müsse man "dem Gegner eine Torchance geben, bei der sich der Manu auszeichnen kann". Es wird Zeit für einen magischen Neuer-Moment im Turnier.

"Wir freuen uns auf diesen großen Gegner, diesen großen Namen England", verkündete Müller. Von "gigantischer Vorfreude", berichtete Gosens. Es knistert im Team. "Es wird ein großes Spiel für uns", sagte Chelsea-Star Kai Havertz, einer von sechs England-Profis im DFB-Kader.

Und mit Sicherheit derjenige, den das Team von Gareth Southgate aktuell am meisten fürchtet. Der 22 Jahre alte Havertz würde sich nur zu gerne als neuer "England-Schreck" in das dicke Geschichtsbuch des deutsch-englischen Klassikers eintragen.

45.000 Zuschauer dürfen ins Wembley-Stadion

"Wir sind sehr gut vorbereitet", berichtete Gosens. Details aus Löws Matchplan plauderte er nicht aus. Dessen Ablaufplan sah eigentlich ein Abschlusstraining in Wembley vor. Angeblich verzichtete der DFB darauf dann aber auf Uefa-Ansage zur Schonung des Rasens. Die Deutschen hätten trainieren können, aber "nicht darum gebeten", verkündete am Montag wiederum der Dachverband.

Sei's drum: Die Arena wäre ohnehin beim Aufsaugen der Atmosphäre leer gewesen. Am Dienstagabend erlaubt die britische Regierung erstmals im Turnierverlauf gleich 45.000 Zuschauer in der Riesenschüssel. Wegen der Corona-Reiserestriktionen aufgrund der Delta-Variante werden nur wenige deutsche Anhänger im weiten Rund sein.

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Fast alle Fans dürften ein England-Trikot tragen. "Dass das ganze Stadion gegen uns ist, ist zusätzliche Motivation", konterte Gosens cool: "Wir wollen dafür sorgen, dass es in Wembley so leise wie möglich ist." Besonders nach dem Schlusspfiff, der keiner für Joachim Löw werden soll.

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