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So klingt der Fußball

Der Song von DJ Martin Garrix und den beiden U2-Mitgliedern Bono und The Edge wird bei der EM überall zu hören sein. Eine Betrachtung kurz vorm Anpfiff.

Der Fußball hat nicht nur lautstarke Fans. sondern auch eine allumfassende Begleitmusik.
Der Fußball hat nicht nur lautstarke Fans. sondern auch eine allumfassende Begleitmusik. © dpa

Von Gunnar Leue

Früher warfen sportliche Großereignisse lediglich ihre Schatten voraus, irgendwann wurden sie begleitet von jeder Menge Songs, vor allem, wenn es sich um Fußball-Welt- und Europameisterschaften handelt. Über zwei Dekaden existierte sogar ein musikhistorisches Phänomen: die singende Nationalmannschaft. Diese Darbietungsform von Fußballliedern erfreute sich vor etlichen World Cup-Turnieren einer gewissen Popularität.

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Als Erfinder des Mannschaftssingens auf Schallplatten gilt das englische Nationalteam. Es schwor sich 1970 mit der Aufnahme „Back Home“ auf die WM-Titelverteidigung in Mexico ein. In der Folge entwickelten sich singende Nationalmannschaften zu einer skurrilen Randsparte des Musikgeschäfts: Keine WM-Vorbereitung ohne Abstecher ins Tonstudio.

Bis heute stellt sich die Frage, ob eine heimliche FIFA-Regel existiert, die die Singübungen zum Bestandteil der WM-Qualifikation machte, um daran mitzuverdienen. Unklar ist zudem, warum es die Gesangseinlagen nur zu Welt- und nicht zu Europameisterschaften gab. Hatten sich die europäischen Auswahlteams vielleicht geweigert, alle zwei Jahre als peinliche Chorknaben in Erscheinung zu treten? Verfügten die UEFA-Funktionäre gar über musikalische Kompetenz, die sie vor Imageschäden für ihren Verband warnte? Oder war eine EM als Marketingplattform für die Plattenindustrie einfach nicht wichtig?

Saitentechnik und Pathospressing

Kreative Zurückhaltung übten sogar die Fans, ganz anders als vor WM-Turnieren. Zu den wenigen bemerkenswerten Produktionen gehört „Das Tor“, die Tom Dokoupil von der NDW-Band The Wirtschaftswunder mit Trio-Schlagzeuger Peter Behrens zur Heim-EM 1988 einspielte. Sie besticht mit Textkunst: „Ja wenn ein Tor fällt, ja wenn ein Tor fällt, dann baun wirs wieder auf!“

Allerdings gingen kaum EM-Beiträge in den Kanon des Fußballpops ein. Allein einer gleicht das große Nichts praktisch aus: „Football’s Coming Home“ der Lightning Seedssongs, die die Marketingverantwortlichen der UEFA 1992 einführten und die in der Regel eine fußballferne Aura haben.

Vorläufiger Höhepunkt des Nichtmitsingbaren: Der Standarddiscotrack „This One’s For You“, mit dem David Guetta zur EURO 2016 die Vorgabe „Feeling pur“ erfüllte, so wie es 2012 die deutsche Popfrau Oceana mit „Endless Summer“ tat und bei der Euro, die am Freitag beginnt, der holländische Star-DJ Marin Garrix im UEFA-Auftrag tun wird. Sein Song wird gefeatured von Bono & The Edge, bekannt und beliebt wegen ihres U2-Sounds aus filigraner Saitentechnik und wuchtigem Pathospressing. Im Videoclip zu „We are the People“ rollt der Ball frohgemut beim Tischkickern in wieder geöffneten Kneipen, in Kiezkäfigen und über Amateur-Rasenplätze. Alles hübsch bunt und bierwerbungsprickelnd, die pure Freude halt, dass es endlich losgeht mit dem Spiel und dem Turnier.

Bono & The Edge, das ist natürlich ein kleiner Coup. Das dürfte auch den FIFA-Kollegen von der WM-Song-Findungskommission klar sein, die bereits die Mucke für Katar 2022 planen. Ohne Song geht’s nämlich nicht. Ein Fußball-Großturnier ist in erster Linie ein Mega-Bespaßungsevent, für das der Partysound bei den massenkompatibelsten Musikanten gebucht wird.

Die Übertragungsanstalten ergänzen das amateurige „Schlaand“-Geblubber aus der YouTube-Röhre gern mit Profihymnen für die traditionellen TV-Zuschauer. 2016 schickte das ZDF Mark Forster mit dem bouranihaften Pathosschunkler „Wir sind groß“ auf die Tagesbilder-Strecke, derweil die ARD hoffte, mit dem Duett von Jung-DJ Felix Jaehn und Altsingmeister Herbert Grönemeyer eine Art Eier legende Wollmilchsau entdeckt zu haben. Der Song „Jeder für Jeden“ sollte wohl alle und jeden erreichen. Allerdings war der Mix aus glattem Elektropop und sperrigem Herbie-Gesang etwa so stadiontauglich wie ein Wildecker Herzbube als Vorsänger im Ultrablock.

„Helmut, senk den Steuersatz“

Wer nach den Ursprüngen der Verquickung von Nationalelf, Pathos und Turniermusik sucht, landet bei der EURO 96. Nach der oft verspotteten Performance von Berties Buben mit der Discoband Village People zur WM 1994 setzten die DFB-Kulturniks lieber auf gesittete Langweile. Für die Länderspiele wurde Musical-Star Anna Maria Kaufmann als Liveinterpretin der Nationalhymne gebucht und auch vorm EM-Finale gegen Tschechien auf den Wembley-Rasen geschickt. Nach dem Titelgewinn kam aber doch noch mal die Stunde der singenden Nationalspieler. Als Bundeskanzler Kohl zum Gratulieren in die Kabine kam, schallte der Chor: „Helmut, senk den Steuersatz!“ Soweit bekannt, ist es das einzige Musikstück einer DFB-Auswahl mit einer explizit politischen Forderung und leider auch nicht auf Platte erhältlich.

Etliche besonders bunte Blüten des Fußballpop sind nicht auf Tonträgern dokumentiert. Dazu gehört Musik, die 2006 in Berlin uraufgeführt werden sollte im Rahmen einer Megashow. Die gilt als bilanztechnischer Auslöser des Sommermärchen-Skandals. 6,7 Millionen Euro hat der DFB angeblich als Zuschuss für die Organisation der Eröffnungsgala 2006 an den Weltverband überwiesen. Der fungierte als Veranstalter für die Show im Berliner Olympiastadion, die dann allerdings nicht stattfand. Das Geld soll nicht zurückgeflossen, sondern vier FIFA-Mitgliedern zugutegekommen sein, die bei der Vergabe der WM 2006 pro Deutschland gestimmt hatten. Ebenso spannend wie die Wahrheit über den Geldtransfer ist eine andere Frage: Was sollte das eigentlich für eine Super-„FIFA World Cup Gala“ sein? Die FIFA versprach eine „Weltpremiere in der internationalen Fußballgeschichte“, die „die Massen begeistern“ würde. Dabei verwies sie auf das Dream Team, das der Österreicher André Heller als künstlerischer Leiter um sich geschart hatte: Der Regisseur der Inszenierung Philippe Decouflé (drehte u. a. Musikvideos für New Order), der Bühnenarchitekt Mark Fisher (designte für Pink Floyd und The Rolling Stones) sowie Musikregisseur Peter Gabriel. Er sollte mit Klangtüftler Brian Eno die Titelmusik der Gala komponieren.

Der Präsident des Organisationskomitees, Franz Beckenbauer, war sofort begeistert: „Das ist, als würde man Maradona, Pelé, Johan Cruyff und Di Stefano in einer Mannschaft zusammen spielen lassen.“ Der Vorverkauf der bis zu 750 Euro teuren Tickets verlief mau. Glaubt man Berichten über das nicht realisierte Drehbuch, hatte es allein der Abschluss der von Peter Gabriel komponierten dreißigminütigen World Music-Revue in sich: Nach dem abrupten Ende einer Trommelorgie mit Tausenden Percussionisten und Tänzern sollte aus der Stille kein Geringerer als Fußballfreund Bob Dylan erscheinen, um einen Song zu näseln. Ob die Zuschauer hernach noch Aug und Ohr für den pyroumkränzten Pianisten Lang Lang und die Black Eyed Peas besessen hätten? Leider konnte man es nie erfahren, da die Party ausfiel. War doch der FIFA eingefallen, dass der Rasen im Olympiastadion nicht rechtzeitig verlegt werden könnte.

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Dass das Turnier musikalisch in guter Erinnerung blieb, lag kaum an den Sportfreunden Stiller und Xavier Naidoo, sondern an Mogwai. Die verschafften dem WM-Finale einen tollen Nachhall im Progrock mit ihrem Album „Zidane“, das auch Soundtrack eines Films über den Ausnahmefußballer war. Zinedine Zidane hatte das Finale nach einer Roten Karte wegen eines Kopfstoßes gegen den provokanten Italiener Materazzi nicht zu Ende spielen dürfen, aber damit einen Fußballsong veranlasst. In „Coup de boule“ konservierte die französische Band La Plage den legendären Ausraster in einem launigen Tanzstück.

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