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EM 2021: Löw, der Lehrer ohne erhobenen Zeigefinger

Joachim Löw hört nach der EM als Bundestrainer auf. Für den versöhnlichen Abschied muss der 61-Jährige vielleicht gar nicht mal den noch fehlenden Titel holen.

Joachim Löw gibt zum letzten Mal bei einem Turnier als Bundestrainer die Kommandos. Nach der EM tritt er ab.
Joachim Löw gibt zum letzten Mal bei einem Turnier als Bundestrainer die Kommandos. Nach der EM tritt er ab. © dpa/Christian Charisius

Von Frank Hellmann

Herzogenaurach. Für Joachim Löw muss es sich vor gut zwei Wochen wie eine Zeitreise angefühlt haben: Plötzlich stand der Bundestrainer in der Abenddämmerung am Innsbrucker Tivoli und blickte von der Bank auf die schneebedeckten Berggipfel vom Karwendel. Eine bekannte Perspektive für den 61-Jährigen. 2002 holte Löw mit dem FC Tirol Innsbruck die österreichische Meisterschaft ins Inntal.

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Vermutlich hätten beide Seiten noch eine Weile weitergemacht, doch dann kreiste der Pleitegeier über dem aufgepumpten Gebilde – und der Fußballlehrer aus dem Schwarzwald war wieder auf Jobsuche, trainierte wenig später – deutlich weniger erfolgreich – Austria Wien. Beurlaubung im März 2004. Nach einem 0:2 beim Tabellenletzten FC Kärnten. Gleichzeitig sein Schlussstrich unter die kurze Karriere als Vereinstrainer. Denn bald darauf rief Jürgen Klinsmann an.

Dass Löw damals in seinem Job glücklicher war als heute, hat er in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit angedeutet, als er die Anfänge seiner Vereinstrainerzeit mit der reinsten Freude verband. Nun hat der Bundestrainer gewiss nicht jegliche Begeisterung an seinem Tun verloren.

Wenn er auf dem Trainingsplatz auf dem Seefelder Hochplateau mit der Trillerpfeife um den Hals das große Ganze beaufsichtigte, dann aber doch die kleinen Details korrigierte, kam wieder die ursprüngliche Begeisterung für den Fußball durch. Löw als Vermittler der reinen Lehre – das ist sein Lebenselixier.

Löws hoher Anspruch an sich selbst

Nur selten benötigt er dafür den erhobenen Zeigefinger. Nur als es ihm zu viel mit den Debatten um Dreier- oder Viererkette wurde, holte er zu einer generellen Belehrung aus. „Wenn jemand denkt, dass eine Dreierkette die defensivere Variante ist, dann täuscht er sich. Die Viererkette ist eher defensiv, da hat man vier Verteidiger!“

Seine Stimme hatte einen schneidenden Tonfall. Als wollte er klarstellen: Sollte die DFB-Auswahl bei dieser EM scheitern, dann liegt das nicht am taktischen Plan.

Der Fußballlehrer Löw hat eine Epoche geprägt, trug von 2006 bis 2021 die Verantwortung – aber nach diesem Turnier ist Schluss. Sollte er den Titel holen, wäre er erst der dritte Trainer, der Welt- und Europameister wurde: Bislang haben das nur der Dresdner Helmut Schön mit Deutschland (1972 und 1974) und Vicente del Bosque mit Spanien (2010 und 2012) geschafft.

Auch im EM-Quartier in Herzogenaurach braucht Joachim Löw öfters eine Minute für sich, um zur Ruhe zu kommen und seine Gedanken zu ordnen.
Auch im EM-Quartier in Herzogenaurach braucht Joachim Löw öfters eine Minute für sich, um zur Ruhe zu kommen und seine Gedanken zu ordnen. © dpa/Federico Gambarini

Der hohe Anspruch, der hierzulande immer an die Nationalmannschaft gestellt wird (und den der Bundestrainer selbst auch verfolgt), hat Löw vielleicht mehr Kraft gekostet, als er lange wahrhaben wollte.

Obwohl der Südbadener sich immer wieder die Freiheit nahm, wochenlang abzutauchen, war es mitunter auch eine Belastung, wie Löw sagte. Sein Heimatort Schönau ließ ihn in Ruhe, auch auf der Tribüne im Schwarzwald-Stadion des SC Freiburg blieb er weitgehend unbehelligt; aber wenn er in Freiburg einen ICE bestieg, war er sofort eine öffentliche Person.

Er hätte drei Sonnenbrillen aufsetzen und vier Schals umbinden können – die Menschen hätten ihn trotzdem angesprochen. Das sei der „Preis dieses Lebens als Bundestrainer“, verriet er jetzt. Er habe sich eine Art Panzer zugelegt. Lächeln auf Knopfdruck für die Selfies inklusive.

Gemeinsamkeiten mit Kanzlerin Merkel

Dieser Tage wird der Bundestrainer wieder zur prominentesten Person im Land – noch vor Bundeskanzlerin Angela Merkel, mit der sich Löw übrigens an seinem Zweitwohnsitz in Berlin getroffen hat. Man tauschte die Abschiedsgedanken aus.

Lange waren Merkel und Löw eine Konstante für das Land, sie seit 2005 an der Macht, er eben seit 2006 im Amt. Die Bundeskanzlerin verlor viele Menschen durch ihre Willkommensstrategie in der Flüchtlingskrise 2015, der Bundestrainer durch das WM-Desaster 2018 mit dem Aus in der Vorrunde.

Bei beiden waren Züge von Starrsinnigkeit zu verorten. Beide treten nun den selbst verordneten Rückzug an – aber noch weiß niemand genau, ob das nicht eigentlich zu spät kommt. Beide werden noch einmal an den letzten Ergebnissen gemessen: am Abschneiden bei der Bundestagswahl und bei der EM.

Kann Löw seine Mannschaft bei diesem paneuropäischen Event, wegen Corona um einen Sommer verschoben, noch einmal mitreißen und bis ins Halbfinale nach London, vielleicht sogar ins Endspiel am 11. Juli in Wembley geleiten? Bei der EM 2008, seinem ersten Turnier, verlor Löw erst im Finale gegen deutlich bessere Spanier (0:1).

Löw ist Respektperson, aber kein Menschenfänger

Zweifel an einem krönenden Abschied sind erlaubt, obwohl es Zuspruch gibt. Zumindest von den Marketingstrategen vom Deutschen Fußball-Bund: Zum Dänemark-Test (1:1) in Innsbruck überspannten Plastikfolien in Deutschland-Farben den Schwenkbereich der Fernsehkameras, darauf prangte der Schriftzug „Jogis Jungs“ über Gegengerade und Kurve. Vier Tage danach beim Lettland-Schützenfest (7:1) in Düsseldorf hieß es auf einmal „Titeljäger“. Aber passen die Slogans?

Es ist schwer vorstellbar, dass „Jogi“ seine „Jungs“ so mitreißt, wie das U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz mit einer No-Name-Truppe hinbekommen hat, die gerade den EM-Titel eingesackt hat. Kuntz, 58, ist zwar nur unwesentlich jünger als Löw, hat aber einen besseren Draht zur jungen Generation. Löw ist nicht solch ein Menschenfänger, eher Fachmann und Respektsperson, aus der mitunter die engsten Vertrauten nicht ganz schlau geworden sind, wie dieser Mann wirklich tickt.

Joachim Löw wird vor allem als Fachmann und Taktik-Experte von seinen Spielern geschätzt.
Joachim Löw wird vor allem als Fachmann und Taktik-Experte von seinen Spielern geschätzt. © dpa/Federico Gambarini

Auffällig, dass vor allem der Trainerstab, die Betreuer und Helfer das Empfinden verspüren, dem loyalen Chef noch etwas zurückgeben zu müssen. Der selbst gewählte Abschied, auch eine Folge vom Vertrauensentzug von Verbandsseite nach der Lehrstunde gegen Spanien (0:6), würde bei den Mitarbeitern noch „etwas mehr Energie freisetzen, ein paar Extrapunkte“ schüren, verriet Assistent Marcus Sorg. Über Löw könne er sagen: „Er ist sehr sicher in seinen Dingen.“

Aber hat er wieder jenen Turnierinstinkt, der ihn durch die WM 2014 trug? Damals machte Löw, speziell rund ums Finale gegen Argentinien (1:0), alles richtig – die Einwechslung von Mario Götze war nur die letzte von vielen guten Eingebungen.

Löw nach der WM 2018: „Fast schon arrogant“

Doch davor und danach war auch Löw nicht unfehlbar. Die EM 2012 setzte er mit seinen Umstellungen beim Halbfinale gegen Italien (1:2) in den Sand, bei der EM 2016 vertraute er vor dem Semifinale gegen Frankreich (0:2) dem nicht mehr fitten Bastian Schweinsteiger.

Ja, und die WM 2018 war grundsätzlich ein Missgeschick auch vom Weltmeistercoach. „Fast schon arrogant“, gestand Löw später, sei sein Ansatz vom Ballbesitzfußball gewesen.

Ob die Transformation zum Umschaltspiel nun gelingt, weiß keiner. Der Offensivliebhaber hat umgedacht, beschwört die defensive Stabilität – aber noch immer wirkt das Team nicht fertig.

Turnier-Modus kommt DFB-Elf zugute

Ein erneutes Scheitern in der Gruppenphase ist nicht ausgeschlossen, weil die ersten Gegner Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal heißen, doch im Gegenzug kann ein Sieg gegen Außenseiter Ungarn schon reichen, um sich als einer der vier besten Gruppendritten ins Achtelfinale zu mühen.

Löw fordert „Gewinnermentalität“ ein, erwartet den vollen Fokus, den er selbst auf dieses Turnier legt. „Was ich an Joachim Löw immer geschätzt habe: Er hat seine Linie, seine Haltung, seine Vorstellung, wie er die Sache angehen will“, sagt sein langjähriger Wegbegleiter, der DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der Löw über all die Jahre beschützte.

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Eine Prognose für Löws letzte Mission traut sich auch der EM-Held von 1996 nicht wirklich. Ganz egal, wie es am Ende ausgeht, betont Löw: „Wehmut schwingt nicht mit. Überhaupt nicht. Ich weiß, es ist mein letztes Turnier, aber es war ja auch meine Entscheidung.“ Und mit der, beschied er, „bin ich eigentlich mit mir selber im Reinen“. Nach 15 Jahren ist das vielleicht sogar mehr wert als ein Titel.

Alles Wichtige zur deutschen Mannschaft und zur Fußball-EM 2021 - kompakt und übersichtlich im EM-Newsblog.

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