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Werner droht bei der EM die Bank

Timo Werner gewann mit Chelsea die Champions League, bei der Euro hat er keinen Stammplatz. Schlimm findet der Ex-Leipziger das aber nicht.

Bundestrainer Joachim Löw unterhält sich mit Timo Werner unterhält sich mit Bundestrainer Joachim Löw, der den Chelsea-Spieler bei diesem Turnier eher in der Jokerrolle sieht.
Bundestrainer Joachim Löw unterhält sich mit Timo Werner unterhält sich mit Bundestrainer Joachim Löw, der den Chelsea-Spieler bei diesem Turnier eher in der Jokerrolle sieht. © dpa/Federico Gambarini

Von Oliver Mucha

Herzogenaurach. Timo Werner schmierte sich vor dem Training mit Creme ein, vor dem Verlust seines Stammplatzes kann er sich aber nicht so leicht schützen wie vor der Sonne. Dem Champions-League-Sieger droht beim EM-Start der deutschen Nationalmannschaft die Reservistenrolle – das ist auch dem Stürmer klar. „Das ist kein Wunschkonzert. Im Endeffekt ist es vielleicht schon der Moment, wo ich hinten dran bin“, sagte Werner im Turnier-Quartier in Herzogenaurach.

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Seiner Motivation ist das Dasein als Joker nicht abträglich. „Ich bin kein Spieler, der sich mit verschränkten Armen auf die Tribüne setzt und dann schmollt“, versicherte der 25-Jährige. Das Turnier sei schließlich lang, und jeder werde gebraucht: „Man gibt auf dem Platz und von der Bank alles, um das Spiel zu gewinnen.“

1.000 Minuten ohne Tor

An seine neue Rolle muss er sich aber erst einmal gewöhnen. Beim 7:1 in der EM-Generalprobe gegen Lettland traf Werner zwar fünf Minuten nach seiner Einwechslung, doch früher bei RB Leipzig und jetzt beim FC Chelsea stand er meist in der Startelf. Daher sei das „ein Punkt, in dem man sich als Stürmer noch einmal weiterentwickeln kann“, meinte er. Es wäre ein weiterer „Schritt in der Entwicklung“.

In seinem ersten Jahr auf der Insel hat Werner schon einige Schritte gemacht. Nach zahlreichen vergebenen Großchancen spielte der gebürtige Stuttgarter unfreiwillig die Hauptrolle in wenig schmeichelhaften Videoclips.

Mit seinem Ruf als Chancentod nach einer 1.000 Minuten langen Torflaute musste er lernen umzugehen. Es sei eine Saison mit „vielen Hochs und Tiefs“ gewesen, die er selbstkritisch betrachte: „Vor dem Tor war ich nicht kaltschnäuzig genug.“

Löws Überangebot im Sturm

So erzielte er für Chelsea in 52 Pflichtspielen nur zwölf Treffer, legte aber immerhin 15 auf. „Ich habe die Jahre davor gezeigt, dass ich das besser kann. Die Schwächen kann man ausmerzen“, äußerte der 53-Millionen-Mann optimistisch, räumte aber ein: „Wenn man als Stürmer zu viel denkt, ist das auch nicht gut. Das war vielleicht in dieser Saison mein Problem. Dann verliert man den Instinkt.“

Seine Quote in der Nationalmannschaft liest sich mit 16 Toren bei 38 Einsätzen besser. Allerdings hatte er auch im DFB-Dress zuletzt eine kleine Ladehemmung. Vor der Erlösung gegen Lettland war er vier Spiele in Folge ohne Treffer geblieben. In England hatte Werner bei vielen knappen Abseitsentscheidungen gegen ihn durch den Video-Assistenten aber auch Pech. „Wenn die Linie ein bisschen dicker gewesen wäre, hätte ich vielleicht fünf Tore mehr“, scherzte Werner.

Er ist „kein hoffnungsloser Fall“: Mit dem Erfolg im Champions-League-Finale hat sich Timo Werner (M.) auch bei der englischen Presse rehabilitiert.
Er ist „kein hoffnungsloser Fall“: Mit dem Erfolg im Champions-League-Finale hat sich Timo Werner (M.) auch bei der englischen Presse rehabilitiert. © dpa/Manu Fernandez

Seinen Wechsel bereut er jedenfalls nicht, auch wenn die englische Presse nicht gerade zimperlich mit ihm umgegangen ist. Daher sei das Fell, das er sich zugelegt habe, noch einmal dicker geworden. Immerhin stellte die Daily Mail nach dem starken Saisonfinale mit dem Triumph in der Königsklasse fest: „Werner hat sich gezeigt. Er ist kein hoffnungsloser Fall.“

Das sieht auch Joachim Löw so. Allerdings hat der Bundestrainer ein Überangebot für die drei Positionen im Angriff. Dafür stünden fünf Spieler der beiden jüngsten Champions-League-Sieger zur Verfügung, sagte Werner, der Zuspruch durch Löw erfährt: „Die erste Elf entscheidet in den seltensten Fällen die Spiele. Die Entscheider, die mitverantwortlich sind, über die Ziellinie zu kommen, sind häufig die Einwechselspieler“, sagte er im Sportschau-Interview.

Werner schaut auf Franzosen Benzema

An wem er sich orientiert, um dennoch bald wieder in der Startelf stehen zu können, verriet Werner schon einmal: Rückkehrer Karim Benzema vom ersten deutschen Gegner Frankreich. „Für mich ist er neben Robert Lewandowski und Cristiano Ronaldo einer der top drei Mittelstürmer der Welt – und das zu Recht.“

Viele sähen Benzema als klassische Nummer 9 und „Boxspieler“, sagte Werner, „aber ich finde ihn unglaublich mit dem Ball. Seine Dribblings, sein Abschluss, wie er eingebunden ist – er spielt eher so wie Roberto Firmino bei Liverpool. Er verteilt die Bälle auch, geht dann in den Strafraum und ist mit seiner Kopfballstärke und technischen Qualität immer da.“ Er selbst, meinte der Chelsea-Profi, schaue sich von dem 33-Jährigen auch was ab, „es wäre komplett verkehrt, wenn man das nicht machen würde“ .

Benzema, der nach über fünfeinhalb Jahren Pause zur EM ins französische Team zurückgekehrt ist, habe den amtierenden Weltmeister „wahrscheinlich nicht schlechter gemacht“, ergänzte Werner mit einem Schmunzeln und meinte: „Das hätte nicht sein müssen, das dieses Jahr zu machen.“

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Alles Wichtige zur deutschen Mannschaft und zur Fußball-EM 2021 - kompakt und übersichtlich im EM-Newsblog.

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